Auf krummen Zeilen gerade!
Predigt in der Jesuitenkirche am Sonntag, 4. Oktober 2020 um 11.00 Uhr

Das sind böse Geschichten. Geschichten, die wir gehört haben. Es sind allerdings Geschichten, die vom gesunden Menschenverstand strukturiert sind, Geschichten, die von Realisten, von Realpolitiker aller Zeiten geschätzt werden. Sie erzählen ja vom Wert der Investmentlogik, dem Investment in eine gute Zukunft. Sie erzählen aber auch von der Fragilität, vom Risiko aller Investitionen. In beiden Fällen gibt es da einen Mann, einen Menschen, der im sprichwörtlichen Schweiße seines Angesichts sich um ein Grundstück Boden bemüht und alles, aber gar alles investiert, was es für einen guten Ertrag braucht. Also: den Boden umgraben, die Reben einpflanzen, einen Kelter erbauen und einen Wachturm. Und dann? Dann heißt es warten. Warten auf den Ertrag, warten, dass sich die Geldinvestition lohnt und auch die Zeit und die Arbeit. Warten... vier, fünf Jahre lang bis der Weinberg zum ersten Mal so richtig etwas abwirft. Doch: Ohne Überraschungen geht es im Leben scheinbar nicht. Alle Hoffnungen zerplatzen wie Seifenblasen und alles Planen geht ins Leere. Die Katastrophe ist perfekt: nicht die süßen Trauben, sondern faule, saure Beeren liefern die Reben. „Uhudler zur Potenz", könnte man sagen. Die Enttäuschung des Mannes ist verständlich. Und sie kennt keine Grenzen. Über das Missgeschick der Natur frustriert, zerstört der Mann seinen Weinberg; in Folge wird dieser zum Brachland. Alle Mühe also umsonst?

In der Erzählung des Evangeliums geht es noch schlimmer zu. Der fleißige Gutsbesitzer schließt einen Pachtvertrag ab, vertraut das Ergebnis seiner Arbeit anderen Menschen an, hofft auf die Ehrlichkeit und muss eine Enttäuschung sondergleichen erleben. Er wird Opfer der Betrüger, Opfer rücksichtsloser Gewalttäter und Mörder, gar der Mörder seines Sohnes. Da braucht es nicht viel Überlegen bei der Frage, was der Arme nun tun wird. „Genug ist genug!" Er wird dem bösen Treiben ein Ende setzen. Ganz nach der Logik „Zahn um Zahn" wird er die Mörder seines Sohnes umbringen.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, das sind böse Geschichten, diese Geschichten aus dem Alltag, Geschichten, die unsere heutige Eucharistiefeier prägen. Seit Jahrhunderten bereiten sie auch den Predigern und Auslegern Kopfzerbrechen, weil zwei systematische Fragen über Gott und seine Sache den Menschen unter den Fingernägeln brennen. Erstens: wollte der Prophet Jesaja mit seinem „Lied vom Weinberg" den Schwanengesang anstimmen auf das Ende der Logik der göttlichen Erwählung? Das Ende, das durch menschliches Fehlverhalten provoziert wird? Jahrhundertelang ruhten sich christliche Prediger und Theologen in der Bequemlichkeit folgender Perspektive aus: „Das erwählte Volk Israel, die von Gott geliebte Synagoge: Adieu! Ihr habt eure Chance vertan. Seid selber schuld. Der Weinberg wurde anderweitig verpachtet. An uns!" 2020 wird es kaum jemand mehr wagen, noch so zu denken. Und doch grassiert die gleiche Logik in weiten Kreisen. Nur werden anstelle von Israel und Synagoge die Kirche im Allgemeinen und die Kleriker im Besonderen gesetzt und angeklagt: „Ihr liefert nicht nur die faulen und sauren Beeren, ihr zerstört auch all die Reste gesunder Weinbergkultur durch eure Reformunwilligkeit. Der Pachtvertrag an die Kirche ist ausgelaufen. Wir, wir sind die neuen Lieblinge Gottes, oder wessen auch immer...!" Wollte der Prophet solch Schwanengesänge vom Ende der Logik der Erwählung anstimmen? Und die zweite Frage: Wollte Jesus mit seinem Gleichnis die Logik „Genug ist genug" im göttlichen Willen verankern? Wollte er Gottes Geduld und Gottes Barmherzigkeit mit dem Hinweis auf die Rache Gottes eingrenzen? So ganz nach dem Motto: Je geduldiger Gott in diesem Leben sich zeigt, umso unnachgiebiger wird er im Jenseits sein? Viele fromme Zeitgenossen, jene vor allem, die erschrocken sind über das allgemeine Chaos, über Korruption und Gewalt, über Missachtung ethischer Grundsätze, denken mit Wehmut an die alten Zeiten zurück, als die Menschen noch Angst hatten vor der Rache Gottes und vor der Hölle und sich deswegen auch „anständiger" benahmen. Und was macht der heutige Prediger?

Liebe Schwestern und Brüder, wenn irgendwann, dann heute, am 27. Sonntag im Jahreskreis: Lesejahr A, muss er zum Sprachrohr seines Lehrers, des Innsbrucker Dogmatikers, der in der Krypta unserer Kirche begraben ist, P. Raymund Schwager werden. Und dies deswegen, weil diese bösen Geschichten in seiner Theologie eine zentrale Rolle spielen. Mehr noch: seine Theologie vermag es, all die traditionellen und heutigen Sackgassen zu sprengen. Er liebäugelte weder mit der Versuchung, die das Ende der Erwählungslogik den Anderen an den Kopf knallt, noch mit der Lösung durch den Hinweis auf das janusköpfige Gesicht Gottes. P. Raymund Schwager verabschiedete sich in seiner Theologie von einem einlienigen Denkmodell, das uns alle höchstens zum Moralismus verführt. Und angesichts vom Misserfolg nur noch die Anschuldigung und die Sündenbockjagd kennt. Er öffnete mir und vielen anderen Studierenden die Augen für den Mehrwert dramatischer Logik, von der die biblischen Schriften strukturiert sind. Und worum geht es dabei? Um die schlichte Erfahrung, dass durch qualitativ neue Situationen unsere vertrauten Bilder von Gott eine Korrektur erfahren. Davon war auch Jesaja und wohl auch Jesus nicht ausgenommen, jener Jesus, der noch im Ölgarten schweißgebadet um die Erkenntnis des Willens des Vaters gerungen hat. Was hat aber diese allgemeine Bemerkung mit unseren Texten zu tun? Das Geschick Jesu korrigiert die Logik seines Gleichnisses. Das Geschick Jesu stellt weder die Rationalität des prophetischen Denkens in Frage, noch den ethischen Ernst. Wohl aber: es unterwandert diese. Und zwar im Kontext der ganz konkreten Menschen. Angesichts ihres ganz konkreten Versagens. Die Ermordung des Sohnes, die Auslieferung und Kreuzigung Jesu zogen nämlich andere Konsequenzen als die, von denen unsere bösen Geschichten erzählen. Der himmlische Vater hat die Mörder seines Sohnes nicht niedergemetzelt. Er entzog auch sein Wohlgefallen weder der Synagoge noch der Kirche. Er hat auch nicht diejenigen bestraft, die gegen den Sohn gehetzt haben, die ihn auch heute verleumden, verraten und danach zur Tagesordnung übergehen. Der himmlische Vater ließ es zwar zu, dass sein Sohn getötet wurde, er weckte aber den Gekreuzigten auf. Er schickte ihn auch mit dem Versöhnungswort zu jenen, die sich in ihrer Gier, in ihrer Selbsttäuschung, Lüge und Frustration verfangen hatten: „Friede sei mit Euch!"

Mit diesem Schritt überschreitet Gott die Grenzen des gesunden Menschenverstandes. Weil er angesichts des Vorgefallenen, angesichts der ganz konkreten Menschen, Menschen, die furchtbar versagen, die sich in ihrem Scheitern, in der Frustration, in den Sackgassen des Bösen verfangen: weil er diesen ganz konkreten Menschen das Wort der Vergebung schenkt. Und auch einen neuen Anfang ermöglicht. Durch seine schöpferische Kraft. Diese Radikalität des Glaubens überschreitet all den ethischen Ernst und all die Frömmigkeitsübungen anderer Religionen. Die in der Gegenwart so populäre Rede vom gemeinsamen Kern der Religionen, die Reduktion des religiösen Glaubens auf den ethischen Ernst müssen von uns Christen nicht nur mit den „bösen Geschichten" heutiger Lesungen konfrontiert werden, sondern, und dies vor allem, mit der Korrektur der dort greifbaren Logik durch das Geschick Jesu. Erst da enthüllt sich uns der Sinn des dunklen Wortes vom Stein, den die Bauleute verworfen haben, der aber zum Eckstein eines neuen Lebens wird. Durch das Geschick Christi wird die Rolle des Ecksteins deutlich. Es ist der Preis, den Gott selber zahlt in Anbetracht all der faulen und sauren Beeren, die wir tagtäglich hervorbringen. In Anbetracht all des ethischen Versagens, der tagtäglich sichtbaren „Katastrophe der Ethik" dürfen wir nicht bei den ethischen Appellen stehenbleiben. Vielmehr müssen wir das eigentliche Zentrum unseres Glaubens deutlich machen: Gott rächt sich nicht und zieht sich auch nicht zurück. Durch die Hingabe seines Sohnes ermöglicht er Wandlung: Transformation der Katastrophe. Auf krummen Zeilen schreibt er gerade! Dieses Wunder feiern wir in jeder Eucharistiefeier, auch oder gerade heute. Wo wir die bösen Geschichten hörten, aber auch deren Korrektur durch die sakramentale Wandlung erleben.

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

Adresse

Karl-Rahner-Platz 2
6020 Innsbruck
+43 512 5346-0

Kontoverbindung: Jesuitenkolleg Innsbruck
Raiffeisen Landesbank Tirol
IBAN: AT35 3600 0000 0350 5500

Jesuit werden

Wir sind Ordensleute aus Leidenschaft für Gott und die Menschen.

mehr dazu

Suche

Jesuiten-Logo

Jesuitenkirche Innsbruck •

powered by webEdition CMS