Durchlässig auf Gott

Predigt zum Nachlesen von Prof. Nikolaus Wandinger

Symbol

Durchlässig auf Gott
Jes 62,1-5; (1 Kor 12,4-11); Joh 2,1-11


Liebe Gläubige,
Jesus stellt einmal fest, dass seine Gegner ihn einen „Fresser und Säufer" (Mt 11,19 / Lk 7,34) nennen. Vielleicht ist ja das heute im Evangelium geschilderte Ereignis ein Anlass für diese boshafte Zuschreibung gewesen. Da ist Jesus auf einer Hochzeit und als dort der Wein ausgeht, verwandelt er 600 Liter (!) Wasser in Wein, und das zu einem Zeitpunkt des Festes, an dem – nach Aussage des Organisators – ohnehin schon die meisten zu viel getrunken hatten. Man fragt sich: Wie viele Leute waren denn bei dieser Hochzeit, dass so viel Wein ver-braucht wurde? Und warum tut Jesus das – zwar, zunächst widerwillig, auf Drängen seiner Mutter –, aber dann doch? Und warum drängt ihn Maria dazu?
Nun, ich denke, wir sollten etwas anders an diese Erzählung herangehen. Hier begegnet uns nicht die Organisation eines großen Saufgelages, hier begegnet uns ein Ereignis gewordenes Gleichnis für das himmlische Hochzeitsmahl. Jesus hat in Gleichnissen davon gesprochen, dass der Himmel wie ein Festmahl oder gar ein Hochzeitsmahl sei. Und immer kommt in diesen Gleichnissen auch ein Problem vor: die Leute wollen seltsamerweise nicht kommen oder sie sind nicht richtig angezogen für das Fest. Hier nun sind alle da und das Fest ist in vollem Gange – und doch gibt es wieder ein Problem: Der Wein geht aus. Es scheint so zu sein, dass sich dem himmlischen Hochzeitsmahl immer ein Hindernis in den Weg stellt. Hier jedenfalls beseitigt Jesus dieses Hindernis auf Drängen seiner Mutter: Das himmlische Hochzeitsmahl soll nicht an zu wenig Wein scheitern, sondern der beste Wein wird nachgeliefert.
Was bedeutet das aber für uns, die wir gerade nach den Weihnachtsfeierlichkeiten wieder in unseren Alltag zurückgekehrt sind – noch dazu in einen schwierigen Alltag, von dem wir noch nicht wissen, was auf uns zukommt?
Zunächst denke ich, drückt sich in diesem Ereignis gewordenen Gleichnis eine christliche Grundhaltung aus: Die Aufforderung, die Welt zu sehen als durchlässig für die Erfahrung Gottes. Natürlich kann ein Fest ausarten in ein Fress- und Saufgelage. Aber ein Fest mit all dem Überfluss an Essen und Trinken, den es dort gibt und geben soll, weil hier ein Vorgeschmack des Lebens in Fülle gegeben wird, können wir christlich sehen als Gleichnis für die Begegnung der Menschen mit Gott: Die geschieht, indem wir miteinander gesellig sind und uns der Gemeinschaft der anderen Menschen erfreuen. Denn jeder Mensch ist Abbild Gottes und Schwester oder Bruder Christi, und wenn wir uns aneinander und miteinander freuen, freuen wir uns auch an und mit Gott. Nicht von ungefähr geht es dabei um ein Hochzeitsmahl: Hochzeit, das heißt: verliebt sein, erotische Gefühle haben, sich einem anderen Menschen ganz zu schenken. Wenn die Bibel – das Alte und das Neue Testament – das als Bild für unser Verhältnis zu Gott nimmt, dann adelt sie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ungemein und macht auch verständlich, warum die Ehe ein Sakrament ist, ein leibhaftes und wirksames Zeichen der Zuwendung Gottes. Nehmen wir die festlichen und schönen Stunden im Leben nicht als etwas rein Menschliches, als etwas, das mit Gott nichts zu tun hat oder gar Gott zuwider wäre, sondern sehen wir sie – wie die Bibel – als Ereignisse in der Welt, die durchlässig sind für die Erfahrung der Zuwendung und Zuneigung Gottes.
Und doch: Unsere Feste gelingen eben nicht immer. Sie können kippen in Gelage, sie können ausufern in Streit; auch unsere Ehen gelingen nicht immer. Und momentan ist es sowieso wichtig, keine großen Partys zu veranstalten, weil sich dort das Virus gern verbreitet. Unser Leben ist eben normalerweise kein Fest, auch wenn ein modernes Kirchenlied das gerne hät-te. Kann man so etwas Fragiles und Problemanfälliges wie unsere zwischenmenschlichen Feiern und Beziehungen wirklich damit belasten, uns Gott erfahrbar zu machen? Jesus war davon überzeugt, sonst hätte er seiner Mutter den Gefallen nicht getan, obwohl, wie er sagt „seine Stunde" noch nicht gekommen war.
Allerdings: „Seine Stunde" – das ist im Johannesevangelium die Stunde des Kreuzes. Wie kaum jemand anders musste Jesus erfahren, wie schnell Festtagsstimmung kippt in Lynch-stimmung, wie problematisch unser zwischenmenschliches Beisammensein ist, das auch zur Zusammenrottung werden kann. Jesu Leben bestand ganz gewiss nicht nur aus Hochzeitsfei-ern, es bestand auch aus Herumziehen, aus angegriffen und ausgelacht Werden, ja aus angeklagt, verurteilt und hingerichtet Werden. Und macht das nicht einen dicken Strich durch die Hoffnung, dass das Leben als Fest ein Bild für den Himmel sein könnte? Müssen wir uns nicht darauf einstellen, dass bei uns erst recht alles schief geht, wenn es schon bei Jesus so schief ging?
Das ist die große Gefahr: Dass wir aufgrund all dessen, das schief geht, und aufgrund all des Leids dem Leben und damit Gott nicht mehr trauen. Davor will Jesus uns bewahren. Er hat nämlich dafür gesorgt, dass die Stunde seines Kreuzes nicht das wurde, was seine Feinde wollten: die Vernichtung seiner Lebensbejahung. Vielmehr hat er sogar aus dem Kreuz etwas gemacht, das durchlässig ist für die Liebe Gottes. Das ist uns viel schwerer zugänglich als das mit dem Hochzeitsmahl. Aber es ist so. Der Gott Jesu hält auch dann zu uns und bleibt auch dann bei uns, wenn uns nicht mehr zum Feiern zumute ist, wenn unsere Feste vorbei sind, wenn wir nicht menschliche Gemeinschaft genießen, sondern verlassen sind von allen, wenn Ehen kaputt gehen oder Familienbande reißen. Wenn wir nicht mehr fähig sind, gute Gemeinschaft zu halten, dann hält Jesus trotzdem Gemeinschaft mit uns und durch ihn der himmlische Vater.
In jeder Eucharistie denken wir daran, dass Jesus seine bevorstehende Hinrichtung verwandelt hat, indem er Brot und Wein genommen und sie zum Zeichen seiner Liebe und Hingabe gemacht hat – sogar mit jenen, die ihm das Leben nehmen wollten. Uns wird in jeder Eucharistie ein kleines Stück Brot und ein Kelch mit Wein durchlässig auf Jesus selbst hin. Er selber ist da in diesen Zeichen und versichert uns, dass es in unserem Leben keine Situation geben kann, in der er nicht mehr da wäre, weil er sogar aus dem, was die Stunde seiner Gegner sein sollte, „seine Stunde" gemacht hat; und weil er – nicht seinen Tod –, aber die Liebe, die sich in seiner Hingabe in den Tod zeigt, zu einer Feier gemacht hat, zur Eucharistiefeier.
In ihr bekennen wir, dass sein Tod nicht das Letzte war. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, deine Auferstehung preisen wir." – Als das Fest im Eimer scheint, verwandelt er das Wasser, das zum Füßewaschen gedacht wäre, in den besten Wein des Abends. Als es Zeit wird, sich von seinen Jüngern zu verabschieden, ist er sich nicht zu schade, ihnen die Füße zu waschen (vgl. Joh 13,1-20). Beides will uns das Vertrauen schenken, dass uns nichts trennen kann von ihm, nichts trennen kann von der Liebe Gottes (vgl. Röm 8,39). Maria hat ihn gedrängt, nicht bis zum Ende seines Lebens zu warten, um uns das zu zeigen, sondern es symbolisch schon vorwegzunehmen in dieser so berühmt gewordenen Hochzeit in Kana.
Vertrauen wir darauf. Lernen wir, die Welt, die uns umgibt, als durchlässig für die Zuwendung Gottes zu sehen: im Fest, aber auch im Alltag und sogar im Leid. Gott ist jeweils anders da, aber er ist da. Und am Ende steht wieder ein Fest, das er uns bereiten wird, auch wenn wir glauben, es sei schon alles vorbei.

Prof. Nikolaus Wandinger, Institut für Systematische Theologie Universität Innsbruck


Bild: Alice Pasqual via unsplash.com

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