Predigt zum 4. Fastensonntag, „Laetare"
Eph, 2,4-10; Joh 3,14-21
Die Bibellesungen passen gut zum heutigen „Laetare-Sonntag", die führen uns direkt in das Zentrum des christlichen Glaubens. Sie sind sozusagen Evangelium in Reinkultur: gute, frohmachende, befreiende Botschaft von Gott, also Wort Gottes. Bei Johannes sagt Jesus in einem Gespräch mit Nikodemus, dass Gott der Welt in Liebe zugewandt ist, nicht nur irgendwelchen frommen und religiösen Leuten, sondern der ganzen Welt. Gott liebt die Welt, und zwar so sehr, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Gott sendet seinen Sohn nicht zum Gericht, um die Guten zu belohnen und die Bösen zu bestrafen, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Göttliche Rettung, das geschieht durch Jesus Christus, dazu ist er gekommen, dazu hat er unsere menschliche Natur angenommen. Schon der Name Jesu deutet darauf hin. „Jesus" oder hebräisch „Jeschua" bedeutet: Gott rettet. Der Vater sendet den Sohn, um die Welt zu retten.
Dasselbe hören wir im Epheserbrief. In Jesus wendet sich der in allem mächtige Gott uns liebevoll zu und schenkt uns sein Erbarmen, seine Gnade, ja den überfließende Reichtum seiner Gnade - mehr geht nicht, alles hat er uns geschenkt. Aus Gnade sind wir gerettet, durch den Glauben an Jesus Christus, nicht durch eigene Kraft, nicht durch eigene Leistung, nicht durch irgendwelche Werke, damit niemand sich rühmen kann. Wir müssen uns nicht mehr auf die Schulter klopfen und nach Anerkennung schielen. Also auch hier: Göttliche Rettung geschieht durch Jesus Christus, und durch den Glauben an ihn, sie ist das Werk Gottes.
Jetzt könnte man sich vielleicht fragen: Sind das nicht nur fromme Floskeln? Wie hilft uns das im konkreten Alltag? Worin besteht eigentlich unsere Rettung durch Gott? Und was heißt das überhaupt: Rettung?
Gerettet werden muss man nur, wenn man sich in einer Situation der Gefahr befindet. Rettung ist dann notwendig, wenn man irgendwelchen Gefahren ausgesetzt ist. Und da brauchen wir nicht lange überlegen. Wir Menschen sind sehr verwundbar, sehr verletzlich. Viele Dinge gefährden unser Leben, zum Beispiel Krankheiten, seelisches Leiden, Unfälle, Abhängigkeiten und Süchte, gescheiterte Beziehungen, Ausgrenzung und Gewalt durch andere, unfreiwillige Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg, das lähmende Gefühl der Sinnlosigkeit, nicht mehr wiedergutzumachende Fehler, am Ende der Tod, früher oder später, aber so sicher wie das Amen im Gebet. Ist das durch Jesus anders geworden? Werden wir durch Jesus, werden wir durch den Glauben von all diesen Gefährdungen befreit? Nein. Auch als Glaubende sind wir weiterhin solchen Gefahren ausgesetzt, auch als Glaubende kann uns all das treffen. Auch als Glaubende müssen wir sterben. Niemanden bleibt der Tod erspart. Aber was ist dann die Rettung? Was heißt es, dass wir durch Jesus Christus gerettet sind?
John Macmurray, ein schottischer Philosoph, hat einmal gesagt: „Die Maxime illusionärer Religion lautet: Hab keine Angst! Vertrau nur fest auf Gott und er wird dafür sorgen, dass dich nichts von dem trifft, wovor du dich fürchtest. Die Maxime wirklicher Religion lautet dagegen: Hab keine Angst! Die Dinge, vor denen du dich fürchtest, können dir ohne weiteres zustoßen, aber sie können dir letztlich nicht schaden, weil sie dich nicht von Gott trennen können." So ähnlich würden wir das auch vom Glauben her sehen.
Jesus bringt uns das Evangelium. Er schenkt uns Zugang zu Gott, er befreit uns von der Sünde, von einer Situation der „Gottesferne". Durch seine Botschaft, durch sein Wort, wird offenbar, dass wir in die Liebe des Vaters zum Sohn aufgenommen sind, dass wir uns die Gottes Liebe nicht verdienen müssen und auch nicht verdienen können, sondern dass wir von ihr als dem einzig Verlässlichen ausgehen können. Diese Liebe gilt der ganzen Welt, aber sie kann nur im Glauben an das Wort Gottes erkannt werden. Im Glück und im Leid, im Leben und im Sterben, bleiben wir in dieser Liebe geborgen. Das ist unsere Rettung. Jesus nimmt uns hinein in seine Gemeinschaft mit dem Vater. Und darin besteht das ewige Leben, das im Glauben schon begonnen hat und das auch bleibt, wenn unser biologisches Leben endet. Im Epheserbrief wird das mit dem kühnen Bild ausgedrückt, dass wir schon jetzt mit Christus auferweckt sind und zusammen mit ihm einen Platz im Himmel bekommen haben. All die Gefährdungen, denen wir ausgesetzt sind, können uns nicht von Gott trennen. Und so können wir uns diesen Gefährdungen auch anders stellen, anders mit ihnen umgehen, mutiger, gelassener, menschlicher. Wir müssen uns nicht mehr von der Angst lähmen lassen, sondern können uns für das Gute einsetzen: „In Christus Jesus zu guten Werken erschaffen, die Gott für uns im Voraus bestimmt hat, damit wir mit ihnen unser Leben gestalten." Jeder neue Tag bietet uns die Gelegenheit, damit wieder anzufangen.
Das ist also unsere Rettung, unsere Gemeinschaft mit Gott durch Jesus Christus, unsere Teilnahme am Leben der Dreifaltigkeit. Gilt das nur für die Glaubenden? Was ist mit der Finsternis, von der im Johannesevangelium auch die Rede ist? Was ist mit dem Gericht? Nun, wenn man die christliche Botschaft ablehnt, dann kann man von Rettung und Gnade auch nichts erkennen, dann hat man nichts davon, dann bleibt man in der Finsternis. Die Sonne scheint, aber man verschließt die Augen, und man weiß dabei gar nicht, was man tut. In jedem Menschen, in jedem von uns findet sich eine Mischung aus Licht und Finsternis, eine Mischung aus Glaube und Misstrauen. Aber gerade weil der Glaube nicht unser eigenes Werk ist, sondern das Werk Gottes in uns, dürfen wir darauf vertrauen, dass er den Sieg davon tragen wird. „Aus Gnade seid ihr gerettet." Amen.
Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck