Umkehr - Fuß vom Gas!

Predigt zum Nachlesen von P. Bernhard Heindl SJ

Symbol

2. Adventsonntag (Lk 3,1-6, Phil 1,10)

Liebe Schwestern und Brüder!

Umkehr – ein zutreffendes Schlagwort, um das, wofür Johannes der Täufer in der christlichen Botschaft steht, auf den Punkt zu bringen: Johannes predigt am Jordan Umkehr, hieß es im Evangelium. Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie das Wort ... Umkehr hören? Also, bei mir ist es die monotone Navi-Stimme: Bei nächster Gelegenheit bitte wenden.
Oder das Verkehrsschild vom sog. U-Turn, Sie kennen das Schild, abgebildet ist eine Pfeillinie, die U-förmig gebogen einen Richtungswechsel vorschlägt, erlaubt.

Umkehr, der Täufer scheint darauf spezialisiert gewesen zu sein, den Menschen eindringlich zu empfehlen, dass sie schleunigst die Richtung ändern sollen! Die Liturgen waren freundlich, sie lassen das heute gehörte Evangelium aus dem 3. Kapitel des Lukasevangeliums mit V 6 enden und greifen am nächsten Sonntag den Faden erst bei V 10 wieder auf.
Die Lücke?! – Die wörtliche Rede des Täufers, eine Kostprobe daraus: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen ... Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine Frucht hervorbringt wird umgehauen ...

Ein drastischer Umkehrruf! Und es kann durchaus sein, dass er einen trifft, dass man innerlich einfach weiß: So geht's nicht weiter! Jeder weitere Schritt nach vorne ist jetzt kein Fortschritt mehr, sondern ist ein Treten auf der Stelle und kommt einem Rückschritt gleich. Umkehren ist angesagt! Andererseits kann die Tonvorlage des Täufers auch leicht für leichtgemachte Moralpredigten missbraucht werden: An ein permanent schlechtes Gewissen im Katholischen zu appellieren ist leicht möglich und dann wird noch der Zeitgeist bemüht, der selten gut ist, und schon sitzen wir wieder da, im kollektiven Schlechten-Gewissen-Schlamassel!

In meiner christlichen Sozialisationsgeschichte kam jedenfalls der Punkt, wo ich Predigt-Aufforderungen, wie sie der Täufer mit moralisch erhobenem Zeigefinger ausstößt, mit einer wachsenden Ratlosigkeit und einer kleinen Selbstbehauptung zuhörte. Mein Zuhörgefühl in Worten: Na, in meinem Leben ist sicherlich nicht alles einfach nur in Ordnung, manches sollte sich ändern ... Aber alle Jahre wieder von der Kanzel die Mahnung zum radikalen Richtungswechsel! Läuft mein Leben wirklich so völlig in die falsche Richtung, dass schwindelerregend U-Turn auf U-Turn folgen muss?!

Es war eine biblische Vorlesung, die mir half, beim Wort Umkehr nicht einzig und allein an das Schild vom U-Turn zu denken. Umkehr, griechisch Metánoia, könnte man vom Sinngehalt her wiedergeben mit: „hinterher bedenken", im wahrsten Sinne des Wortes „nach-denken" und als Folge: seinen Sinn ändern. Umkehr, weniger moralisch, mehr am ursprünglich griechischen Sinngehalt: eine Nachdenklichkeit, die mich zu einer Sinnesänderung führt.

Umkehr: Denk doch mal nach! – In Verkehrsschildern ausgedrückt, würde ich da Geschwindigkeitsbegrenzungen aufstellen, um runter zu bremsen: 100, 80, 60. Umkehr, das heißt für mich: Fuß vom Gas!, auf der Autobahn des Lebens, auf der wir alle mit immer höherer Geschwindigkeit durch's Leben rasen! Wir alle haben die Pandemie kräftig satt! Und ich höre immer wieder auch hinter vorgehaltener Hand, mit reduzierter Lautstärke: Aber weniger Termine im Kalender ist gar nicht nur schlecht!

Entschleunigen, um nachdenken zu können: Wo fahre ich hin? Ja, und sicherlich auch: Stimmt die Richtung noch? Aber es muss eben nicht zwangsläufig zum U-Turn führen, es kann auch die Einsicht bedeuten: Ich rausche auf Hochgeschwindigkeit durch mein Leben und sehe gar nicht mehr, welche Schönheiten am Wege liegen oder wo ich anhalten sollte, weil ich gebraucht werde, ich sollte das Tempo reduzieren! Paulus sagt in den Philippern: ... berurteilen können, vorauf es ankommt ...

Umkehr, Fuß vom Gas!, entschleunigen und als Verkehrsschild ist mir die Wohnstraße, also ein verkehrsberuhigter Bereich dafür sympathisch geworden: Ein blaues Schild und in weißen Linien darauf, ein Haus, ein mit einem Erwachsenen ballspielendes Kind und im Hintergrund ein Auto, dass schrittfahren muss, weil sich hier eben viel Leben tummeln kann und man aufpassen muss, dass man nichts und niemanden überfährt!

Johannes predigte ... und nun möglichst nahe im O-Ton wiedergegeben ... die Taufe der Sinnesänderung ... (zur Vergebung der Sünden). Von Zeit zu Zeit eintauchen in Sinnesänderung, sich Zeit nehmen, um existentiell nachdenklich werden zu können. Das muss mir persönlich niemand einreden, danach sehne ich mich und ich bin der Kirche regelrecht dankbar, dass sie mich 2 x im Jahr, im Advent und in der Fastenzeit, dazu anleitet, mir dabei helfen will: Fuß vom Gas, stimmt noch alles, bin ich noch in auf der richtigen Spur oder überfahre ich wichtiges in meinem Leben, was mir und vor allem anderen Schaden zufügen, wehtun könnte?!

Die Taufe der Umkehr oder eintauchen in Sinnesänderung! Die Menschen am Jordan wussten, dieser Wunsch fällt nicht einfach so vom Kopf ins Herz! Sie nahmen sich Zeit dafür, sie gingen diesem Wunsch nach, nahmen einen Weg auf sich, hinaus an den Jordan. Sie nahmen sich Zeit für ein Ritual, das ihren Wunsch nach Sinnesänderung bekräftigen und spürbar werden lassen sollte. Und so will ich unser Zusammenkommen zum Gottesdienst auch verstehen: Wir kommen zusammen, als Menschen, die offen sind für Sinnesänderung, wo sie nottut und die Gottes Hilfe dafür in Anspruch nehmen, auf Gottes Hilfe dabei vertrauen. Hier, ein Kraftort, um sich nicht in sich selbst zu verstricken, zu versteifen, zu verrennen, ein Ort, um Rituale zu feiern, die spürbar innere Freiheit eröffnen. Eine Umkehr nach der ich mich immer wieder sehne. – Amen.

 

P. Bernhard Heindl SJ

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