Predigt zum 1. Fastensonntag 2021

von Robert Deinhammer SJ

Symbol

 Gen 9,8-15; Mk 1,12-15

Wie doch die Zeit vergeht!
Wieder einmal stehen wir am Beginn einer Fastenzeit, wieder einmal gehen wir auf Ostern zu, auf das Fest der Auferstehung: Nicht der Tod, sondern Gott hat das letzte Wort. Der Sieg Jesu über den Tod strahlt zu jeder Zeit auch in unser eigenes Leben hinein, weil sein göttliches Leben unser sterbliches Leben in sich aufgenommen hat. Aber in der Fastenzeit geht es darum, das wieder deutlicher sehen zu können, Ballast loszuwerden, Klarheit zu gewinnen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es geht darum, neu zu beginnen mit dem Glauben, mit dem Vertrauen auf Gott, der uns in Jesus Christus ganz nahe gekommen ist. Wir Menschen sind raum-zeitliche Wesen und deshalb sind wir auch angewiesen auf bestimmte zeitliche Rhythmen und Fixpunkte. Das immer wiederkehrende Kirchenjahr will uns dabei helfen, Orientierung bieten.
Auch Jesus selbst hat so eine Art Fastenzeit erlebt, 40 Tage in der Wüste. Im Markusevangelium wird davon nur ganz kurz berichtet. Unmittelbar nach seiner Taufe im Jordan durch Johannes wird Jesus vom Geist in die Wüste getrieben und vom Satan in Versuchung geführt. Danach kehrt er zurück und verkündet das Evangelium. Wie können wir das verstehen?
In der Taufe geschieht die Offenbarung Jesu als Sohn Gottes. „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.", so tönt die Stimme aus dem Himmel. Jesus steht in einer einzigartigen Beziehung zu Gott, er ist der von Ewigkeit her geliebte Sohn des Vaters, der eine menschliche Natur angenommen hat. Und er ist gekommen, um uns hineinzunehmen in seine Gemeinschaft mit dem Vater. Das wird offenbar in der Taufe Jesu. Aber sofort danach wird Jesus vom Geist in die Wüste getrieben. Der Teufel kommt mit seinen Versuchungen. Vielleicht musste sich Jesus Klarheit verschaffen, vielleicht musste er über seine Tauferfahrung nachdenken. Wie konnte er sicher sein, dass sein Selbstverständnis nicht nur eine Illusion war? War er wirklich der vom Vater geliebte Sohn? Worauf konnte er sich stützen? Die Wüste ist ein Ort, an dem es zur Konfrontation kommt, zur Konfrontation mit sich selbst und zur Konfrontation mit Gott. Und Jesus besteht die Anfechtungen, er widersteht den Versuchungen, er weiß, wer er ist. Er kann beginnen mit seinem Auftrag, seiner Sendung, mit der Verkündigung der Frohbotschaft: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium."
Was kann das für unser eigenes Glaubensleben bedeuten? Kurz drei Punkte.
Erstens: Zum Glauben gehören Anfechtungen. Ich habe den Glauben nicht als einen ruhigen und sicheren Besitz in meiner Tasche, als einen immer gleich bleibenden Zustand, sondern lebendiger Glaube ist angefochtener Glaube. In unseren Herzen und auch in unserer Welt tobt ein Kampf zwischen Glaube und Unglaube, ein Kampf zwischen Vertrauen und Angst. Man muss immer wieder neu beginnen mit dem Glauben, sich das Wort Gottes immer wieder neu gesagt sein lassen. Im Grunde muss jeder neue Tag erst noch christlich werden: Wir stehen als Heiden auf und erinnern uns daran, dass wir in Wahrheit Kinder Gottes sind. So wie der Sauerteig immer neuen Teig durchdringen muss, so muss auch der Glaube noch alle Fasern unserer Existenz durchdringen. Und dieser Prozess dauert an, so lange wir leben.
Zweitens: Versuchungen bleiben niemandem erspart. Manchmal ist man versucht, lieblos und zynisch zu werden. Oft ist Maßlosigkeit eine Versuchung. Versuchungen haben aber nicht nur eine moralische Bedeutung. Die tiefste Versuchung des Menschen betrifft sein Gottesverhältnis. Es ist die Versuchung zum Unglauben. Meint es Gott wirklich gut mit mir? Kann ich Gott wirklich bedingungslos vertrauen? Oder muss ich mich irgendwie gegen ihn absichern und seine Anerkennung verdienen? Wo ist denn dieser Gott überhaupt? Manchmal kann einem Gott wie der Teufel erscheinen. Man könnte sogar sagen: Der Teufel ist unser gestörtes Verhältnis zu Gott, der Teufel ist der Gott, dem man im Unglauben begegnet. Martin Luther, der sich in diesen Dingen auskannte, hat einmal formuliert: „Außerhalb Jesu Gott suchen ist der Teufel."
Das führt uns zum dritten Punkt: Wir sind in den Anfechtungen und Versuchungen unseres Lebens nicht alleingelassen. Jesus ist bei uns, er schenkt uns immer wieder seinen Heiligen Geist, im Wort und im Sakrament. Er ist der Urheber und Vollender des Glaubens, wie es im Hebräerbrief heißt. Er verkündet uns das Evangelium auch heute noch, die gute und befreiende Botschaft, dass Gott mit uns einen ewigen Bund geschlossen hat, dass wir aufgenommen werden in den Bund zwischen Vater und Sohn, und nicht nur wir, sondern die ganze Schöpfung. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium."
Das Reich Gottes ist nahe, die Herrschaft seiner Liebe, die durch den Glauben an das Evangelium geschieht. Umkehr im christlichen Sinn bedeutet genau das: An Gottes Liebe glauben, letztlich nur noch auf Gott vertrauen. Dann verwirklicht sich das Reich Gottes schon jetzt in unserer Welt, dann stehen wir in der rechten Beziehung zu Gott, und somit auch in der rechten Beziehung zu unseren Mitgeschöpfen. Und dann sind wir Menschen so, wie wir sein sollten, nicht mehr geknechtet von Angst und Egoismus, nicht mehr erpressbar, sondern frei. Unsere Umkehr ist nicht etwas, das wir leisten müssen, um von Gott angenommen zu werden, sondern wir kehren um, wenn wir uns durch das Evangelium von Gott bedingungslos angenommen wissen. Gott nimmt Dich so an, wie Du bist. Und nur dadurch kannst Du auch anders werden. Gott ist ganz anders, als wir uns das vielleicht gedacht hätten. Das ist die gute Nachricht, das ist das Evangelium. Daran können wir und halten, im Leben und im Sterben.
In der Fastenzeit sind wir eingeladen, uns wieder neu darauf zu besinnen. Äußerliche Übungen können dazu hilfreich sein: Stille Zeiten des Gebetes, Nachdenken über das Wort Gottes, Werke der Nächstenliebe, anderen Zeit und Aufmerksamkeit schenken, vielleicht wieder einmal eine gute Beichte, auch Fasten. All das kann uns helfen, unsere Selbstfixierung ein wenig zu lockern, unsere Angewiesenheit zu erkennen, offen zu werden für die Wirklichkeit Gottes und die Wirklichkeit der Welt. Und dann könnten wir uns auch freuen über das, was uns in Jesus Christus geschenkt ist. In diesem Sinn wünsche ich uns allen eine frohe und gesegnete Fastenzeit!

 

Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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