Vater unser

Predigt zum Nachlesen von P. Thomas Hollweck SJ

Symbol

Was macht einen Tisch zu einem Tisch? – Vier Beine, gleich lang sollten sie sein, und darauf eine Platte. Manchmal tun es auch drei Beine oder eine Säule in der Mitte. Die Platte kann vier Ecken haben oder sechs, rund sein oder oval. – Wir alle haben eine Vorstellung und können sagen, wenn wir einen sehen: Das ist ein Tisch!

Was macht ein Gebet zu einem Gebet? – Wenn ich die Bibel aufschlage und aus dem Buch der Psalmen einen Psalm lese, zeigt das zunächst nur, dass ich lesen kann. Wenn ich ein Vaterunser spreche, zeigt das zunächst nur, dass ich es auswendig kann.

Ich habe am Abend immer ein Ritual: ein Blick auf den Tag, ein ‚Vaterunser', ein ‚Gegrüßet seist du Ma-ria', und ich bete immer drei Psalmen. Hinterher merke ich manchmal, dass ich das jetzt einfach nur erledigt habe. Worte, Sätze, einfach gesprochen. Das Ritual erfüllt. Immerhin das Ritual erfüllt! Das ist auch schon etwas. Treue. Aber war das jetzt ein Gebet?

Was macht ein Gebet zu einem Gebet? Ein Jünger hat offensichtlich so eine ähnliche Frage und wendet sich an Jesus: „Lehre uns beten!"

Mir gefällt, dass er nachfragt. Mir gefällt sein Interesse. Er hat sicher schon gebetet, aber er geht davon aus, dass er noch etwas entdecken kann, tiefer hineinsteigen kann.

Dazu eine äußere Beobachtung: Jesus geht zum Beten normalerweise in die Einsamkeit. Manchmal geht er nachts alleine weg zum Beten. Selbst dort, wo die Jünger dabei sind, z.B. im Garten Getsemani, heißt es: „Dann ging er allein weiter. Einen Steinwurf von ihnen entfernt kniete er nieder und betete." (Lk 22,41) – Beten darf einen eigenen Raum haben, einen Raum der Intimität. „Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist." (Mt 6,6)

Die Jünger bekommen mit, dass Jesus betet, aber sie bekommen nicht mit, wie er betet. Das erklärt, warum einer dann eben mal nachfragt.

Mir gefällt an Jesus, dass er auf die Frage keine theoretische Antwort gibt. Er hält keinen Vortrag über das Gebet, sondern er lässt die Jünger bei sich hineinhören und gibt ihnen ein konkretes Beispiel. Nach-vollziehbar. Wenn Du singen willst, dann sing und lies nicht ein Buch über Musik (wenngleich es durch-aus anregend sein kann, so ein Buch zu lesen.) Wenn du beten willst, dann bete. Jesus schenkt ihnen ein Klangbeispiel seines Betens.

Bei diesem Klangbeispiel bleibe ich gleich beim ersten Wort hängen (und bei dieser Predigt werde ich nicht wirklich über dieses erste Wort hinausgekommen): „Vater". – Darin deutet sich für mich die Ant-wort an auf die Frage, was ein Gebet zu einem Gebet macht.

Jesus spricht ganz persönlich. Er spricht sein Gegenüber an als Abba, lieber Vater, lieber Papa. Da ist persönliche, intime Begegnung.

Das ist die Spur für jede Beterin und jeden Beter: Gebet werden unsere Worte dort, wo wir Gott ganz persönlich mit Du ansprechen. Ganz unmittelbar, vom Herzen her. Wir können uns Gott dabei väterlich-liebend (beschützend, wegweisend, ...) vorstellen und wir können auch die mütterlich-liebende (gütige, bergende, ...) Seite mitempfinden. Gott ist wie Eltern, die für ihre Kinder da sind. Wir sind ihm verwandt. Gott ist wie ein Freund, der für seine Freunde da ist – um einen anderen Beziehungsbegriff zu nehmen, der heute im gleichen Evangeliumstext von Jesus eingebracht wird. – Hauptsache ich spreche ihn wirk-lich ganz unmittelbar an.

Mich dem Du, auch wenn es „im Verborgenen ist", bewusst zuwenden, aufmerksam, spürbar. Nicht drit-te Person: „ich glaube an Gott", sondern zweite Person: „ich glaube an dich Gott, ich glaube dir, ich ver-traue dir, ... auch wenn ich gerade, wo ich das ausdrücke, merke, dass ich momentan nicht so ganz ver-traue, aber ich sage dir das, wie ich es empfinde, ganz unmittelbar und ehrlich ..." Was auch immer in diesem Moment in mir da ist, kann ich ihm sagen.

Falls jemand mal den Faden zum Beten verloren hat, am Abend an der Bettkante trotz eines erfüllten Rituals, für einen Tag, für viele Tage oder für ein halbes Leben, dann gibt es eine einfache Methode: Einfach in diesem Moment wieder anfangen. Mach dir keine Vorwürfe, mach dir keine Gedanken über das Beten und ob und wie das funktioniert, sage nicht, dass du morgen wieder beten willst oder dir am nächsten Sonntag ja Zeit nehmen kannst. Nein, wenn du beten willst, dann mach es jetzt. Fang in diesem Augenblick an und sprich Gott ganz persönlich an. Du Gott. Zu dir wende ich mich jetzt in diesem Mo-ment so wie ich bin. Jetzt – sprechen und lauschen.

Mir gefällt das Bild von einer Brücke. Wenn ich einen Fuß auf die Brücke setze, dann bin ich der ande-ren Seite schon etwas nähergekommen. Ich bin nicht mehr einfach nur auf meiner Seite. Das Gebet ist die Brücke. Das Wort „Du" ist der erste Schritt. Manchmal, wenn ich merke, dass ich die Brücke betre-ten habe, brauche ich vielleicht gar nicht mehr viele Worte und jenseits der Worte bleibe ich im Gebet.

Was ich nicht machen kann: dass Gott mein Beten erfüllt, dass er mich erfüllt mit seiner Gegenwart. Aber was ich machen kann: Immer wieder einen Schritt auf die Brücke tun.

Ein Tisch. Ein Gebet. Was ich tun kann: Immer wieder am Tisch des Gebetes Platz nehmen. Immer wie-der ausprobieren, immer wieder praktizieren. Und ich werde mit der Zeit spüren, dass Gott meinem Beten entgegenkommt: „Du lässt mich Platz nehmen an deinem Tisch. Du deckst mir den Tisch und füllst mir reichlich den Becher. Du stillst meinen Hunger, du stillst meinen Durst."

Mir gefällt, dass hier – jetzt in diesem Gottesdienst – Menschen sind, die immer wieder beten, immer wieder am Tisch des Gebetes Platz nehmen. Es ist gut, in dieser Gemeinschaft zu sein. Jede und jeder von uns ist mit dem Vaterunser vertraut und wir haben es persönlich und miteinander immer wieder gebetet. Wir können das. Wir tun das. Es wirkt sich aus in unseren Herzen und macht uns zu Schwestern und Brüdern in Jesus Christus, zu Freundinnen und Freunden Gottes. Amen.

 

P. Thomas Hollweck SJ


Bild: Carlos Magno über unsplash.com

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