Predigt vom 22. November 2020 zum Nachlesen

von Edmund Runggaldier SJ

Symbol

Christkönigfest 2020

Zwei Punkte, liebe Gläubige: Ich werde zunächst auf das heutige Evangelium und dann auf den Titel des heutigen Festes zu sprechen kommen.

Zum Ersten: Worauf es in unserem Leben letztlich ankommt, ist, wie wir im konkreten Alltag tatsächlich leben. Das Evangelium erinnert daran, dass es letztlich auf das Tun oder die Praxis ankommt. Ob wir beispielsweise echte Christen sind, hängt davon ab, wie wir tatsächlich leben.

Wann immer wir nicht genau wissen sollten, wo wir weltanschaulich eigentlich stehen, oder ob wir uns lediglich vormachen, Christen zu sein, können wir uns fragen: wie lebe ich tatsächlich? Gebe ich Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken? Nehme ich Obdachlose auf? Bekleide ich, die nackt leben? Besuche ich Kranke und Gefangene?

Sie werden sich denken: nicht schon wieder! Das wissen wir ja, wir wissen ja, dass das konkrete Tun als Kriterium für das Christsein verwendet werden kann. Das wird uns ja ständig eingepfropft. Dabei dürften häufig das gnadenhafte Beschenktwerden sowie die Inhalte des christlichen Bekenntnisses zu kurz kommen. Ich meine allerdings, dass es doch gut und sinnvoll sei, immer wieder daran erinnert zu werden.

Die Betonung, dass es auf das Tun ankommt, kann zudem hilfreich sein, mit einem Einwand gegen unseren Glauben leichter fertig zu werden: Wie steht es nämlich – so der Ansatz des Einwands -, um die vielen zahllosen Nicht-Christen in dieser Welt? Es sind ja doch Millionen oder gar Milliarden, die nie was von Christus gehört und nie was von ihm hören werden? Eine mögliche durch das heutige Evangelium bekräftigte Antwort lautet: Auch in ihrem Fall kommt es auf das Tun an. Was zählt, ist, wie sie tatsächlich leben, ob sie Hungernden und Durstenden helfen, ob sie die Obdachlosen aufnehmen, ob sie die Nackten bekleiden, und die Kranken und Gefangenen besuchen. Und wenn sie es tun, dürfte der Unterschied zu echten Christen nicht sehr groß sein. Daraus leiten einige Theologen die Lehre des sogenannten anonymen Christen ab: Obwohl zahllose Menschen sich als Nicht-Christen verstehen, sind sie doch irgendwie Christen, sozusagen verkappte Christen.

Wahrscheinlich fühlen Sie sich aber bei solch einer Überlegung nicht sehr wohl. Sie ist inklusivistisch, vereinnahmend: ... als ob man Nicht-Christen mitteilte: schau, du meinst zwar, Nicht-Christ zu sein, im Grunde gehörst du aber zu uns, denn du lebst ja, wie wir leben oder wie wir als Christen leben sollten.

Diese Lehre des sogenannten anonymen Christen war und ist aber nicht für Nicht-Christen gedacht, sondern für uns Christen. Laut Karl Rahner ist sie Folge des Versuchs, verschiedene Intuitionen und Überzeugungen unter einen Hut zu bringen. Ohne eine ihr ähnliche Erklärung müssten wir uns mit der Frage nach den zahllosen Nicht-Christen noch schwerer tun.

Ich meine, dass eine derartige Erklärung - wie immer sie auch heißen mag – trostvoll sein kann. Denken Sie an Eltern, die sich bemühen, ihre Kinder christlich zu erziehen und zur Kenntnis nehmen müssen, dass diese selben Töchter und Söhne sich vom Christentum distanzieren: Kann es für sie nicht trostvoll sein, sich dieses Sachverhalts bewusst zu werden? Wenn ihre Kinder Obdachlose aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen, Hungernden und Durstenden helfen, tun sie das, worauf es ankommt.

Der christliche Glaube ist aber nicht nur Sache des Tuns, sondern auch des Bekenntnisses, der weltanschaulichen Ansichten und Inhalte. Ich komme somit zum zweiten Punkt: in unserem Glauben sind wir auch auf Symbole, Zeichen sowie Bilder angewiesen: wir brauchen sie, um auf das aufmerksam zu machen oder das zu äußern, was wir weltanschaulich glauben. Dazu gehören beispielsweise die Hoheitstitel, die wir für Christus verwenden, so auch der Titel „König" oder „kyrios".

Die Titel variieren in ihrer zeichenhaften Bedeutung. Zu gewissen Zeiten und relativ zu gewissen Kulturen sind einige auch bedenklich oder gar irreführend. Ich meine, dass der Titel „Christkönig" für uns heute problematisch sei. Die Vorstellung, dass ein Monarch regieren soll, ist wohl den meisten unter uns zuwider. Besonders fremd ist uns die Vorstellung, dass Monarchen von Gottes Gnaden regieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Christkönigfest als Hochfest erst nach dem 1. Weltkrieg durch Pius XI. eingeführt wurde, zu einer Zeit also, in der in so mancherorts die Monarchien abgeschafft wurden. Vieles spricht dafür, dass das heutige Fest überholt, anachronistisch sei.

Wie soll ferner der Hoheitstitel „König", „kyrios" oder „Herr" zu den Titeln passen, die die Rolle des demütigen, zurückgesetzten und geringgeachteten Dieners betonen. Ist „König" nicht diametral dem aus Deuterojesaia stammenden Titel „Gottesknecht" entgegengesetzt? Dieser Titel vergegenwärtigt, dass der von Gott Erwählte ein unter uns verachteter und gestrafter Mensch ist.

Die christliche Botschaft erinnert aber daran, dass gerade im Kreuz Erhöhung geschah. Nach Johannes koinzidieren sogar Kreuzestod und Auferstehung. Dieser Inhalt kommt gerade in der Spannung zwischen Titeln wie „Gottesknecht" und „kyrios" zum Ausdruck. So gesehen spielt der Titel „kyrios" oder „König" doch eine wichtige Rolle.

Dieser Inhalt ist besonders in der romanischen Kunst greifbar. Der Gekreuzigte wird dort in der Rolle eines erhabenen, vornehmen, verwandelten Herrn dargestellt. In der Halbkuppel der Apsis triumphiert der Pantochrator, der alles beherrschende Herr.

Aber auch die gehörte Lesung aus dem ersten Korintherbrief hilft uns, den Sinn oder die Funktion der Verwendung des Titels „kyrios" klarer zu sehen. Der Kontext der Verwendung von „kyrios" oder eben „König" ist auch die Frage nach Macht, Gewalt und Kraft in unserer Welt sowie die Frage nach der letzten Bestimmung der Geschichte. Dann folgt das Ende – so hörten wir aus dem 1. Korintherbrief – wenn er, der Herr, jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott übergibt.

Wir haben es hier mit einem alternativen Modell zu einer rein säkularen Geschichtsauffassung zu tun. Wir Christen sind eingeladen, zu glauben, dass die gesamte Wirklichkeit auf Gott zuströme und dass schließlich alles in Gott sein Ziel finde, dass Gott also letztendlich alles in allem sei.

Edmund Runggaldier SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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