Predigt vom 18. Oktober 2020 zum Nachlesen

von Roman Siebenrock

Symbol

Glaube, Hoffnung, Liebe und eine Unterscheidung Jesu, die unsere Weltgeschichte geprägt hat

„So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!" Kaum ein Satz des Evangeliums hat eine solche geschichtliche Wirkung gezeitigt, wie diese Antwort Jesu. Dieser Satz hat die Geschichte des Westens wie kaum ein anderer Satz geprägt.

Von Anfang an steht der Disput um den Zinsgroschen zwischen Jesus und den Pharisäern in einem prekären Licht. Die religiösen Autoritäten wollten Jesus in die Falle laufen lassen. Sie hatten ja auch ein entsprechendes Publikum mitgebracht. In der Konstellation, die die Frage erstellt hatte, hätte Jesus nur verlieren können. Denn es war ja in der Frage eine viel gefährlichere Frage verborgen: Durfte der Kaiser in Gottes eigenem Land Steuer erheben? Das aber war keine Faktenfrage, sondern eine radikal religiöse. Denn selbstverständlich wurden Steuer eingehoben. Deshalb lautete die Frage und jetzt sind alle im Lande eingeschlossen: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?" So gefragt, müsste die Falle zuschnappen: Antwortete Jesus mit JA, dann verstieß er gegen die religiöse Grundüberzeugung der glaubenden Juden, dass Gott allein Herr und Eigentümer des Landes sei – und es wäre mit seiner Autorität doch nicht so weit her. Antwortete er mit NEIN, dann wäre er ein Aufsässiger gegen die Römer und hätte sich als Zelot geoutet. Und weil vor und zur Lebenszeit Jesu auch mit der Weigerung, Steuer zu zahlen, Aufstände, die blutig niedergeschlagen worden sind, im Land gegen die Römer begründet wurden, ist die Lage für Jesus in dieser Konstellation schlicht lebensgefährlich.

Aber was meint Jesus nun wirklich mit seiner Aufforderung? Gewiss nach Wittgenstein erweist sich Jesus hier als genialer Philosoph: Er zeigt immer wieder der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas! Er dreht die Frage um und stellt die Fallensteller selbst in den Käfig ihrer eigenen Frage. Ihr seht das Bild, dann handelt danach! Aber was hat Jesus nun wirklich damit gemeint? Was Jesus in diesem Augenblick selber gedacht hat, weiß ich nicht. Wir können nur darüber nachdenken, welche Wirkungsgeschichte diese Aussage hatte, um auch heute der Forderung Jesu gemäß handeln zu können. Immer liefert sich Jesus mit seiner ganzen Gestalt der Kirche, damals den ersten Zeuginnen und Aposteln, aus; heute vertraut er sich ganz uns an. Wir sprechen, wie Paulus, von seiner Kraft im Geist. Deshalb müssen wir uns, wenn wir einen einzelnen Satz oder eine einzelne Handlung Jesu verstehen wollen, immer die Gesamtgestalt des Herrn vor Augen halten.

Grundsätzlich gilt immer: Jesus geht es immer und zuerst um Gott, seinen Vater und unseren Vater; dass sein Gesetz, seine gute Tora, unseren Lebensraum bestimme, weil dadurch Leben in Friede und Gerechtigkeit, ein Leben, das aus der Liebe kommt, immer mehr möglich wird. Denn was war denn damals auf dem Silberdenar, den ja nur die Besatzungsmacht prägen durfte, zu sehen? Ein Bild des Kaisers und die Inschrift: „Kaiser Tiberius, des vergöttlichten August anbetungswürdiger Sohn". Im Angesicht eines solchen Denars ist eine Grundbestimmung Jesu eindeutig: Gott und Kaiser dürfen nicht verwechselt werden. Und: Gott steht immer über dem Kaiser und der Kaiser ist niemals Gott. Jesu Antwort ist eine selbstverständliche Antwort aus dem Glauben Israels und unterläuft radikal die religionspolitische Vergöttlichung des Staates, der ja im Kaiser verkörpert ist. Das bedeutet aber nicht, dass der Kaiser keine Ansprüche als politisch Verantwortlicher an die Glaubenden erheben könnte. Deswegen gibt er die Frage radikal zurück: Von dieser Unterscheidung aus, habt Ihr (und jetzt meint das Evangelium immer auch uns) selbst nachzudenken: Was müssen und sollen wir dem Staat geben, wenn diese Grundunterscheidung einmal gesetzt worden ist?

Die frühen Christen haben diese Aufgabe vertieft. Paulus hat im Römerbrief (Kap. 13) diese Unterscheidung in ein neues Licht gesetzt. Diese Unterscheidung verlange auf der einen Seite die Anerkennung der Obrigkeit als von Gott gegeben, auf der anderen Seite seien wir Christgläubige aber BürgerInnen des Himmels, die frei der weltlichen Obrigkeit gehorchen können. Das gibt der Herrschaft keinen Freibrief auf Loyalität, denn es gilt immer, was Petrus und die Apostel (nach der Apostelgeschichte) in eine zweite zentrale Orientierung gefasst haben: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5,29). Deshalb hatten die Christgläubigen seit dem Ende des 1. Jahrhunderts (1 Klemens 45) auch in der Verfolgung für den Kaiser gebetet, aber ihn niemals als Gott anerkannt.

Im Mittelalter ist ein zweites Bild wichtig geworden, das Papst Gelasius I. am Ende der Antike verwendet hat: die Lehre von den zwei Schwertern. Demnach habe Gott zwei Schwerter gegeben, um die Welt zu regieren: ein weltliches und ein geistliches. Dass daraus zwischen Papst und Kaiser Rivalitätskämpfe entstanden sind, war wohl unvermeidbar. Wir kennen ja alle den Investiturstreit und den berühmten Gang Heinrichs IV. nach Canossa zu Papst Gregor VII. (1077). Aus dieser ersten Revolution Europas sind unsere Gesellschaften mit ihren Freiheitsräumen entstanden, auch wenn es noch so viele Konflikte gegeben hat. Heute wissen wir und halten auch als Kirche daran fest: Die Kirchen haben gelernt, ihre Freiheit zu behaupten, die auch darin liegt, dass sie darauf verzichten, weltlich-staatliche Macht zu gebrauchen, um das Evangelium zu verkünden. Johannes XXIII. hat gesagt, dass die Kirche nur so für ihre eigene Rechte eintritt, dass die Rechte aller gewahrt werden. Der Kampf um Kirchenfreiheit ist daher immer auch ein Kampf um die Freiheit aller Menschen. Die Staaten wiederum haben gelernt, dass der Raum für die innerste Überzeugung der Menschen offengehalten werden muss. Die Meinungs- und Gewissensfreiheit und die freie Lebensgestaltung der BürgerInnen geht den Staat nichts an. Er hat die Aufgabe eine Gerechtigkeits- und Friedensordnung in der Zeit zu errichten und benötigt dafür, und hier liegt die Aufgabe von uns Glaubenden heute, nicht nur die Folgsamkeit, sondern die aktive und kreative Zustimmung seiner BürgerInnen. Denn in dieser Freiheit liegt ein reales Risiko. Aber dieses müssen wir eingehen, wenn Staat oder Kirche nicht in Tyrannei und Totalitarismus verfallen wollen.

Wir müssen darauf vertrauen, dass die Menschen in ihrem Gewissen verantwortlich und gut zu handeln vermögen. John Henry Kardinal Newman, der vor mehr als einem Jahr in Rom heiliggesprochen worden ist, hat die Regel, die wir befolgen können, in eine überzeugende Formel gebracht: „Sollte entweder der Papst oder die Königin von mir einen ‚absoluten Gehorsam' verlangen, so würde er oder sie die Gesetze der menschlichen Gesellschaft übertreten. Absoluten Gehorsam erweise ich keinem von beiden" (P 157). Wir sind also unserem Gewissen verpflichtet. Das hatte schon vor ihm Thomas von Aquin gelehrt. Das Gewissen ist also, auch wenn es sich irren kann, der letzte Maßstab für jede einzelne Person. Deshalb konnte Newman noch mit einem Augenzwinkern hinzufügen: „Wenn ich genötigt wäre, bei den Trinksprüchen nach dem Essen ein Hoch auf die Religion anzubringen (was freilich nicht ganz das Richtige zu sein scheint), dann würde ich trinken – freilich auf den Papst, jedoch zuerst auf das Gewissen und dann erst auf den Papst" (P 171). Also: Erst das Gewissen, dann die öffentliche Autorität! Bedeutet dies, dass jede willkürliche und noch so seltsame Meinung und Handlung Anerkennung verlangen könnte? Das hatte Newman schon von vornherein ausgeschlossen. Denn für ihn ist das Gewissen ein Ruf in die Pflicht und nicht die Rechtfertigung individueller Willkür. Deshalb müssen wir unser Gewissen bilden; und selbstverständlich sagt Newman, dass wir auf den Staat und auf Kirche hören müssen; in weltlichen Dingen zuerst auf den Staat, in religiösen aber zuerst auf den Papst. Dieses Hören nimmt uns aber unsere eigene Verantwortung nie ab! Damit stehen wir unter modernen Voraussetzungen wieder bei der Aufforderung Jesu: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, gebt Gott was Gottes ist.

Was bedeutet dies heute, in Zeiten der Coronakrise, da der Staat öffentliche Gottesdienste verboten oder auch heute mit Schutzmaßnahmen eingeschränkt hat? Sollen wir die Maskenpflicht einhalten und z.B. auch auf die Mundkommunion verzichten, auch wenn sie uns so lieb geworden ist, dass sie unverzichtbar erscheint? Wie können wir beiden Verpflichtungen als BürgerInnen und als Christgläubige gerecht werden? Mir scheint, dass Paulus im ältesten Text des Neuen Testaments eine noch heute hilfreiche Orientierung gegeben hat, die er in Kapitel 13 des ersten Korintherbriefes als Grundregel formuliert hat. Paulus interpretiert mit seiner Orientierung die Toraregel Jesu, mit der der Herr Gesetz und Propheten zusammenfasst: Du sollst den Herrn, Deinen Gott aus ganzem Herzen lieben, und Deinen Nächsten, wie dich selbst. Die uns gegebene Orientierung zur Bildung des Gewissens ist Glaube, Hoffnung und Liebe, die ihren Maßstab an der Gestalt Jesus finden. Deshalb dürfen wir nicht nur fragen, ja nicht einmal zuerst fragen, was gefällt mir, sondern wie kann ich dem anderen dienen. Paulus gibt in den Konflikten der jungen Gemeinden ganz klare Anweisungen. In Philippi stellt er der Gemeinde den sich entäußernden Jesus als das produktive Beispiel der Gemeinde vor Augen und sagt: „Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen" (Phil 2,4). Deshalb ist für ihn zentral, dass um der Einheit der Gemeinde willen, die Starken auf die Schwachen Rücksicht nehmen und die sogenannten Schwachen, ihre Schwäche nicht zum Gesetz für alle machen. Es gilt: „Denn keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn" (Röm 14,7-8). Das bedeutet, ohne dass ich Ihnen Vorschriften zu machen hätte: Jeder prüfe sich in der Liebe und achte zuerst auf den anderen. Dann mag er sich überlegen, ob er nicht doch die Maske anzieht oder auf die Mundkommunion um der anderen Willen verzichtet. Wir Christgläubige sollten die Regeln, die zum Schutz der anderen gegeben worden sind, frei einhalten. Wir müssen nicht dieses oder jenes um jeden Preis. Wir sind frei gesetzt und können daher ohne Zwang auch auf geliebte Gewohnheit verzichten, wenn es den Anderen zum Segen wird.

Und solche Haltungen, die aus Glauben, Hoffen und Liebe erwachsen und stets von ihnen genährt werden, sind heute nicht nur für uns Glaubende, sondern für alle absolut notwendig. Fragen wir uns einmal: Können wir unseren WissenschaftlerInnen glauben? Können wir darauf vertrauen, dass sie Sachverstand, hinreichendes Wissen und redliche Genauigkeit besitzen, die Situation ohne Eigeninteresse im Dienst an den anderen einzuschätzen? Können wir das, auch wenn ihre Stimmen vielfältig sind und die Wissenschaft niemals absolute Gewissheit vermitteln können wird? Und können wir diese Situation aufrecht, heiter und human bestehen, wenn uns nicht die Hoffnung in das Leben beseelt? Eine Pandemie wird ja nicht im Labor entschieden, sondern in der Öffentlichkeit und der alltäglichen Disziplin. Allein im Wissen unserer Wissenschaften und dem zuversichtlichen Glauben in ihre Verlässlichkeit und in das Leben kann jene Hoffnung wachsen, die allein uns dazu befähigt, die Situation human und aufrecht durchzustehen.

Das ist für unsere Gesellschaften absolut neu, weil wir ja von der Machbarkeit und prinzipiellen Beherrschbarkeit durchdrungen waren und noch sind. Natürlich wissen auch moderne Menschen, dass es Neues, Unvorhergesehenes und Bedingtes gibt. So vieles könnte auch ganz anders sein. Aber das, diese Kontingenz, könnten wir ja prinzipiell bewältigen. Solcher Optimismus ist heute unangebracht: Wir werden das nicht einfach bewältigen, wir werden damit zu leben haben. Wir müssen uns also immer wieder neu ausrichten und der grundlegenden Unsicherheit immer wieder mit Glaube und Wissen, aber auch in Hoffnung begegnen. Ist das aber verantwortbar vor Gott? Oder sind wir auf dem Weg zu einer totalitären Gesellschaft, gegen die jene Märtyrer Widerstand geleistet haben, an die in unserer Kirche in der Ignatiuskapelle erinnert wird? Können wir ihnen redlich gedenken und der Obrigkeit heute alles so abnehmen?

Das Evangelium gibt uns für diese Frage, wie ich schon gesagt habe, eine hinreichend klare Orientierung: Die Liebe. Das heißt: Sind in den Maßnahmen dieser Zeit die Maßstäbe von Gerechtigkeit und Solidarität, von Eintreten für die Schwachen und Marginalisierten, hinreichend eingehalten worden? Ich weiß, dass es dafür wiederum keine eindeutige Antwort gibt. Weder die Wissenschaft noch die Obrigkeit, die ja diese Situation vorher nie erlebt haben und daher immer auch Fehler machen werden, kann und darf uns unser eigenes Leben abnehmen. Deshalb müssen wir um den richtigen Weg immer wieder neu ringen, persönlich und gemeinschaftlich. Christgläubige können aber eine Regierung und ihre Maßnahmen solange mittragen, solange der Maßstab der Liebe, die als Gerechtigkeit und Solidarität politischer Alltag wird, eingehalten wird. Und dann sollen wir diese Maßnahmen nicht nur mittragen, sondern vorbildlich erfüllen. Denken wir immer zuerst an die anderen!

Das scheint mir auch im Wort Jesu zu liegen, der mit seiner Rückantwort, die Fragenden auf ihre Vernunft und ihre eigene Erfahrung zurückgeworfen hatte. Jesus nimmt auch uns unser Leben nicht ab, er geht mit uns und befähigt uns, unser Kreuz zu tragen. Wenn wir sein Joch, sein Leben nach dem Willen Gottes, auf uns nehmen, trägt er immer mit. Deshalb ist die heuchlerische Aussage, mit der nach dem Evangelium heute die Falle eingeleitet worden ist, gar nicht falsch, sondern ziemlich zutreffend: „Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person."

Ja so ist Jesus. Er lehrt den Weg Gottes. Aber er antwortet oft anders als erwartet. Was wir auch immer tun mögen: den Raum für Gott in unserem Leben sollen wir offenhalten; nicht wie wir wollen, sondern wie der unbegreifliche Gott selbst in unserem Leben auf seine Weise ankommen möchte. Woran aber werden wir seine Ankunft erkennen können? An jenen Haltungen, die Paulus in die Mitte christlicher Existenz gestellt hat: Glaube, Hoffnung und Liebe. Das größte aber ist die Liebe! Und die Liebe sucht immer zuerst das Wohl des Nächsten. So erfüllen wir, was als Erkennungszeichen aller Kinder Abrahams gilt und gelten sollte: Wir sollen zum Segen werden für alle Menschen (Gen 12,3).

Roman A. Siebenrock, Professor am Institut für Systematische Theologischen der Universität Innsbruck

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