Predigt zum Faschingssonntag

von Prof. Józef Niewiadomski

Symbol

Der Karneval und die österlichen Augen
Predigt zum Faschingssonntag in Zeiten der Pandemie

Die Welt steht kopf. Zwar anders als in den Jahren zuvor. Als Menschen weltweit kurzfristig die Alltagsordnung über Bord zu werfen suchten, sich bis zur Unkenntlichkeit verkleideten, Masken aufsetzten, Autoritäten hinterfragten, gar den Tod auslachten. Carne valle: Fleisch lebe wohl! Karneval stand und steht für den Inbegriff jener rosaroten Brille, die das menschliche Leben und unsere vertraute Welt kurzfristig anders aussehen lässt: lustiger, freier oder scheinbar freier, frecher, auf jeden Fall enthemmter. Auch im Jahre 2021 steht die Welt kopf. Das omnipräsente Virus hat ihr zwar keine rosarote, sondern eine dunkle, ja pechschwarze Brille aufgesetzt. Es hat den Fokus unserer Aufmerksamkeit auf das qualvolle Sterben in Einsamkeit fokussiert oder aber auf unvorhersehbare Organschäden, damit auch Gesundheitsprobleme bei denjenigen, die den Durchmarsch durch die Intensivstation geschafft haben. Konfrontiert mit so viel Leid, so vielen Pleiten und Störungen, gar oder gerade Störungen bei Kindern, lechzt unsere auf den Kopf gestellte Welt nach einer Frohbotschaft. „Freut euch...", möchte sie hören. „Freut euch, eure Gefangenschaft wird bald zu Ende sein. Das Ende des Tunnels ist zum Greifen nahe!"

„Der Impfstoff kommt bald", dröhnte es auf allen Kanälen in der Adventszeit. Das Evangelium vom Ende der Pandemie verdrängte vielerorts die Frohbotschaft von der Heiligen Nacht. Noch einmal lachte der erbittertste Kritiker des Christentums Friedrich Nietzsche über die christliche Botschaft und über die Christen mit ihrer trügerischen und nichtsnutzigen Erlösungshoffnung: Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn man an ihre Erlösung glauben söllte. Nun sind die Impfstoffe da, doch die Hoffnung, dass die Welt wieder normal, vom Virus und dessen Folgen erlöst sein wird, dass sie also nicht mehr kopf stehen muss, diese Hoffnung entpuppt sich langsam als Neuauflage von „rosaroten Brillen". Denn: an der Zerbrechlichkeit der conditio humana, an der Grausamkeit der durch die Pandemie enthemmten Sündenbockjagdmentalität, an der Bitterkeit von Einsamkeit, an der Tragik des Sterbenmüssens vermögen die Vakzine nichts zu ändern. Die pechschwarze Brille wird nun zwar rosarot bemalt, was auch nicht unwichtig ist. Das Evangelium, die echte Frohbotschaft sieht aber anders aus.

Liebe Schwestern und Brüder, eine Predigt zum Faschingssonntag in der Zeit der Pandemie darf sich nicht mit ein paar erheiternden Bonmots begnügen. Sie muss die Frage nach dem unverwechselbaren Grund und auch dem nicht ersetzbaren Wert christlicher Freude stellen. Und so dem medialen Kauderwelsch von der durch die Pandemie erwiesenen fehlenden Systemrelevanz der Kirche begegnen. Was bedeutet uns: den Christen das Evangelium? Wie verändert die frohmachende Botschaft unser Leben? Warum könnten wir erlöster aussehen als andere Zeitgenossen: gerade in Zeiten der Pandemie? Wir können es nämlich: wenn wir uns nicht der Gnade verweigern und zuerst mal aufhören würden, „kirchliche Nabelschau" ad infinitum zu pflegen.

Warum könnten also die Christen erlöster aussehen? Erlauben Sie mir ein kleines Kompendium der christlichen Hoffnungsschätze und der christlichen Glaubenseinsichten in Frageform zu formulieren. Sie selber können die Frage für sich zu beantworten suchen. Warum also? – Weil wir in jedem neugeborenen Kind eine neue Spur des göttlichen Logos in dieser Welt sehen: jenes göttlichen Wortes, das Mensch geworden ist? – Weil wir all das, was wir tun, ganz gleich ob wir essen oder trinken oder ..., weil wir all das – wie Paulus uns heute durch die Worte der Lesung predigt (vgl. 1 Kor 10,31) – zur Verherrlichung Gottes tun? Wir also in unseren banalsten Lebensvollzügen nicht bloß um uns selbst kreisen. – Weil uns die notleidenden Menschen nicht wurst sind, wir deswegen nicht nur hie und da helfen, sondern uns für menschfreundliche Strukturen in Politik, Wirtschaft, Kultur einsetzen? Deswegen aber, wie übrigens Jesus selbst, der Jesus aus dem heutigen Evangelium (vgl. Mk 1, 45), wir immer wieder vor dem Ausmaß der Herausforderungen, der Nöte und Aufgaben erschrecken, uns „nur noch nach einsamen Orten" sehnen und uns auch an solche „einsame Orte" unseres je eigenen bürgerlich-privaten Lebens zurückziehen? Ganz ohne schlechtes Gewissen! Weil wir immer und immer wieder versagen, kläglich versagen? Wie die Jünger, die weggelaufen sind, wie Petrus, der verleugnet, wie Judas, der verraten hat. Wir aber in unserem Versagen die ausgestreckte Hand Jesu ergreifen dürfen, die uns wieder aufrichtet und dies ohne die moralisierende Erniedrigung und Schelte tut. – Weil wir zwar von Krankheiten geplagt, von Todesängsten gequält werden? Weil wir sterben müssen und durch all diese Sackgassen hindurch zum neuen Leben auferweckt werden? Weil uns also die alles auf den Kopf stellende Perspektive der „österlichen Augen" geschenkt wurde! Der Augen, die den auferweckten Gekreuzigten erkannt haben: als den erkannt, der das Leben schenkt! Jene „österliche Augen", die mit der Mentalität der rosaroten Brillen nichts Gemeinsames haben, weil sie die Erfahrung von Einsamkeit und Depression, von Schmerz und Pein, von Krankheit und Sterben nicht verdrängen, aber auch nicht wegzaubern, sondern diese in eine größere Perspektive einbetten. Nicht in die biologische Perspektive von Zellenmutation, von Fressen und Gefressenwerden, vom schlichten Vergehen des biologischen Lebens. Sondern in die Perspektive der alles umfassenden Liebe des Dreifaltigen Gottes. Jener Liebe, die die letzten Abgründe menschlicher Existenz durchlitten hat. Auf dass ich beim Erleiden derselben nicht alleine bin. Auch wenn dies in Zeiten der „political correctness" nicht gerade korrekt klingt: Mit den „österlichen Augen" sehen die Christen mehr! Sie sehen weiter, weil ihr Horizont die Grenze des Todes überschreitet.

Liebe Schwestern und Brüder, die Perspektive der „österlichen Augen", mit der die Christen die Pandemie, den Karneval und ihr ganzes Leben betrachten, stellt alles noch einmal auf den Kopf. Und dies einzig und allein deswegen, weil sie uns eines zusichert: ob wir leben oder sterben: leben und sterben wir dem Herrn. Und wozu? Damit wir in seiner Liebe leben können. Leben in alle Ewigkeit.

Und weil Faschingssonntag ist, soll die theoretisch-trockene Predigt mit einer Geschichte enden. Sie ist zwar bestens bekannt, doch: am Faschingssonntag kann man auch ruhig bekannte sinnstiftende Geschichten (anstatt von erheiternden Witzen) erzählen. Und dies schon deswegen, weil sie die Predigt auf den Punkt bringt.

Da wanderte ein Mensch durch die Wüste. Und merkte plötzlich, dass ein anderer Mensch neben ihm geht. „Wer bist denn du?", fragte er. „Ich bin der liebe Herrgott", antwortet der Wanderkollege. „Schön, dass du mitgehst. Zu zweit ist es auf jeden Fall leichter." So gingen sie und plauderten miteinander. Irgendwann merkte unser Wanderer, dass er schwitzt und nach Luft ringt. Er schaute zur Seite nach seinem Genossen, doch da war keiner. Er schaute zurück und sah bloß eine einzige Spur im Sand. „Ein schöner Gott", dachte der Mann, „bei der erstbesten Schwierigkeit verschwindet er." Allein kämpfte sich der Mann durch die Hitze des Mittags durch. Irgendwann kamen auch seine Kräfte zurück. Als er dann munter weiterging, war der Genosse wiederum an seiner Seite. „Du bist mir ein schöner Gott", raunzte der Mann seinen Kollegen an, „als es am schwersten war, da hast du mich verlassen!" Doch der Mitwanderer antwortete: „Mein Freund, als es am schwersten war, da habe ich dich getragen." Und genau diese Antwort ist der Grund, warum wir Christen erlöster aussehen könnten!

 

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

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