Wenn du ein Bildwort nennen solltest, das ausdrückt, wer Jesus Christus für dich zur Zeit ist, welches Bildwort wäre es?
Die Heilige Schrift bietet viele solcher Worte an: der gute Hirte, die Tür, das Licht, der Eckstein... Heute nennt sie drei ganz große Worte: Weg, Wahrheit, Leben. Drei berühmte Worte. Man ist sie schon gewohnt, und vielleicht sind sie daher nicht mehr so sprechend. Denke ich aber über sie nach, so überraschen sie mich. Allein das erste Wort hat mir wieder viel erschlossen: Jesus, der Weg.
- Jesus, der Weg. Er bietet Orientierung. Was Jesus getan hat, was er gesagt hat, wie er gelebt hat, gelitten hat, gestorben ist, wie er sein Sterben und Auferstehen gedeutet hat: dass er vorausgeht, um uns einen Platz vorzubereiten; wie er mir mit seinem Leben Gott nahe gebracht hat; seine Bilder und Vergleiche, seine Ideale: Auch wenn ich ihnen oft nicht gerecht werde – ich möchte mich an keinen anderen orientieren.
- Jesus der Weg. Keine Autobahn, denke ich, keine Schnellstraße, die mich bequem von hier nach dort bringt. Der Weg ist verschlungen, hat Kurven und Kehren, geht bald steil hinauf, bald hinab, führt über Berge und Täler, durch Sümpfe und Wüsten. Ich verliere ihn und suche ihn wieder. „Lass dir alles geschehn," schreibt Rainer Maria Rilke „Schönheit und Schrecken, man muss nur gehn. Kein Gefühl ist das fernste." Als ich über die Herausforderungen im Glaubensweg klage, sagt mir ein Freund: „Es gibt keine Abkürzungen im geistlichen Leben."
- Jesus, der Weg. Und ich bin auf dem Weg, denke ich. Ich bin nicht am Ziel. Das entkrampft. Ich muss nicht vollkommen sein, ich darf Fehler machen. Wenn ich vor Kolleg:innen an der Uni etwas vortrage, sage ich manchmal: „Es ist work in progress." Ich bin dabei, etwas auszuarbeiten, aber meine Gedanken sind noch unklar, lose, nicht zu Ende gebracht, enthalten Fehler und Sprünge. So begreife ich mich auch auf dem Lebensweg: Ich bin work in progress. Ich stolpere, ich falle auf die Nase, Menschen, die mit mir auf dem Weg sind, helfen mir wieder auf, sprechen mir Mut zu. Ich lerne. Ich bin nicht fertig. Ich bin auf dem Weg.
- Jesus, der Weg. Auf diesen Weg zu gehen heißt, mich zu verändern. Bilder, Gedanken, Gebete, die früher einmal hilfreich waren, sind schal geworden. Texte sind zu Floskeln erstarrt. Ich habe nicht ein für allemal heraus, was es heißt zu glauben. Aber das wundert mich nicht. Sagt Gott doch bei Jesaja (43,19): „Siehe, nun mache ich etwas Neues [...] merkt ihr es nicht?" Gott schafft mich jeden Augenblick, er erfindet mich jede Sekunde neu, und so muss auch ich mich immer wieder neu erfinden. „Jeden Morgen weckt er mein Ohr", heißt es wieder bei Jesaja (50,4), und daher muss auch ich jeden Morgen neu hineinhorchen in Gott und in mich, um zu erahnen, wer er jetzt für mich ist und wer ich für ihn bin, für ihn sein will und kann. Ich bitte um die Geduld, still zu sein, bis ich sein Rufen vernehme. Ich will mit meinem Leben beten, jeden Tag ist es anders, und so ist auch mein Gebet je anders, mein Zugang zu Gott.
- Jesus, der Weg. Der Weg ist vor mir, aber der Weg ist vor allem unter mir. Er liegt mir zu Füßen, denke ich, er ist der Grund auf dem ich gehe. Jesus ist der, der mir in allem Boden ist, Fundament. Ob ich Freudensprünge mache, mich niedergeschlagen dahinschleppe, oder einfach nur Schritt für Schritt die Arbeiten des Alltags erledige: Jesus ist der Boden, der mich trägt. Eine Bekannte bestätigt, was ich denke, mit einem überraschenden Wort aus der Heiligen Schrift: „Von unten tragen die Arme des Ewigen." (Dtn 33,27)
P. Bruno Niederbacher SJ
Bild: Martino Pietropoli via unsplash.com