Phil 2,1-11; Mt 21,28-32

Jesus ist eigentlich kein Charmeur, kein Charmebolzen. Er verteilt nur selten Komplimente. Er redet den Leuten nicht nach dem Mund, er schmiert ihnen keinen Honig ums Maul. Jede Art von Heuchelei ist ihm völlig fremd. Jesus hat die Freiheit, das zu sagen, was er sich wirklich denkt. Er muss sich kein Blatt vor den Mund nehmen, er schielt nicht auf Applaus, weil er im Letzten nicht auf die Anerkennung von Menschen angewiesen ist, sondern ganz aus der Anerkennung durch seinen himmlischen Vater lebt. Aber so eine Haltung bringt natürlich auch Konflikte mit sich. Wenn man nicht mit den Wölfen heult, dann wird man oft angefeindet und abgelehnt. Vielleicht kennen sie das Sprichwort: „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd." Alle Propheten können davon ein Lied singen.

Im heutigen Evangelium konfrontiert Jesus wieder einmal die tonangebenden Leute, die religiösen und gesellschaftlichen Autoritäten, nämlich die Hohepriester und die Ältesten: „Amen, ich sage euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr." Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Im Grunde heißt das: Die Menschen, die ihr als den letzten Dreck verachtet, sind dem Heil näher als ihr es seid. Denn die Zöllner und Dirnen waren ja damals der letzte Dreck, sozial ausgeschlossen, als Sünder geächtet, kultisch unrein, hoffnungslose Fälle. Was meint Jesus damit? Wie kann man das verstehen? Warum gelangen die Zöllner und Dirnen eher in das Reich Gottes als die Hohepriester und die Ältesten? Zöllner und Dirnen sind ja schließlich auch nicht die besseren Menschen.

Jesus bringt ein Gleichnis. Ein Mann hat zwei Söhne. Der eine Sohn verschließt sich zunächst dem Willen des Vaters, dann reut es ihn aber und er führt den Auftrag aus. Der andere Sohn gibt sich ganz dienstbereit, aber auf seine Worte folgen keine Taten. Das Gleichnis hat eine ethische und eine theologische Pointe. Die ethische Pointe besteht darin, dass man von schönen Worten und bloßen Gesinnungen allein nichts hat. Mit Erich Kästner gesprochen: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es." Jede moralische Selbstdarstellung wird peinlich, alles großmundige Reden über Moral und Anstand wird lächerlich, wenn das eigene Leben dem gar nicht entspricht. Liebe will konkret sein, sie muss mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden, und das ist nicht immer leicht. Am besten ist es, wenn man gar nicht viel redet und einfach das tut, was in der gegebenen Situation notwendig und hilfreich ist. Der zweite Sohn umgibt sich mit einem moralischen Heiligenschein. Aber er handelt nicht danach, weil er im Grunde seines Herzens egoistisch bleibt.

Die theologische Pointe des Gleichnisses besteht darin, dass man ohne Umkehr nicht in das Reich Gottes kommt. Ich muss einsehen, dass ich nicht auf dem richtigen Weg bin, ich muss mich in Frage stellen lassen können, an meiner Rechtschaffenheit zweifeln, damit ich offen sein kann für das Evangelium, für die rettende Botschaft. Denn Jesus ist gekommen, um die Sünder zu berufen. Wer von seiner eigenen Gerechtigkeit überzeugt ist, für den ist es unmöglich, sich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt, schenken zu lassen. Aber niemand ist wirklich gerecht, niemand kann von sich aus Gemeinschaft mit Gott haben. Man kann tun, was man will, dadurch kommt man keinen Millimeter näher zu Gott. Gemeinschaft mit Gott ist nur so möglich, dass wir Anteil bekommen am Verhältnis Jesu zum Vater, dass wir hineingenommen werden in die Liebe des Vaters zum Sohn, erfüllt werden vom Heiligen Geist. Jesus Christus ist der einzig Gerechte, und im Glauben an ihn und seine Botschaft erhalten wir Anteil an seiner Gerechtigkeit. Gott liebt uns nicht, weil wir gut wären, sondern weil Er gut ist. Er nimmt uns zusammen mit Jesus an, er liebt uns um Jesu willen. Auf diese Liebe ist im Leben und im Sterben Verlass.

Die Hohepriester und die Ältesten lehnen die Glaubensbotschaft ab, weil sie ganz von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt sind, weil sie in ihrer Selbstgerechtigkeit gefangen sind. Sie sehen gar keine Notwendigkeit zur Umkehr, es ist ja alles in Ordnung mit ihnen. In ihrer Scheinfrömmigkeit wollen sie im Grunde gar nicht von Gott und seiner Gnade abhängig sein. Sie wollen und können sich das Heil nicht schenken lassen. Die Zöllner und die Dirnen aber sind gerade wegen ihrer prekären Lage nicht so selbstgerecht, sie wissen, dass es mit ihnen nicht zum Besten steht, das wird ihnen Tag für Tag schmerzhaft vor Augen geführt. Vor allem bei ihnen fand Jesus die Bereitschaft, umzukehren und sich der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen. Und deshalb sagt Jesus, dass Zöllner und Dirnen eher in das Reich Gottes gelangen als die Hohepriester und die Ältesten. In das Reich Gottes kommt man nicht, weil man das irgendwie verdient oder weil man besser ist als andere, sondern weil man sich auf die Zusage Jesu einlässt und letztlich nur auf Gott vertraut. Aber dann ändert sich auch das ganze Leben, dann wird es allmählich zu einem Leben in Christus Jesus, so wie es Paulus im Brief an die Philipper beschreibt.

Wahrscheinlich hat jeder von uns beide Anteile in sich, den Hohepriester und den Zöllner, den Ältesten und die Dirne. Immer sind wir eingeladen, umzukehren, der Botschaft Jesu zu vertrauen, neu zu beginnen mit dem Glauben. Einmal, wenn uns im Tod alles genommen wird, wenn wir alles loslassen müssen, werden wir ganz arm vor Gott stehen. Das ist sehr tröstlich. Denn dann werden wir endgültig offen sein für seine unendliche Liebe, für das Reich Gottes.

Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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