Predigt zum 5. Fastensonntag
Am Beginn des Evangeliums wird uns erzählt, dass eine Gruppe von Pilgern, die nach Jerusalem gekommen sind, Jesus sehen wollen. Sie gehen zu einem Jünger und sagen: „Herr, wir wollen Jesus sehen."
Als diese Frage dann Jesus erreicht, passiert das, was wir jetzt gerade gehört haben: Jesus hört zwar die Frage, aber dann ist er wie weggetreten (könnte man salopp sagen), er ist entrückt, erschüttert, wie in Ekstase.
Was wir in der Einleitung gehört haben, die Anfrage dieser Pilgergruppe, spielt jetzt keine Rolle mehr, sie wird auch später nicht mehr aufgegriffen. Keine Ahnung, ob diese Leute Jesus zu Gesicht bekommen haben oder nicht. – Der Evangelist Johannes, der dieses Evangelium aufgeschrieben hat, hat das wohl bewusst so komponiert und aufgeschrieben: Es beginnt so alltäglich, fast banal, und dann ist ganz plötzlich alles anders: die Frage landet bei Jesus, aber das, was diese Frage bewirkt, in ihm auslöst, spielt sich auf einer anderen Ebene ab.
Jesus ist wie verwandelt, er hat eine mystische Erfahrung, man kann auch sagen: er gerät in Ekstase. Jetzt steht die normale Zeit still.
Jetzt brechen Wort und Sätze aus ihm heraus, die schwer zu verstehen sind, sie kommen wie aus einer anderen Welt. Und dann durchfährt es ihn wie ein Blitz: „Jetzt ist meine Seele erschüttert" sagt er. Diese seine innere Erschütterung wird dann noch verstärkt durch eine äußere Erschütterung. Die Stimme Gottes ist zu hören. Sie klingt wie ein Donner.
„Jetzt ist meine Seele erschüttert" sagt Jesus und er lässt uns hineinschauen in sein Inneres, seine tiefe Bewegtheit. „Die Stunde ist gekommen..." sagt er. Jetzt, in diesem Moment wird ihm so vieles klar: dass er sterben muss, dass es kein Zurück mehr gibt, dass der Konflikt sich zuspitzen wird, dass er ein gewaltsames Ende finden wird. Dass er auch jetzt im Einklang mit Gott ist.
In dieser mystischen Erfahrung klärt sich aber nicht nur sein Weg, es wird auch so vieles klar, was das für seine Jüngerinnen und Jünger heißt und was das für uns Christen bedeutet, für uns heute. Die Erschütterung ist wie ein Sturm, wie ein Beben. Sie macht manches klar, manches wird zurecht gerückt. Das, was fest ist und fest hält, bleibt, wie eine Ordnung, die wieder hergestellt wird. Kleinigkeiten, Ablenkungen, Dinge, die wir uns zurecht legen, aber auch Gedankenspielereien bröckeln weg und lösen sich auf. Die Ursprungsordnung zeigt sich in dieser Stunde, in dieser Erschütterung, und das hat Auswirkungen auf unser Leben, auf unseren Alltag: Das Leben ist wichtig, aber wir sollen nicht unser Herz dran hängen. -Sterben ist nicht automatisch Scheitern. - Unser Platz ist bei Jesus. Seine Nähe ist unser Daheim. So finden wir Heil, heiles, gutes Leben.
Diese Erschütterung, dieses Donnern bricht alles auf, bringt es durcheinander und bringt es gleichzeitig in die neue Form, die neue Ordnung. Der neue Plan wird sichtbar, Jesus ist jetzt gefasst und orientiert.
Für ihn wird klar, dass er nicht bitten wird: „Vater, rette mich aus dieser Stunde", sondern: „Vater, verherrliche deinen Namen". – Eine echte Erschütterung dieser Wandel, dieses Einwilligen.
Was könnte bei Ihnen erschüttert werden? Was könnte durcheinander kommen und zurecht gerückt werden? Welche Vorstellung vom Leben? Welche Frage, welche Bitte verändert sich?
Der Evangelist Johannes hat diese Erschütterung Jesu, seine Ekstase ganz eng mit dem Alltag Jesu verknüpft. Auch in unserem Alltag sind solche Erfahrungen möglich. Erkenntnisse, die zwar erschütternd sind, die aber Vorstellungen und Pläne einrenken und zurecht rücken. Vielleicht sind manche von uns dafür empfänglicher als andere, aber grundsätzlich haben wir alle dieses Potenzial herauszutreten, den offenen Himmel zu schauen.
Madeleine Delbrel beschreibt das so:
".....Wir alle sind vorbestimmt zur Ekstase, alle berufen aus unsern armseligen Machenschaften heraus, um Stunde für Stunde in deinen Plan aufzutauchen. .... der zu schreibende Brief, das aufzunehmende Kind, ..., die zu öffnende Tür, der abzuhebende Hörer, die auszuhaltende Migräne: Lauter Sprungbretter in die Ekstase, lauter Brücken aus unserem armen Leben, unserem Widerwillen, hinüber zum stillen Gestade deines Wohlgefallens. ..." (Madeleine Delbrel)
Prof. Anni Findl-Ludescher, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck