Von ganzem Herzen vergeben

Mt 18,21-35

Neulich wurde im Fernsehen ein Gewaltverbrechen gezeigt, das tatsächlich stattfand. Da wurde eine Frau tot aufgefunden. Sie war schwanger mit ihrem zweiten Kind. Ihr Ehemann behauptete, sie habe mit einer Waffe hantiert und sich umgebracht. Doch die Ermittlungen ergaben, dass es nicht sie sein konnte, die geschossen hat. Vielmehr wurde immer klarer, dass ihr Ehemann der Mörder sein musste. Er wollte mit einer anderen Frau zusammenleben und hatte diese Tat genau geplant, begangen und alles so hergerichtet, dass es nach Suizid aussah. Er kam lebenslänglich hinter Gitter. Der Vater der ermordeten Frau sagte: „Ich hoffe, dass er für immer in der Hölle schmort."

Beleidigungen kann man vielleicht vergeben. Aber schlimme Verbrechen? Ich verstehe diesen Vater. Ich verstehe die vielen Opfer, die sagen: Nie und nimmer will ich dir vergeben.

Jesus hingegen vergibt und will dass wir, seine Jüngerinnen und Jünger, auch vergeben. Im Vaterunser lässt er uns geradezu bitten: „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Jesus will, dass wir vergeben lernen. Er erzählt eine Geschichte. Da werden einem Diener ca. 12 Milliarden Euro geschenkt, eine Summe, die er nie und nimmer verdienen könnte, 400.000 Jahreslöhne, und kurz darauf ist dieser Diener nicht bereit, die Rückzahlung von 9.600 Euro auch nur zu stunden. Jesus will mit dieser Geschichte aufrütteln und die Frage wecken: Wie ist es möglich, dass ein Mensch so hartherzig ist, nachdem er so viel Güte erfahren hat?

Das Gleichnis liefert mir einen Impuls, mein Leben zu betrachten. Ich könnte mit meinen Untaten beginnen, und mich fragen: Wie oft ist mir schon verziehen worden? Wie oft wurde über meine Fehler liebevoll und großzügig hinweggeblickt? Aber vielleicht fällt es mir schwer, bei Fehlern zu beginnen und ich stelle lieber die allgemeinere Frage: Wieviel ist mir in meinem Leben schon geschenkt worden? Bereits ein kurzer Blick sagt mir: Enorm viel. Es beginnt mit meinem Leben selbst. Die Eltern haben es mir geschenkt. Sie haben sich für mich entschieden. Wieviel Zeit, wieviel Geduld, wieviel Liebe, wieviele Mittel haben sie in mich hineingesteckt? In Kindergarten, Schule, Ausbildung: Hunderte von Menschen säumen meinen Lebensweg mit unzählbar vielen Diensten, die sie mir erwiesen haben. Aber auch jetzt: Am Morgen wache ich auf, ich atme, ich lebe, ich bin gesund, umgeben von wohlwollenden Menschen. Das ist nicht selbstverständlich. Habe ich einen Anspruch darauf? Steht es mir zu? Habe ich es verdient? Ich wüsste nicht wie. Ich fange an zu staunen und denke: Mir wurde viel geschenkt, mir wird viel geschenkt, viel mehr als ich je verdient habe und verdienen werde. Diese Betrachtung meines Lebens ist gut gegen Herzenshärte. Sie macht mich dankbar und weich und bereit, nicht immer zu rechnen und zu zählen, sondern auch zu schenken.

Jesus hat noch einen zweiten Impuls für eine Betrachtung. Er sagt zu Petrus: „Nicht siebenmal sollst du deinem Bruder vergeben, sondern siebzigmal siebenmal." Man kann das auch so verstehen: Ich habe eine Beleidigung, eine Kränkung erfahren und eine Mordswut auf jemanden. Manchmal betrifft sie auch Menschen, die schon gestorben sind und sich nicht mehr entschuldigen können. Aber meine Kränkung ist geblieben. Was mache ich? Ich gehe ins Gebet und versuche in Gottes Gegenwart zu verweilen. Da kommen dann auch die Erinnerungen, die Kränkungen und mit ihnen die Wut, der Zorn, der Schmerz. Wie gehe ich damit um?

Bruno Niederbacher SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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