Predigt vom 29. November 2020 zum Nachlesen

von Robert Deinhammer SJ

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Predigt zum 1. Sonntag im Advent 2020

Wieder einmal stehen wir am Anfang der Adventszeit, wieder einmal bereiten wir uns auf Weihnachten vor, auf das Fest der Geburt Jesu. Advent bedeutet Ankunft: Gott ist im Kommen, er macht sich auf, er kommt uns in Jesus Christus entgegen. Von ihm geht alle Initiative aus. Und wir erwarten ihn, warten auf ihn, bereiten uns auf seine Ankunft vor. Deshalb ist die adventliche Zeit auch eine Zeit der Umkehr, eine Zeit der Besinnung und des Neuanfangs, heuer unter ganz besonderen Umständen.

In den biblischen Texten im Advent ist aber auch noch von einem anderen Kommen Gottes die Rede, von einem Offenbarwerden Gottes am Ende der Zeiten. Jesus Christus wird wiederkommen, er wird Gericht halten und alles vollenden. Davon handelt ja auch das heutige Evangelium. Aber wie soll man das verstehen? Sagt Jesus nicht im Matthäusevangelium: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt"? Jesus ist gegenwärtig in seinem Wort und in den Sakramenten, der Glaube an ihn ist das Erfülltsein von seinem Heiligen Geist. Er ist mitten unter uns, auch im Corona-Lockdown. Warum muss er dann noch wiederkommen?

In den apokalyptisch-eschatologischen Texten geht es um die Einsicht, dass wir in einer vergänglichen Welt leben. Nicht nur die Milch im Kühlschrank, alles Irdische hat ein Ablaufdatum. Nichts von dieser Welt ist für die Ewigkeit, auch nicht das Höchste und Schönste. Wenn die Astrophysiker Recht haben, wird unser Planet einmal in ferner Zukunft von der Sonne verschluckt werden und verdampfen. Mutter Erde hat ein eingebautes Ablaufdatum. Alles Irdische hat ein Ablaufdatum. Auch wir selbst. Jeder von uns geht seinem eigenen Tod entgegen, und die meisten von uns haben auch schon liebe Menschen verloren. Gegen den Tod scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Die Mächtigen und die Ohnmächtigen, die Reichen und die Armen, die Weisen und die Narren, Gute und Böse, sie alle müssen sterben, auch wenn sie das vielleicht verdrängen und sich an irgendetwas festklammern. Es nützt nichts.

Angesichts dieser Vergänglichkeit von allem sagt Jesus: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." Das ist ein ungeheurer Anspruch. Das kann nur wahr sein, wenn in Jesu Worten Gott selbst zu Wort kommt. Denn Gott ist der Ewige und Unvergängliche. Er ist der Schöpfer der Welt, ohne den nichts sein kann, in allem mächtig. Sein Wort ist gültig in alle Ewigkeit, sein Wort hat Macht auch über den Tod, es ist ein schlechthin verlässliches Wort. In der Welt kann ich mich auf nichts in alle Ewigkeit verlassen, aber auf Gott und sein Wort, darauf kann ich mich wirklich verlassen, im Leben und im Sterben, im Glück und im Leid, in alle Ewigkeit. In Jesus Christus kommt uns Gott ganz nahe. In Jesus Christus sagt Gott ein „Ja" zu uns, gegen das kein „Nein" dieser Welt ankommen kann. Durch Jesus und seine Botschaft wird für den Glauben offenbar, dass Gott für uns ist, geschehe, was auch immer geschehen mag. Der Mensch gewordene Sohn Gottes offenbart uns, dass wir zusammen mit ihm und um seinetwillen vom Vater unendlich geliebt sind. Auch wenn alles zusammenbricht, auch wenn wir sterben müssen, Gott ist für uns da. Er lässt uns nicht ins Nichts fallen. Gott ist kein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebenden. Wir sind sein Eigentum, das „Werk seiner Hände".

Im Glauben gehen wir also nicht dem Ende entgegen, sondern einer Vollendung, die alles Begreifen übersteigt. Und das hat konkrete Auswirkungen auf unser Leben in dieser Welt. Nicolas Gomez Davila, der kolumbianische Aphoristiker, sagt einmal: „Eschatologisch leben heißt nicht, die Gegenwart als ein Lauern auf die Zukunft zu erleben, sondern die Zukunft so zu erleben, als wäre sie schon gegenwärtig." Das Entscheidende ist schon geschehen, wird dürfen im Glauben von der Vollendung her leben, schon hier und jetzt. Als Christen haben wir eine Perspektive, die über diese Weltzeit unendlich hinausgeht, die Perspektive der Ewigkeit. Und das gibt uns die Freiheit, uns ganz realistisch auf diese irdische Welt einzulassen, wirklich menschlich zu sein. Wir können in Dankbarkeit mit allem Guten umgehen und müssen nicht verzweifeln oder abstumpfen, weil alles Gute in der Welt doch vergänglich ist. Der Glaube ist keine Jenseitsverströstung, kein Opium, sondern er ist eigentlich der wahre Realismus.

„Seid wachsam!" sagt Jesus zu seinen Hörern. Er sagt es auch zu uns. Es geht um Aufmerksamkeit. Wir sollen nicht schläfrig dahinleben, sondern aufmerksam und hellwach, auch und gerade im Bewusstsein, dass dieses Leben vorläufig ist und dass wir nur in Gott unsere letzte Heimat haben. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen."

Was also hat es mit der Wiederkunft Christi auf sich? Wie können wir das vor dem Hintergrund unseres heutigen Weltbildes verstehen? In Jesus hat Gott seine liebende Gegenwart offenbart, ein für alle Mal. Das ist unser Glaube. Und einmal wird dieser Glaube nicht mehr vom Unglauben angefochten sein, sondern den Sieg errungen haben. Im Tod hört der Kampf zwischen Glaube und Unglaube, der uns unser ganzes Leben begleitet, endgültig auf. Darin besteht die Vollendung.

Im Advent bereiten wir uns auf Weihnachten vor, auf das Fest der Geburt Jesu. Wie schön wäre es, wenn Jesus auch in unseren Herzen neu geboren wird, wenn wir das Große erkennen könnten, das uns durch ihn geschenkt ist. Versuchen wir, still zu werden, zu warten, zu hören, auf Gott, der uns in jedem Augenblick entgegenkommt, der uns näher ist, als wir uns vorstellen können. Amen.

Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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