Röm 11,33-36; Mt 16,13-20

„Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen." Das sagt Jesus zu Simon Petrus. Was für eine Verheißung, und was für eine Aufgabe! Was mag sich da der liebe Petrus wohl gedacht haben? Wie kann ein schwacher Mensch der Fels sein, auf dem die Kirche gründet? Petrus war ja alles andere als fehlerfrei, er war ungestüm, wankelmütig, ein Hitzkopf, drei Mal hat der den Herrn verleugnet. Er hat nicht einmal Theologie studiert. Eignet sich so ein Mann für eine solche Aufgabe? Hat er überhaupt die nötigen Qualifikationen und Kompetenzen dafür, würden wir heute fragen?

Die katholische Theologie hat seit jeher aus dieser Stelle im Matthäusevangelium die göttliche Einsetzung des Petrusdienstes, also des Papstamtes gefolgert. Die Päpste sind die Nachfolger Petri, sie stehen in der Hierarchie der Kirche ganz oben, fast wie die Kaiser im Römischen Reich. Dem Papst kommt der Jurisdiktionsprimat zu, also die höchste rechtliche Gewalt in der Kirche, gegen die man nicht mehr appellieren kann: Roma locuta, causa finita. Aber genau wie Petrus und wie wir sind auch die Päpste nur schwache, sündhafte Menschen. Und so ist auch die Geschichte des Papsttums eine Geschichte von Licht und Schatten. Neben heiligen Päpsten gibt es da auch ganz dubiose Figuren, die ihre Macht missbraucht haben. Ist es überhaupt sinnvoll, wenn ein einzelner Mensch so große Autorität und Macht hat? Wäre nicht eine demokratisch organisierte Kirche viel besser?

Und dann noch das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit! Das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) hat bestimmt, dass Lehrentscheidungen des Papstes, sofern sie ex cathedra, also mit der höchsten Autorität getroffen werden, „aus sich" wahr sind, und nicht der Zustimmung der Kirche bedürfen. Wie kann ein Mensch unfehlbar sein? Ist das nicht eine gewaltige Anmaßung? Will man sich damit nicht einfach nur vor unliebsamer Kritik schützen? Schauen wir genauer hin!

Jesus fragt seine Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Und für wen haltet ihr mich? Vielleicht war das gar nicht nur pädagogisch gemeint, vielleicht war Jesus für sein Selbstverständnis auf andere Menschen angewiesen, nämlich darauf, welche Reaktion seine Botschaft bei anderen auslöste. Petrus ergreift mutig das Wort, er ist sozusagen der Sprecher der ganzen Jüngergemeinschaft: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!" Das ist eine Glaubensaussage, ein Glaubensbekenntnis. Petrus ist zum Glauben an Jesus als den Sohn Gottes gekommen. Und ein solcher Glaube ist nur möglich als Gnade, als das Werk Gottes im Menschen, als das Erfülltsein vom Heiligen Geist. Deshalb sagt Jesus: „Selig bist du, Simon Barjona, denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel." Nicht aufgrund seiner natürlichen Eigenschaften oder Vorzüge ist Petrus der Fels, sondern aufgrund seines gottwirkten Glaubens. Letztlich ist damit der Glaube an Jesus Christus und Christus selbst der Fels der Kirche. Und es braucht Menschen, die diesen Glauben leben und bezeugen, die ihre Brüder und Schwestern im Glauben stärken. Das tun sie dann im Namen Jesu, nämlich mit seiner Autorität und aufgrund seines Wortes.

Jesus ist ja nicht nur ein Religionsgründer oder ein moralisches Vorbild, seine Bedeutung ist unendlich größer. Jesus ist der, durch den wir Zugang zu Gott haben. An ihn als den Sohn Gottes glauben heißt, aufgrund seines Wortes sich mit ihm und um seinetwillen von Gott angenommen zu wissen, mit einer Liebe die von Ewigkeit her zwischen Vater und Sohn besteht, und die wir den Heiligen Geist nennen. Wir werden aufgenommen in sein Verhältnis zum Vater, keine Macht der Welt kommt dagegen an, auch nicht die „Pforten der Unterwelt". In diesem Glauben kann man aus einem letzten Vertrauen leben, nicht mehr beherrscht von der Angst um sich selbst.

Petrus bekennt diesen Glauben, er ist der Sprecher für alle. Und zugleich soll er der Lehrer für alle sein, er soll seine Brüder und Schwestern im Glauben stärken, ihnen diesen Glauben immer wieder neu zusagen, Mut machen, Brücken bauen. Darin ist er der Fels, wenn er diesen Dienst für die ganze Kirche ausübt. Der Schlüssel zum Himmelreich ist Christus und sein Evangelium. Die Schlüsselgewalt des Papstes muss dem Heil der Menschen dienen, ansonsten handelt es sich um Machtmissbrauch.

Und was ist nun mit der päpstlichen Unfehlbarkeit? Die Unfehlbarkeit des Papstes gründet letztlich in der Unfehlbarkeit der christlichen Botschaft. Man kann das Evangelium, das „Wort Gottes", nur mit dem Anspruch auf unbedingte Verlässlichkeit weitergeben. Es ist ein Wort, in dem selber das geschieht, wovon es redet, nämlich dass Gott sich uns schenkt. Ein solches Wort ist schlechthin verlässlich, man kann sich darauf im Leben und im Sterben verlassen. Nicht nur der Papst, alle Christen und Christinnen sind unfehlbar, wenn sie die christliche Botschaft bezeugen. Die Lehrautorität des Papstes ist insofern einzigartig, als sie um der Einheit der Kirche willen die Unfehlbarkeit des Glaubens aller unterstreicht. Darin besteht der Sinn des Papstamtes. Der Papst ist damit der Diener aller, so wie Jesus gekommen ist, um zu dienen, und nicht um zu herrschen.

Vielleicht haben Sie noch die Schlagzeile der Bild-Zeitung in Erinnerung als Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wurde: „Wir sind Papst!" Das war natürlich deutscher Nationalstolz. Aber unbewusst hat man damit auch eine theologische Wahrheit getroffen. Als fehlbare Menschen sind wir dennoch unfehlbar, wenn wir dem „Wort Gottes" vertrauen und es bezeugen. Als schwache Menschen dürfen wir lebendige Steine im Bau der Kirche sein. Die Kirche ist keine nur menschliche Erfindung oder Einrichtung. Unter allen Äußerlichkeiten und Fehlern führt sie die Mission Jesu in der Geschichte weiter: Die Kirche teilt den Menschen ihre wahre Wirklichkeit mit, nämlich dass sie mit Gott Gemeinschaft haben. Es darf uns mit Freude erfüllen, dass wir zu dieser Kirche gehören.

Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

 


 

Bild: Revolt über unsplash.com

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