Predigt vom 15. November 2020 zum Nachlesen

von Prof. Józef Niewiadomski

Symbol

Die begnadete Angst – Eine Predigt zum Beginn des "zweiten Lockdowns" in Zeiten der Pandemie

1 Thess 5,1-6; Mt 25,14-30

Gibt es einen gemeinsamen Nenner, der unsere heutige Situation mit den beiden biblischen Lesungen verbindet? Angst! Der Begriff der Angst ist es. „Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann kommt plötzlich Verderben über sie. Und es gibt kein Entrinnen" (1 Thess 5,3). Diese Worte passen doch bestens zur Beschreibung der Situation am Allerseelenabend in der Wiener Altstadt. Ausgelassene Freude eines schönen herbstlichen Abends auf den Straßen und in den Lokalen. Und plötzlich: Wie aus heiterem Himmel taucht da ein Attentäter auf, schießt um sich, tötet und verletzt, und für viele gibt es stundenlang kein Entrinnen. Die Worte passen aber auch zur Beschreibung der Corona-Pandemie. „Wie ein Dieb in der Nacht" überrascht das Virus Millionen von Menschen, wirft viele Pläne über Bord, lähmt das gesellschaftliche Leben, lässt Menschen sterben und verbreitet nach und nach Angst und Schrecken. Und jetzt kommen noch die zweite Welle und der zweite Lockdown. Wie pawlowsche Hunde bellen viele Medienschaffende und auch viele Oppositionspolitiker ihr Entsetzen in die Welt hinaus, beklagen das „Versagen der Regierung", verführen zum Irrglauben, als ob man gegen das Virus längst schon Zauberkräfte in der Hand hätte haben müssen. Doch die Wahrheit ist: „Plötzlich kommt das Verderben und es gibt kein Entrinnen!"

Warum werden solche Texte am Ende des Kirchenjahres vorgelesen? Um Angst zu schüren, gar Angst zu steigern? Um Christen dazu zu animieren, in den Chor der pawlowschen Hunde einzustimmen und ihr Entsetzen über die Situation zu artikulieren? „Ihr alle seid Söhne, alle seid ihr Töchter des Lichts" (vgl 1 Thess 5,5), ruft Paulus den Gläubigen in Thessaloniki zu und ruft die Kirche auch uns heute zu. Und weil wir Kinder des Lichts sind, weil wir von Christus aufgefangen werden, sollen wir – selbst, oder gerade dann –, wenn Verderben droht, uns nicht fürchten, sondern einander das Vertrauen stärken. Also: nicht Entsetzen zur Sprache bringen, sondern Vertrauen und Hoffnung. Das ist ja der Sinn und auch der Mehrwert des Glaubens. Der Sinn jenes Schatzes, der uns anvertraut wurde. Es ist der Schatz des Grundvertrauens im Leben, des Vertrauens, dass ich niemals tiefer fallen kann als in die Hand Gottes. Der Glaube als Grundvertrauen, vergleichbar mit dem Grundkapital, mit dem man im Leben wirtschaften kann! All das klingt so schlüssig und auch so einfach, beseitigt aber keineswegs jene diffuse Grundstimmung, die u. U. mich an den Abgrund bringen und mich dazu verführen kann, in das Geheul der pawlowschen Hunde einzustimmen. Worum geht es dabei?

„Ich hatte Angst" (Mt 25,25), sagt der dritte Diener aus dem Evangelium. Und weil er Angst hatte, hat er das Grundkapital, das ihm geschenkte Grundvertrauen, in der Erde vergraben. Liebe Schwestern und Brüder, wie oft findet sich ein jeder von uns in einer solchen Situation wieder? Dass sich die Angst gerade meines Glaubens bemächtigt. Dass die Angst mein Grundvertrauen zunichtemacht und ich selber anstatt zu leben, anstatt kreativ und produktiv meine Zeit zu gestalten, anstatt Menschen mit Lebensfreude und Hoffnung anzustecken, dass ich selber bloß erstarre und der Resignation, gar der Verzweiflung verfalle. Dass ich also das Grundvertrauen keineswegs vermehre, sondern es radikal verspiele. Die gängige Auslegung des Evangeliums, die auch dem Wortlaut des Textes folgt und den Schwerpunkt auf das Belohnen der fleißigen Diener und die Bestrafung des faulen Mannes legt, ist uns allen bestens vertraut. Ich möchte heute den Text gegen den Strich bürsten und den Akzent auf andere Sachverhalte legen. Und warum?

Die Situation, von der das Gleichnis spricht, gleicht einem Teufelskreis. Ausgerechnet Jesus, dieser Jesus, der sich in seinem Leben gerade um die Menschen am Rand, um Menschen, die stolpern, Menschen, die des Lebensmuts beraubt zu sein scheinen, dieser Jesus zeigt in unserem Gleichnis für diese extremen Situationen kein Verständnis. Er zeigt kein Verständnis für den Diener, der zitternd bekennt: „Ich hatte Angst". Mehr noch: Jesus fällt ein hartes Urteil, verspricht ihm nicht das Himmelreich, sondern die Finsternis, wo er bloß heulen kann. Kann man das noch verstehen? Kann man das vom menschlichen Standpunkt – auch rein rational – begreifen?

Auf den ersten Blick scheint sich dieser Jesus vom „Abrakadabra-Zauberkünstler" aus der bekannten Geschichte von der ängstlichen Maus nicht zu unterscheiden. Und was erzählt uns die Geschichte? Es hat einmal eine Maus gegeben. Und diese hatte Angst. Nicht vor anderen Mäusen. Nein! Sie hatte Angst vor dem Fremden. Sie hatte Angst vor der Katze. So beschwor sie den Zauberer, er möge ihr doch mit seinem Zaubertrick zu Hilfe kommen. Und sie in eine Katze verwandeln. Prompt erschien der Zauberer, sprach sein Abrakadabra-Mantra und unsere Maus erwachte als Katze. Doch nun hatte sie Angst vor dem Hund. Wiederum flehte sie den Zauberer an, er möge sie verwandeln. Und siehe da, sie wurde zum Hund. Die Geschichte scheint eine unendliche Geschichte zu sein. Denn der Hund hatte nun Angst vor dem Wolf. Wiederum schritt der Zauberer ein, weil er ja in die Pflicht genommen wurde. Und der Hund mutierte zum Wolf. Doch der Wolf hatte Angst vor dem Jäger. Und der Zauberer erfüllte wiederum seine Pflicht, doch der Jäger hatte Angst vor seinen Mitmenschen. Da sprach der Zauberer – längst seiner Zauberei überdrüssig: „Ganz gleich, wer oder was du auch bist. Du hast ja bloß das Herz einer Maus und verdienst nichts anderes als das Geschick einer Maus." Und er verwandelte den Jäger zurück in eine Maus.

Überlässt nicht auch Jesus den armen Diener seiner Angst, so wie dies der „Abrakadabra-Zauberkünstler" mit der unglücklichen Maus tut? Oder: Ist dieser Jesus nur mit all jenen gut meinenden Menschen zu vergleichen, die einem von der Angst gelähmten Menschen bloß zurufen: „Mensch, reiß dich doch zusammen. Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du nicht aufhörst, dich zu ängstigen, landest du in der geschlossenen Psychiatrie!"? Auf den ersten Blick scheint dies auch die Logik des Gleichnisses zu sein. Sie will zum Lebensmut motivieren, indem sie die katastrophalen Folgen der Angst aufzeigt, dadurch aber keineswegs die Angst und deren Ursachen beseitigt.

Doch – und das ist das Spannende und auch das Wunderbare am christlichen Glauben – lässt sich die Wahrheit des Glaubens und auch die Kraft der Hoffnung nicht auf die Moral dieses Gleichnisses reduzieren. Und warum nicht? Dieser Jesus wird – gemäß dem nächsten Kapitel des Matthäusevangeliums (vgl. Mt 26,36-46) – selber von einer tiefen Angst und Traurigkeit ergriffen. Resignation, Zweifel, gar an der Grenze zur Verzweiflung bemächtigen sich seiner am Ölberg. Er steht am Abgrund, liegt schweißgebadet am Boden und kann bloß nur noch stammeln, der Kelch möge an ihm vorübergehen. Und am Kreuz? „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27,46). Dieser Jesus erfährt selber, was es bedeutet, Angst zu haben. Er ist deswegen kein „Abrakadabra-Zauberkünstler", der mit oberflächlichen Zaubertricks dem Menschen kurzfristig den Atem rauben kann, sein Herz aber unmöglich zu verändern vermag. Er ist – gerade in der Erfahrung der Angst – ein zutiefst solidarischer Mensch und auch ein zutiefst solidarischer Gott.
„Wir sind Kinder des Lichts", sagt Paulus. Er bekennt dies, weil er auf Christus schaut und sein Grundvertrauen – das schon so oft erschüttert wurde (denken Sie an seine Erfahrung mit der Verfolgung der jungen christlichen Gemeinde und sein Bekehrungserlebnis) – von Christus erlöst wissen möchte. Von jenem Christus, der die Abgründe der Angst ausgekostet und durchgelitten hat. Deswegen wird auch dieser Christus die Logik seines Gleichnisses zurechtrücken und all die Diener, die aus Angst ihr Talent vergraben und ihr Grundvertrauen begraben haben, kraft seiner Angst doch in den Himmel mitnehmen.

Ich wünsche uns allen, dass wir in diesem zweiten Lockdown die Angst nicht verdrängen und uns auch nicht betrügen, dass die Angst unbegründet sei. Sie ist begründet. Als Christen unterscheiden wir uns aber von anderen Zeitgenossen dadurch, dass wir unsere Angst durch den Fokus der erlösenden, „begnadeten Angst" Christi sehen. Wir können ja nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes. Als Christen wissen wir, dass – auch wenn wir Angst haben – diese unsere Angst letztendlich eine „begnadete Angst" ist.

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

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