Predigt vom 8. Dezember 2020 zum Nachlesen

von Prof. Anni Findl-Ludescher

Symbol

Mariä Empfängnis

Mariä Empfängnis: Was wir heute feiern, ist das Fest von Anna und Joachim, den Eltern von Maria. Der 8. Dezember ist der Tag – so die gläubige Vorstellung – an dem Maria gezeugt wurde.

Aus der Bibel wissen wir darüber gar nichts. Maria lernen wir kennen zu einem Zeitpunkt, an dem sie verlobt ist und schwanger wird. Wir wissen nichts über ihre Herkunft: ob sie Geschwister hatte, wer ihre Eltern waren, ob sie zu diesem Zeitpunkt noch lebten, etc.
Dieses „Nichts-Wissen" war für viele Gläubige der frühen Zeit schwer auszuhalten. Das gibt's doch nicht! Diese wunderbare besondere Frau, Maria, die muss doch auch eine wunderbare, besondere Herkunft haben! Die Phantasie wurde angekurbelt und so wurden viele Geschichten erfunden und gefunden. – Im Protoevangelium des Jakobus findet sich die Erzählung, die dann in der Kirche überliefert wurde, die Legende von Anna und Joachim. Zunächst hat man also den Eltern Namen gegeben. Für die gläubige Vorstellung war es undenkbar, dass Maria ein ganz normales Kind war, auf unspektakuläre Weise in eine Familie hineingeboren. Das musste schon eine besondere Geschichte sein – mindestens so besonders wie die von der Geburt des Johannes des Täufers! Und so kennen wir bis heute die Erzählung, dass Anna und Joachim alt waren und keine Kinder hatten. Ein unfruchtbares Paar. Beide hatten sie eine Vision, ein Engel ist ihnen erschienen – und dann wurden sie auf ihre alten Tage Eltern. Maria wurde ihnen geboren. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich dann noch der Glaube gefestigt, dass dieses Kind, Maria, vom ersten Augenblick ihres Lebens an von aller Erbschuld frei war.

Wir können einiges von der Entstehung dieses Festes lernen: Wenn wir nichts über konkrete Umstände wissen, dann beginnt automatisch der Prozess des Erfindens. Unsere Phantasie erwacht und reimt sich alles Mögliche zusammen. Das sind dann sehr schöne, wohlmeinende Phantasien oder eher das Gegenteil, nämlich Verdächtigungen: In der jetzigen Corona-Zeit erlebe ich viele solcher Phantasien und besonders viele Verdächtigungen: Eine Gruppe junger Leute steht zusammen: Die sind doch sicher nicht ein Haushalt! Die dürfen das doch gar nicht. Die Nachbarn gehen am Abend noch weg: die gehen doch sicher nicht nur spazieren, vermutlich gehen sie zu Freunden, die haben doch eine Flasche Wein unterm Arm...

Unsere Phantasie steht immer in einem Deutungsrahmen: Entweder Wohlwollen oder gar Verherrlichung oder Misstrauen und Verdacht.
An diesem Deutungsrahmen können wir arbeiten, dem sind wir nicht ausgeliefert. So wie wir bei Maria einfach das Beste annehmen, was uns einfällt: dass sie ohne Erbsünde war – von Anfang an, dass sie ein gewolltes, ein ersehntes Kind war, dass ihre Eltern sie Lesen und Schreiben lehrten, obwohl das für Mädchen nicht vorgesehen war, dass Anna später eine liebevolle Großmutter war.
So wie wir das im Glauben tun, nur das Beste und Größte von Maria zu denken, so sind wir eingeladen, auch jetzt und für andere Menschen unsere Phantasie wohlwollend walten zu lassen:
Stellen Sie sich vor, Sie fahren im Auto auf einer mehrspurigen Straße (Südring). Dichter, stockender Verkehr. Einer vor ihnen wechselt schon zum dritten Mal die Spur, drückt immer wieder aufs Gas, drängelt, nützt jede Möglichkeit, etwas schneller zu sein. Vorher hat er Sie geschnitten. So ein rücksichtsloser Raser, etc.
Vielleicht sitzt da ein Mann am Steuer, der ein verletztes Kind auf dem Rücksitz hat, das weint und jammert, und er versucht so schnell als möglich ins Krankenhaus zu kommen. Könnte ja sein...

Wir können unsere Phantasie ruhig walten lassen, - das tut sie sowieso – aber wir können lernen, Maß zu nehmen an den Geschichten rund um das heutige Fest, rund um Mariä Empfängnis: einfach das beste annehmen, so dass diejenige Person, um die es geht, in ihrem Wert eher steigt als fällt. Das tut dieser Person gut, das tut aber auch uns selber gut.

„Von Maria kann man nicht groß genug denken" Das ist ein Grundsatz der katholischen Lehre. Übernehmen wir dieses Prinzip und wenden es auch auf andere Menschen an.
Amen

Prof. Anni Findl-Ludescher, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

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