Sechster Sonntag der Osterzeit

Predigt zum Nachlesen von P. Robert Deinhammer SJ

Symbol

6. Sonntag der Osterzeit
1 Joh 4, 7-10; Joh 15, 9-17

Im Zentrum des Christentums ist die Liebe, dort sollte sie zumindest sein. Aber wie wir wissen, ist es mit der Liebe nicht ganz so einfach, zumindest nicht für uns Menschen. Wir sollen in der Liebe leben, ganz konkret die Mitmenschen lieben, und oft können wir das nicht. Uns fehlt die Kraft zur Liebe, weil wir nur uns selber sehen können, weil wir in uns selbst gefangen sind. Und sind die meisten Menschen überhaupt so liebenswert? Wir wollen jedenfalls geliebt werden, um unserer selbst willen. Aber eigentlich werden wir meist nur wegen irgendwelcher Qualitäten oder Leistungen geschätzt. Müssen wir uns die Liebe erst verdienen? Dann werden wir bald nach der Pfeife derer tanzen, von denen wir geliebt und anerkannt sein wollen, um ja nicht Gleichgültigkeit oder Ablehnung erfahren zu müssen. „Wenn du nicht tust, was ich will, mag ich dich nicht mehr." Das ist emotionale Erpressung. Und wer wurde nicht schon schwer enttäuscht von eigener und fremder Lieblosigkeit, enttäuscht gerade auch von Menschen, die einem nahe stehen, gerade von Menschen, von denen man meinte, sich auf sie verlassen zu können. Auch in Freundschaften und Familien gibt es brutalen Egoismus. Und so verzweifeln manche an der Liebe, halten sie für eine romantische Illusion und werden zynisch, oder legen sich einen Hund zu. Andere verwechseln sie mit einem Gefühl, mit einem „Kribbeln im Bauch" oder mit gegenseitiger Nettigkeit, so lange es sich auszahlt. Nicht überall, wo Liebe drauf steht ist auch Liebe wirklich drin.

Im Zentrum des Christentums ist die Liebe, dort sollte sie zumindest sein. Wir glauben, dass ein liebender Gott unsere Welt geschaffen hat, wir glauben an die Liebe der göttlichen Allmacht. Aber wenn wir ohne Illusionen in die Welt schauen, dann könnten da doch einige Zweifel auftauchen. Neben ihren wunderschönen und guten Seiten hat die Welt für uns Menschen auch ganz furchtbare Züge: Leid in den unterschiedlichsten Formen, Krankheit, Naturkatastrophen, Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg. Der Tod scheint immer das letzte Wort zu haben. So stellt sich die Welt für uns irgendwie ambivalent dar, nicht eindeutig gut oder eindeutig schlecht, sondern beides zusammen. Von der Welterfahrung allein her können wir kaum auf einen liebenden Gott schließen. Wo ist denn dieser liebende Gott? Erfahren wir im Grunde nicht immer nur die Abwesenheit Gottes?

Vor diesem Hintergrund dürfen wir aus dem 1. Johannesbrief nun hören: „Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben." Gott-Vater sendet seinen Sohn zu uns, er offenbart seine Liebe in Jesus Christus. Ohne Jesus würden wir weiterhin im Dunklen tappen. Dass Gott uns liebt, können wir nur im Glauben an die Botschaft Jesu erfahren, und nirgendwo anders. Es muss uns im „Wort Gottes" zu unserer eigenen Wirklichkeit hinzugesagt werden. Der ewige Sohn Gottes hat in Jesus eine menschliche Natur angenommen, um uns in einem menschlichen Wort Gottes Liebe zu verkünden. Dieses Wort, die christliche Botschaft, hat Jesus mit seinem Leben und mit seinem Sterben bezeugt, damit wir daran glauben können. Und in diesem Glauben an die Liebe Gottes ändert sich auch unsere ganze Welterfahrung. Die Welt erscheint dann nicht mehr als ein Gleichnis der Abwesenheit Gottes, sondern als ein Gleichnis seiner Gegenwart. Von Gottes Liebe können wir überhaupt nur so sprechen, dass menschliche Liebe zu einem ganz schwachen Bild für sie wird. Menschliche Liebe ist endlich und begrenzt, Gottes Liebe ist so unendlich, dass sie alles Begreifen übersteigt und sogar den Tod überwindet.

„Gott ist Liebe." Was für ein gewaltiges Bekenntnis! In diesem neutestamentlichen Spitzensatz ist schon die ganze Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes enthalten. Die eine und einzige Wirklichkeit Gottes besitzt sich selbst in drei Personen, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Von Ewigkeit her liebt der Vater den Sohn im Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist die Liebe zwischen Vater und Sohn. Und an dieser Liebe bekommen wir Anteil. Wir werden hineingenommen in diese Liebe und können niemals mehr aus ihr herausfallen. Durch Jesus wird uns offenbar, dass der Vater uns wie seinen eigenen Sohn liebt. Gemeinsam mit Jesus haben wir Zugang zum Vater. Nur so ist Gemeinschaft mit Gott möglich. Aber dann sind wir keine Knechte mehr, sondern Freunde Jesu, Gottesfreunde. Gott hat uns zu Freunden seines Sohnes gemacht, er hat uns in Jesus Christus erwählt zu seinen Söhnen und Töchtern.

Jesus will, dass seine Freude in seinen Jüngern ist und dass diese Freude vollkommen wird. Das will er auch für uns, hier und heute, das will er für jeden einzelnen Menschen. Was ist diese Freude Jesu? Nun, es ist das Erfülltsein vom Heiligen Geist, das Geliebtwerden durch den Vater. In dieser Freude wird auch wahre menschliche Liebe überhaupt erst möglich. Wer sich in Gottes Liebe geborgen weiß, kann selbstlos sein, weil er nicht mehr unter der Knechtschaft der Angst um sich selbst leben muss. Gottes Liebe zu uns bewirkt, dass wir selber liebevoll leben können. Aber dann gilt umgekehrt: Wer nicht liebt, hat Gottes Liebe nicht erkannt oder wieder vergessen. Deshalb ist es so wichtig, sich immer wieder an Gottes Liebe zu erinnern, für sie zu danken, auf Gottes Wort antworten. Das ist der eigentliche Sinn von Gebet. Und solches Gebet wird unfehlbar erhört.

Im Zentrum des Christentums ist die Liebe, dort sollte sie zumindest sein. All unser Tun und Leiden darf Antwort darauf sein, dass wir von Gott geliebt sind. Das ist der Unterschied zwischen verkrampfter Leistung und Fruchtbringen. Wenn Gottes Liebe nicht im Zentrum steht, dann kann es auch keine wirkliche Liebe unter den Menschen geben, dann ist unser Leben vielleicht sehr aktiv, aber letztlich fruchtlos. „Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben." 
Gebe Gott, dass wir immer mehr in dieses neue Leben hineinfinden!
Amen.

 

Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck


Bild: Sai de Silva via unplash.com

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