Heilung und Heil
Impuls für kranke Menschen, und alle die sie begleiten
„Jesus heilte". Jedes Mal wenn ich als Seelsorger Worte - wie diese – höre, rühren sie mich an. Täglich begegne ich kranken, sterbenden Menschen. Die Not ist groß. Sie schreit zum Himmel. Und immer wieder sehne ich mich nach dieser in den Evangelien beschriebenen Heilkraft Jesu. Ich wünsche sie mir auch heute herbei, wenn ich all die Leiden, Beschwerden und Herausforderungen sehe, von kranken Menschen und derer, die sie begleiten.
Im heute gehörten Evangelium von Matthäus ist gleich zwei Mal die Rede von „heilen". So heißt es: Er heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden. Und einige Verse weiter heißt es: Er heilte sie alle.
Ich möchte mit ihnen zwei Gedanken teilen:
Auffallend ist: Es wird nicht geschrieben: Er machte gesund, nein er heilte. Heilung ist mehr als Gesundsein. Heilung meint den ganzen Menschen, „Leib und Seele", ein heil, ein ganz werden.
Gerade in der hospizlichen Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Menschen nicht gesund, aber ein Stück heiler werden. Eine Frau meinte kürzlich mir gegenüber: „Der Preis der Krankheit ist zu hoch, aber ich bin durch all das Schwere hindurch ein anderer Mensch, ein reiferer Mensch geworden. Ich bin in manchen Dingen gelassener, ruhiger, dankbarer geworden. Gott möge es vollenden."
Der zweite Gedanken, denn ich mit ihnen teilen möchte, ist folgender: Auffallend ist, dass im Evangelium des heutigen Tages bei Matthäus steht, dass Jesus alle Krankheiten und Leiden heilt und dass er sie alle heilte. Daraus könnte man folgern, salopp gesagt: Jesus heilt alles und alle. Andere Evangelienstellen zeigen, dass Jesus nicht immer heilt.
Aber mit diesem alle kann gemeint sein: Jesus unterscheidet nicht, um welche Menschen, um welche Krankheiten es sich handelt. Er fragt nicht nach Privilegien, Stellung und Einkommen, ob einer zahlen kann oder nicht. Er denkt nicht exklusiv, sondern inklusiv, nicht halb, sondern ganz.
Wenn Jesus heilt, dann verwendet der Evangelist Matthäus wie die anderen Evangelisten für Heilen das griechische Wort therapeuein. Im Kontext antiker Medizin wurde das Wort therapeuein verwendet für eine heilende Tätigkeit, die alle Krankheiten meint: physische Erkrankungen ebenso wie psychische, soziale. Und noch etwas: Therapiert werden in den Evangelien genauer genommen nicht Krankheiten, sondern immer Menschen.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgte auch Jahrtausende später Cicely Saunders, die Gründerin der modernen Hospizbewegung. Im Mittelpunkt standen Menschen mit ihrem umfassenden Leiden. Sie erkannte im Konzept des "total pain" (Gesamtschmerz), dass Schmerz nicht nur körperlich empfunden wird, sondern auch psychisch, sozial, spirituell. Heilung ist möglich, wenn der Mensch als ganzer gesehen und begleitet wird: körperlich, psychisch, sozial, spirituell.
Jesus heilt indem er kranke Menschen nicht nur gesund, sondern heil macht. Er heilt nach Matthäus alle Menschen, alle Krankheiten.
Wenn heute am Ende des Gottesdienstes wieder zum Einzelsegen einladen wird, dann drückt das dabei gesprochene Segensgebet aus, worum es Jesus letztlich geht: um Heilung und Heil. Das Segensgebet lautet: „Der allmächtige Gott schenke dir Heilung und Heil an Leib und Seele, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen."
Christian Sint, Seelsorger Hospizhaus Hall
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