Predigt zur Primiz von Max Heine-Geldern SJ

von Bruno Niederbacher SJ

Symbol

Mit Max begann in der MK das Tanzzeitalter. Heiße Eisen wie Intimität, Sex und Gott, Unterscheidung und Entscheidung, Themen, über die man früher wild diskutiert hatte, wurden plötzlich tänzerisch angegangen. Sogar die Exerzitien wurden tanzend gebetet. Die Jugendlichen waren begeistert. Die Kirche wurde zum Parkett des Ausdruckstanzes. Tausende bestaunten die atemberaubenden Balanceakte wagemutiger Slackliner zwischen den Türmen der Jesuitenkirche. Das Leben, ein Seiltanz. Diesen Schwung hat Max mitgenommen nach Rom. Dort hat er nicht nur fleißig Theologie studiert, sondern auch freimütig weitergetanzt.

Gott und Tanz: Können die beiden etwas miteinander zu tun haben? Manche werden warnen: „Lass die Finger davon, schlag dir das Tanzen aus dem Kopf, wenn du Priester Gottes sein willst!" Aber was rate ich dir, Max, heute, am Tag deiner Primiz?

Im Studium hast du dich besonders mit dem Begriff christlicher Theologie schlechthin auseinandergesetzt: dem Begriff der Gnade. „Gnade bei Thomas von Aquin und Martin Luther", das war dein Thema. Luther schimpft „sawtheologen" jene Lehrer, die meinen, Gott aus eigener Kraft über alles lieben zu können. Wer Thomas und den polternden Luther genauer kennt, wird wohl zum Schluss kommen, dass sie im Grunde dasselbe Anliegen hatten. Beide wollten sagen: Unsere Rechtfertigung, unsere Heiligung, unsere Liebe zu Gott verdankt sich keinem Kraftakt unsererseits, keiner Superleistung, keinem Tauschhandel, sondern ist Gabe, ist Geschenk, ist Gnade. Thomas schreibt: Gnade ist eine von Gott geschenkte Qualität der Seele, aufgrund welcher die Menschen mild, prompt und mit Genuss zur Erreichung des ewigen Guts bewegt werden (ST I-II, 110, 2). Alles christliche Leben, Tun und Lassen geschieht unter dem Vorzeichen der Gnade. Soweit die theologische Wahrheit. Aber ist sie uns in Fleisch und Blut übergegangen?

Jesuiten sind Macher. Sie wollen bewegen. Sie wollen evangelisieren. Sie wollen die Erde zu einem besseren Ort machen. Sie wollen effizient sein. Das ist in Ordnung, kann aber beim entscheidenden Schritt zum Hemmschuh werden. Wie meine ich das? Am besten, ich erzähle dir etwas aus meinem Leben.

Als Jesuit macht man häufig Exerzitien, zweimal in der Ausbildung auch richtig lange Exerzitien: dreißig Tage im Schweigen meditieren, fünf Stunden am Tag. Als ich am Ende meiner zweiten dreißigtätigen Exerzitien war und zurückblickte, sagte ich mir: Da war noch zu viel Wille, zu viel Kraftaufwand. Du bist ja doch ein verkappter Pelagianer, der meint: Mit etwas Anstrengung kannst du dich aus dem Sumpf ziehen. Reiß dich zusammen, dann wirst du es schon schaffen zu glauben, zu hoffen und zu lieben! Aber siehst du: So wird Religion zur Leistung, christliches Leben eine heillose Verkrampfung. Nein, nein, nein, sagte ich mir damals, es muss anders gehen. Ich muss die Dinge nicht wollen, ich muss sie in mir geschehen lassen. (vgl. Etty Hillesum) Und auch das kann und soll ich mir nicht ankommandieren. Es ist kein Zufall, wenn Meister Ignatius am Beginn jeder Betrachtung um die Gnade bitten lässt. Immer um die Gnade bitten. Und Punkt. Das ist alles. „Lass zu!" Das scheint das erste Gebot im geistlichen Leben zu sein. „Lass dich versöhnen! Lass dich erlösen! Lass die Früchte des Geistes reifen!" Maria sagt: „Mir geschehe!" Sie kann empfangen. Sie hat es geknissen. Und die Beatles vielleicht auch, wenn sie Mother Mary flüstern hören: „Let it be!" Und Jesus ruft heute, zu Allerheiligen: „Selig, selig, selig..." Es sind nicht zuerst die Macher, die Jesus glücklich preist, sondern die Trauernden, Hungernden und Dürstenden, die Sanftmütigen, die keine Gewalt anwenden... die Menschen, die sich etwas passieren lassen. Ich bin auf dem Weg, denke ich, immer auf dem Weg. Vielleicht wird es mir einmal geschenkt, vielleicht in meiner letzten Stunde, dass ich ganz sagen kann: „Jetzt übernimm du, mein Gott, ich überlasse mich dir."

Lieber Max, du teiltest mir im Sommer mit, du seiest mehr und mehr auf diesem Weg der Gnade. Und vielleicht ist es gerade das Tanzen, das dich dabei unterstützt. Denn wer tanzt, nimmt die sanften Winke und Impulse des Partners oder der Partnerin auf; spürt die Richtung, die man geführt wird; lässt geschehen, kann aber auch leicht, prompt und mit Genuss in kreativer Weise darauf reagieren.

In Abwandlung eines berühmten Filmtitels („Der mit dem Wolf tanzt") will ich dich heute den nennen, „der mit dem Geist tanzt."

Lieber Max, auf dieses selige, ernste Spiel des Führens und Folgens hast du dich eingelassen. Da spielt alles mit: Gott, die Welt und dein Herz. Und wenn du heute die Worte sprichst: „Nehmet und esset und trinket, mein Leib, mein Blut für euch...", dann verkündest du für und mit uns dieses wunderbare Evangelium von der Gnade des Herrn.

Zum Abschluss möchte ich dir ein passendes Lied vorsingen, wenn ich darf. Der Text stammt von Silja Walter (Gesamtausgabe, Band 8., Freiburg i. Br.), die Melodie von mir.

Der Herr des Tanzes bin ich,
sag' ich dir,
und ich leb'
in dir, wenn du
lebst in mir.
Komm, tanz mit mir in die Sonne.

Ich tanzte einst,
als noch niemand war,
auch kein Tag,
auch kein Traum,
auch kein Apfelbaum,
da tanzt' ich in Mond und Sonnen.

Ich sprang vom Himmel
in meine Geburt,
in die Hütte
aus Lehm
in Betlehem
und habe gleich tanzen begonnen.

Den Schriftgelehrten
und ihrer Zunft
zeigt' ich Schritt
um Schritt,
doch sie tanzten nicht mit,
sie saßen verkalkt im Gestühle.

Da tanzt' ich den Fischern
auf dem Wasser vor,
dem Johann,
dem André
tanzt' ich vor auf dem See;
die kamen dann mit und noch viele.

Ich tanzte am Freitag,
den Tod im Genick,
Er gewann
das Spiel,
und die Finsternis fiel,
doch den Vorhang, den hat es zerrissen.

Sie begruben mich dann,
und da war ich tot,
doch das ließ
mich kalt,
ich sprang hoch mit Gewalt,
dass alle Kreaturen es wissen:

Der Herr des Tanzes bin ich,
sag' ich dir,
und ich leb'
in dir, wenn du
lebst in mir.
Komm, tanz mit mir in die Sonne.

Bruno Niederbacher SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

Adresse

Karl-Rahner-Platz 2
6020 Innsbruck
+43 512 5346-0

Kontoverbindung: Jesuitenkolleg Innsbruck
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