Predigt zum 5. Fastensonntag
B 2021 Jer. 31, 31 - 34
„Keiner belehrt mehr den anderen..." So hörten wir in der ersten Lesung aus dem großen Propheten Jeremias. „Keiner belehrt mehr den anderen" ist das nicht völlig utopisch? Ist solch eine Verheißung oder Prophezeiung nicht unerhört? Und mag sie für die damalige Zeit noch irgendwie verständlich gewesen sein, ... aber für uns heute? Für uns heute ist es evident, dass wir in allen Lebensbereichen lernen müssen. Und wie sollten wir lernen, wenn es keine Lehrenden gäbe?
In den sonntäglichen Gottesdiensten werden wir in der Regel mit den Paulusbriefen oder Pastoralbriefen konfrontiert. Auch diese Lesungen stützen unsere heutige Überzeugung, dass wir auf Lehrende angewiesen sind: besonders in moralisch relevanten Lebensbereichen sollen wir voneinander lernen! Wir sind aufgefordert, Zurechtweisungen ernst zu nehmen, aber auch die Brüder oder Schwestern im Herrn zu ermahnen, sollten sie sich gegen andere und gegen uns vergehen.
Jeremia betont etwas anderes: er bezieht sich auf den neuen Bund und den damit gegebenen neuen Erkenntnisstand der Menschen. Niemand wird einen anderen mehr belehren, weil alle von einer sie durchdringenden Erkenntnis bestimmt sein werden. Die Menschen, und zwar alle Menschen, klein und groß, - so heißt es ausdrücklich - werden erkennen. Und was werden sie erkennen? Wir haben es gehört, alle werden den Herrn erkennen! Diese neue Erkenntnis ist der Grund, weshalb sich das Lernen durch Lehrende erübrigen wird. Sie ist nicht primär Verstandeserkenntnis, sondern personale Erkenntnis! Es geht um Erkenntnis in einem tieferen Sinn: wir Menschen erkennen nämlich nicht nur mit dem Verstand, sondern in einem gewissen Sinne auch mit dem Herzen.
Der Grund dafür, dass es keine wechselseitige Belehrung mehr geben wird, ist also, dass Gott selber in uns wirkt. Er selber schreibt das Gesetz in unsere Herze. Mit „Gesetz" ist eindeutig mehr gemeint als ein Kodex, mehr als eine Menge von Verhaltensvorschriften, ja mehr als eine Weltanschauung. Das Gesetz des Herrn ist die verdichtete Gegenwart Gottes in unseren Herzen. Indem wir alle von einer tiefgreifenden liebenden Beziehung zu Gott durchdrungen sein werden, werden wir keine Lehrenden mehr brauchen.
Ist es nicht schön, einfach beglückend, eine Verheißung zu bekommen, eine Art Zusicherung, dass wegen der Gegenwart des Göttlichen in unserem Innersten sich Belehrung unter uns Menschen erübrigt? Ist es nicht trostvoll, auf solch eine Zukunft zugehen oder sie erhoffen zu dürfen?
Die Verheißungen im Rahmen des neuen Bundes betreffen nicht die normale menschliche Erkenntnisgewinnung. Die hier angesprochene Erkenntnis des Herrn ersetzt nicht die bewährten sonstigen Methoden, zu Erkenntnissen über uns selbst sowie die Natur zu gelangen. Das Neue der gehörten Verheißung besteht in der Zusage, dass wir Menschen fähig sein werden zu verstehen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Ermöglicht wird es durch Gottesgegenwart in uns selbst. In unserem Innersten strahlt das göttliche Licht, damit wir sehen, verstehen, erfassen können, was wirklich gut und was wirklich böse ist.
Die Erkenntnis der letzten alles tragenden Grundlage unseres Lebens schließt also eine Vielfalt der sonstigen Erkenntnisse und Erkenntnisarten nicht aus. Darin wird es auch eine gewisse Konkurrenz geben können. Da ist Belehrung nicht nur möglich, sondern unerlässlich. Wir dürfen die Prophezeiung jedenfalls so verstehen, dass sie mit einem Pluralismus der Weltanschauungen kompatibel ist.
Schwierig wird allerdings der Umstand, dass im dritten Jahrtausend trotz Verheißung unserer innerer personaler Erkenntnisstand mitnichten besser geworden ist. Schwierig ist zudem der Umstand, dass auch fromme Menschen, Menschen, die sich voll auf Gott einlassen, die sich ganz und gar ihm anvertrauen, in der Erkenntnis der letzten Dinge, in der Erkenntnis von Gut und Böse sich täuschen können. Die Erfahrung lehrt, dass der auf sich gestellte Einzelne, selbst wenn er von Gottes Licht und Gottes Gegenwart durchdrungen ist, sich verschiedenes vormachen und Opfer von Einbildungen werden kann. Ist es deshalb nicht doch sinnvoll zu belehren oder Belehrung zuzulassen oder zumindest nicht verbannen zu wollen.
Da es auch im Innersten des Menschen Fehlentwicklungen und Fehleinschätzungen geben kann, ist ein Korrektiv wichtig. Gefragt sind Menschen mit einem feinen Sensorium und einem differenzierten Weitblick, Menschen, die in der Lage sind, richtig oder annähernd richtig zu urteilen und somit anderen belehrend zur Seite zu stehen. Mit anderen Worten: trotz gehörter Verheißung brauchen wir Lehrer, Menschen, die sich selbst und andere belehren. Ignatius von Loyola hielt von solch einer Funktion sehr viel. In seinen ersten seelsorglichen Bemühungen hatte er nämlich feststellen müssen, dass Ergriffenheit, Enthusiasmus, Begeisterung, missionarischer Eifer auch von Gott wegführen können.
L.G., in der Geschichte des Christentums wurden beide Tendenzen wirksam: In der evangelischen Tradition neigt man dazu, die Verheißung quasi wörtlich zu verstehen und folglich eine Art gnoseologischen Gleichberechtigung unter den Gläubigen zu sehen. In der römisch-katholischen Tradition betont man auch die Vorläufigkeit der genannten Verheißung. Das Reich Gottes des Neuen Bundes ist zwar schon mitten unter uns, aber erst im Ansatz. Es ist angebrochen, aber noch nicht in seiner ganzen Fülle.
P. Edmund Runggaldier SJ