Weihnachtspredigt - Mette zum Nachlesen

von Christian Marte SJ

Symbol

Mette um 20.00 Uhr

Lk 2,1-14 – 24.12.20

Das Erkennungszeichen für den Erlöser sind die Windeln.
„Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt."

Man darf schon ein bisschen schmunzeln, wenn man sich das
ganz konkret vorstellt. Das ist ja auch die Idee einer Krippe,
wenn wir sie uns zuhause oder hier in der Kirche aufstellen:
Dass wir uns die Geburt Jesu konkret vorstellen können.

Ein Stall als Geburtsort – also angeben kann man da kaum damit.
Damaskus oder Rom: das waren wichtige Städte,
aber ein Stall, in Bethlehem?

Mich fasziniert immer,
dass zur Krippe wirklich alle kommen können:
die Hirten, die Könige, die Engel, die Schafe.
Das ist für mich eine wesentliche Botschaft von Weihnachten: Jeder kann zur Krippe kommen.
Jeder darf zum Jesuskind kommen.
Es gibt keine Vorbedingungen,
keine VIP-Lounge, keine Mitgliedskarte.

Am Montag war ich in der Justizanstalt Innsbruck.
Über 400 Gefangene,
auch ein paar Frauen und ein paar Jugendliche sind dort.
Am Nachmittag ist dann Bischof Hermann gekommen
und hat alle gesegnet – und Musiker der Militärmusik
haben von außen an sechs verschiedenen Orten musiziert.

Auch die schwierigen Menschen können zur Krippe kommen –
das heißt: auch wir.
Mit allen unseren guten und schwierigen Seiten.

Das Jesuskind ist FÜR ALLE Menschen da.
Dieses FÜR ALLE –
auf Twitter würde man das in Großbuchstaben schreiben.

Weihnachten wird wohl auch deshalb überall auf der Welt gefeiert,
es ist deshalb so kulturübergreifend,
weil man sich vor einem Kind, einem „Wuzele",
nicht fürchten muss.
Ein Kind ist ein Hoffnungszeichen:
es wächst, es entwickelt sich, es ist ein Gegenbild zum Zynismus.
Darum tut uns der Blick in die Krippe in der Seele gut,
der lange, aufmerksame Blick auf das Jesuskind.

Und: Ein Kind ist das Symbol schlechthin für einen Neu-Beginn.
Und so ist es auch mit dem Kind in der Krippe.
Die Welt hat neu anfangen dürfen –
und darum zählen wir unsere Jahre auch nach der Geburt dieses kleinen Kindes:
2020 Jahre nach der Geburt Christi.

Neu anfangen dürfen: das ist ein großer Trost.
Nach persönlichen Schwierigkeiten, nach einem Streit,
nach einer Enttäuschung: wir dürfen neu anfangen.
Das ist eine Grundbotschaft Jesu: Du darfst mit erhobenem Haupt neu beginnen. Wir brauchen solche stärkenden Zusagen,
gerade jetzt, wo das Nervenkostüm dünn ist ...
zumindest bei mir bemerke ich das.

Vor wenigen Tagen ist eine Tante von mir gestorben – und wir haben alle gemerkt: das war eine Erlösung für sie von vielen Schmerzen.
Nun warten wir auf die Impfung gegen den Corona-Virus –
und hoffen, damit unser normales Leben wieder zurück zu bekommen, dass wir erlöst werden von den Masken
und dass wir wieder singen dürfen beim Gottesdienst.
Die Flüchtlinge in Griechenland hoffen auf warme Duschen und trockene Wohnmöglichkeiten –
und dass sie erlöst werden von der Unsicherheit,
wie ihr Leben weitergehen soll.

Erlösung ist so ein abstraktes Wort ...
aber wenn wir uns die Wirklichkeit genau anschauen,
dann bekommen wir ein Gespür für das, was erlösend wirkt.
Als Christen weichen wir der Wirklichkeit nicht aus.
Wir kennen die Dunkelheit – und es ist kein Zufall, dass die wichtigsten Liturgien der Christen in der Nacht gefeiert werden:
jetzt, in der Christmette – und in der Osternacht.
In der Mitte der Nacht,
wenn es ganz dunkel ist, beginnt der neue Tag!

Dass wir trotz mancher Dunkelheit zuversichtlich bleiben können,
dass wir eine positive Einstellung zum Leben haben,
das hat mit der Liebe zu tun,
die wir empfangen und die wir schenken.

Sie alle kennen das:
Sie gehen zu jemandem auf Besuch und bringen etwas mit.
Und gleich sagt jemand: „Das wäre aber nicht notwendig gewesen."
Genau, richtig: das wäre nicht notwendig gewesen,
und trotzdem bringe ich es mit.

Das ist die präzise Definition eines Geschenks:
es ist nicht notwendig, es kommt ... einfach so, ... aus Liebe.

Und dass diese große Wirklichkeit, die wir „Gott" nennen,
einer von uns wird im Jesuskind:
das geschieht ... einfach so ... nur aus Liebe.

Hermann Hesse hat das Geheimnis von Weihnachten so schön beschrieben, dass ich es Ihnen zum Schluss vorlesen möchte.

„Es ist ein merkwürdiges,
doch einfaches Geheimnis der Lebensweisheit aller Zeiten,
dass jede kleinste selbstlose Hingabe,
jede Teilnahme, jede Liebe uns reicher macht,
während jede Bemühung um Besitz und Macht
uns Kräfte raubt und ärmer werden lässt.

Das haben die Inder gewusst und gelehrt,
und dann die weisen Griechen,
und dann Jesus, dessen Fest wir jetzt feiern,
und seither noch Tausende von Weisen und Dichtern,
deren Werke die Zeiten überdauern,
während Reiche und Könige ihrer Zeit
verschollen und vergangen sind.

Ihr mögt es mit Jesus halten oder mit Plato,
mit Schiller oder mit Spinoza,
überall ist das die letzte Weisheit,
dass weder Macht noch Besitz noch Erkenntnis selig macht, sondern allein die Liebe.

Jedes Selbstlossein, jeder Verzicht aus Liebe, jedes tätige Mitleid,
jede Selbstentäußerung scheint ein Weggeben, ein Sichberauben,
und ist doch ein Reicherwerden und Größerwerden,
und ist doch der einzige Weg, der vorwärts und aufwärts führt."

Amen.

 

 

Christian Marte SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

Adresse

Karl-Rahner-Platz 2
6020 Innsbruck
+43 512 5346-0

Kontoverbindung: Jesuitenkolleg Innsbruck
Raiffeisen Landesbank Tirol
IBAN: AT35 3600 0000 0350 5500

Jesuit werden

Wir sind Ordensleute aus Leidenschaft für Gott und die Menschen.

mehr dazu

Suche

ImpressumSitemapLinksDatenschutzKontaktLogin

Impressum
Sitemap
Links
Datenschutz
Kontakt
Login

Jesuiten-Logo

Jesuitenkirche Innsbruck

powered by webEdition CMS