Predigt vom 25. Oktober 2020 zum Nachlesen

von Robert Deinhammer SJ

Symbol

1 Thess 1,5-10; Mt 22,34-40

Das Leben kann manchmal ganz schön kompliziert sein. So viele Anforderungen, die wir erfüllen müssen. Und so viele gegensätzliche Stimmen, so viele Informationen, die sich zum Teil widersprechen. Auch die Experten sind sich oft nicht einig, gerade in der Corona-Krise zeigt sich das wieder. Was stimmt denn eigentlich? Wie soll man sich da orientieren? Wie kann man diese Ungewissheit aushalten? Wir wollen Eindeutigkeit, aber viele Situationen sind mehrdeutig und komplex. Wie kann man dieser Komplexität gerecht werden? Auch religiöse Menschen stellen sich solche Fragen. In der Kirche gibt es heute unterschiedliche Meinungen über ganz zentrale Fragen. Die Mehrheit hat nicht immer Recht. Woran kann man sich noch halten?

Im Matthäusevangelium fragt ein pharisäischer Gesetzeslehrer Jesus nach dem wichtigsten Gebot, um ihn zu versuchen, wie es dort heißt, also um ihn auf die Probe zu stellen, um ihm eine Häresie nachweisen zu können. Jesus hatte es oft mit solchen Leuten zu tun. Die Frage könnte aber auch durchaus ernst gemeint gewesen sein. Im jüdischen Gesetz gab es mehr als 600 Vorschriften, die man einhalten musste, um Gott zu gefallen. Das Leben war bis in die Einzelheiten hinein genauestens geregelt. Aber man konnte dabei leicht den Überblick verlieren und in dieser komplizierten Normenflut untergehen. Worum geht es denn eigentlich? Was ist Wesen des Gesetzes? Was ist das wichtigste Gebot?

Jesus bringt das Doppelgebot von Gottes- und Nächstenliebe. Er spielt die Gottesliebe nicht gegen die Nächstenliebe aus. Das erste und wichtigste Gebot ist die Liebe zu Gott. Ebenso wichtig aber ist das zweite, die Liebe zum Nächsten, den man wie sich selbst lieben soll. „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten." sagt Jesus. Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, darum geht es also im Grunde, daran hängt alles, das ganze Gesetz, das, was Gott von uns will. Die vielen Normen des Gesetzes müssen sich als Ausdruck und als Anwendung der Gottes- und Nächstenliebe verstehen lassen. Jesus schafft Klarheit, er interpretiert das Gesetz wieder in seinem ursprünglichen Sinn.

Das Gebot der Nächstenliebe können wir verstehen. Es geht darum, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen, und ihm dann das zu tun, was für ihn wirklich hilfreich ist. Nächstenliebe im Sinne Jesu ist nicht sentimental, sondern eher eine Entscheidung, die konkret werden muss. Wer seinen oder seine Nächste wie sich selbst liebt, der kreist nicht mehr ständig um das eigene Ego, der hält sich nicht mehr für den Mittelpunkt der Welt, der schwingt nicht nur große Reden, sondern der ist bereit, sich einzusetzen, auch wenn ihn das etwas kostet. Solidarität ist für ihn wichtiger als die eigene Leidfreiheit. Das ist ein sehr hoher Anspruch. Kann man ihn überhaupt erfüllen?

Hier kommt nun das erste Gebot ins Spiel, die Gottesliebe. Was heißt das eigentlich, Gott lieben? Gott ist ja kein Gegenstand des willentlichen Strebens, er wohnt im unzugänglichen Licht. Wie kann man den unbegreifbaren Gott, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde, lieben? Nun, die Liebe zu Gott besteht im Vertrauen auf Gott und seine Liebe zu uns. Wer Gott liebt, der verlässt sich letztlich nur noch auf ihn, der hat sich zum lebendigen und wahren Gott bekehrt, der hat aufgehört, irgendetwas in der Welt zu vergöttern. Man vergöttert weltliche Wirklichkeit, wenn man sie absolut setzt, sich um jeden Preis an sie klammert und dann auch „über Leichen zu gehen" bereit ist. Die Gottesliebe bedeutet also, dass man nichts in der Welt zu seinem Gott macht und um keinen Preis die Welt mit Gott verwechselt. Die Liebe zu Gott besteht im Vertrauen auf Gott und seine Liebe zu uns.

Erst durch Jesus und seine Botschaft wird ein solches Vertrauen auf Gott – also Glaube – definitiv möglich. Jesus bringt uns das Wort Gottes, er teilt uns mit, was Gott uns zu verstehen geben will und was wir von uns aus niemals wissen könnten: Gott schenkt sich selbst in seinem menschgewordenen Sohn, er wendet sich uns mit unendlicher Liebe zu, er nimmt uns auf in die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn, er erfüllt uns mit seinem Heiligen Geist. Wir haben Anteil am Verhältnis Jesu zum Vater, wir dürfen auf eine Liebe Gottes vertrauen, die unter allen Umständen gilt, im Glück und im Leid, im Leben und im Sterben. Das ist die Botschaft Jesu, das Wort des Herrn, von dem Paulus spricht. Wer dieses Wort im Glauben annimmt und sich daran festhält, der hat sich zum lebendigen und wahren Gott bekehrt, der steht in der richtigen Beziehung zu Gott, als sein unendlich geliebtes Kind. Wir dienen Gott, wenn wir an seine Zusage in Jesus Christus glauben, wenn wir auf ihn vertrauen.

Und aus diesem Glauben folgt nun gleichzeitig die Liebe zum Nächsten. Wer sich von Gott geliebt weiß, der kann auch unter Druck menschlich bleiben. Der Glaube entmachtet die Angst, die uns egoistisch werden lässt und befreit uns zur Nächstenliebe. Im Glauben muss man sich nicht mehr um jeden Preis an geschaffene Güter festklammern; man muss sich nicht mehr um jeden Preis selber sichern und kann auch die eigene Endlichkeit akzeptieren. Der Glaube ermöglicht die „Freiheit der Kinder Gottes". Er ist die erlösende Alternative zu jeder Form von Weltvergötterung, die ja zwangsläufig in eine abgrundtiefe Verzweiflung an der Welt umschlagen muss. Und so folgt aus der Gottesliebe, aus dem Glauben, auch die Nächstenliebe.

Jesus bringt die Dinge auf den Punkt, bei ihm wird alles klar und einfach. Auch der Glaube ist grundeinfach, die vielen Glaubensaussagen erläutern ja immer nur eine einzige Wirklichkeit, unsere Gemeinschaft mit Gott. Und dieser einfache Glaube ermöglicht uns auch, mit Ungewissheit und mehrdeutigen Situationen zu leben. Wer im Letzten geborgen ist, hält Ungeborgenheit im Vorletzten aus. Unser Leben ist manchmal sehr kompliziert, das ist wahr. So viele unterschiedliche Stimmen in uns und um uns herum. Aber in dem ganzen Gewirr von Stimmen gibt es eine einzige Stimme, die anders ist, die Stimme Jesu. Auf diese Stimme dürfen wir im Wort und im Sakrament immer wieder neu hören und darin göttliches Leben empfangen.

Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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