Von den Zöllnern, den Pharisäern und dem Pater Miribung

Predigt zum Nachlesen von Prof. Józef Niewiadomski

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Zum Jubiläum: 70 Ordensjahre

70 Ordensjahre von Pater Robert Miribung und diese liturgischen Texte, die uns heute als Wort Gottes treffen sollen! Wie soll man da eine Verbindung herstellen? Mit der Lesung da tut sich der Prediger leicht. Er könnte die Worte des Apostel Paulus, mit denen er seinen eigenen Lebensweg beschreibt, direkt auf Dich, lieber Robert, anwenden: Du hast den guten Kampf gekämpft, hast die Treue bewahrt. Den Lauf allerdings noch nicht vollendet. Die Erfahrungen der Gebrechlichkeit des fortgeschrittenen Alters sind dir schon zuteilgeworden und sie werden vermutlich noch zunehmen. Doch der Herr wird dir zur Seite stehen. Du hast ja immer noch ein Ziel vor Augen, deswegen weißt du: es lohnt sich zu leben, auch als alter, krank werdender Mann.

Doch, was soll der Prediger mit dem sperrigen Evangelium tun? Pharisäer und Zöllner und Miribung: wie geht das zusammen? Irgendwann blitzte in meinem Kopf die Erinnerung an eine liebenswürdige Geschichte von Robert und den Zöllnern auf. Man hat sie in den 70-ern Jahren im Canisianum immer wieder erzählt. Kann sie die Eselsbrücke sein, die dazu führt, dich in deiner Eigenart besser zu verstehen und so auch für dich Gott danken? Vor den großen Feiern im Haus: Weihnachtsliedersingen etwa, oder den Weihen fuhr Robert in seine Heimat Südtirol, begleitet von der Küchenchefin Maria (die heute die Fürbitten vortragen wird). Sie holten Wein, viele..., viele Flaschen versteckt im Auto unter den Fußmatten. Damals wohl gängige Art, den Wein hineinzuschmuggeln. Am Brenner angekommen sagte Robert regelmäßig: „Maria, fang mit dem Rosenkranz an!" Rosenkranz laut betend fuhren die Beiden am Zoll vorbei. (Nach der Messe ergänzte Maria die Geschichte, indem sie mich darauf aufmerksam machte, dass Robert, nachdem sie durch den Zoll waren, oft mit einer Flasche zu den Zöllnern zurückgegangen ist und sich für ihre Arbeit bedankt hat!). Was wird der kirchenkritische Zeitgenosse mit dieser liebenswürdigen Geschichte: im Zeitalter der politischen Korrektheit und der grenzenlosen Lust am Skandal anstellen? Er wird seinen Zeigefinger ausstrecken und kirchlich engagierte Menschen des pharisäischen Geistes beschuldigen. Damit wird er aber vom Geist der Selbstgerechtigkeit getragen, die tiefe Weisheit des biblischen Gleichnisses verfehlen. Jene Weisheit, die der Dichter Eugen Roth so wunderbar in seinem Vierzeiler auf den Begriff gebracht hat. „Ein Mensch betrachtete einst näher / die Fabel von dem Pharisäer, / der Gott gedankt voll Heuchelei / dafür, dass er kein Zöllner sei. / Gottlob! Rief er in eitlem Sinn, / dass ich kein Pharisäer bin." Der verdichtet hier vieles von der kulturellen Atmosphäre der Gegenwart. In der Haltung einer maßlos gewordenen Selbstgerechtigkeit prangern heute „kritische Denkerinnen und Denker" die religiösen Menschen im Allgemeinen und die (katholische) Kirche im Besonderen an. So als ob diese das Patent auf Sünde, Doppelmoral und Verlogenheit hätten. Von unerschütterlicher Selbstgewissheit über ihre moralische Superiorität erfüllt, schauen sie – wenn schon nicht verachtend, so doch – mitleidig auf die sich zu ihrem Versagen und ihrer Sünde bekennenden und von Gott Vergebung erhoffenden „gestrig religiösen Zeitgenossen". Sie selber haben ja nichts Falsches gemacht, weil sie sich auf der „richtigen Seite" des gesellschaftlichen Wandelns befinden. Zwar haben sie meistens keinen Gott, dem sie dafür danken können, der Beifall der „kritischen Geister" ist ihnen jedenfalls gewiss. Der Prediger würde die Hintergründigkeit des Gedichtes übersehen, wenn er glauben sollte, den „Pharisäer" in sich selber durch den Seitenhieb auf das „kritische Denken" beseitigt zu haben. Aus dem Teufelskreis der pharisäischen Verführung gibt es nur einen Ausweg: die Bitte: „Gott sei uns Sündern gnädig!"

Doch worum geht es bei diesem pharisäischen Geist? Das Gleichnis erzählt zuerst vom Leben eines 1000%-igen Menschen, eines Selbstbewussten, dessen Leistungen sich sehen lassen. Er ist doch ein Bürger mit ausgezeichneten Evaluationsergebnissen. Ist es nicht das, worauf es im Leben ankommt? Was ist dann fragwürdig an der Gestalt dieses Pharisäers? Wie all die politisch korrekt denkenden Menschen behält er all jene im Blick, die es nicht so ernst nehmen wie er selber und er verachtet sie. „Danke, dass ich nicht so bin, wie diese da!" Das Fragwürdige an der Gestalt dieses Pharisäers ist schlicht und einfach die Tatsache, dass ihm die Beachtung von Regeln und Vorschriften des Gesetzes, dass ihm sein Aufstieg zur Tugend, seine Bemühung um die politische Korrektheit, dass all dies ihm den Grund verstellt, jenen Grund, auf dem all die Regeln und Gebote ruhen und von dem sie ihren Sinn bekommen. Und das ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten! Das Fragwürdige an der Gestalt dieses Pharisäers ist die Tatsache, dass seine Bindung an das Gesetz ihm den Blick auf den konkreten Menschen verstellt, den Menschen mit all seinen Nöten. Und damit bin ich auf der angesprochenen Eselsbrücke angekommen, die es mir erlaubt, die Eigenart von diesem Jesuitenpater Robert auch im Kontext des Gleichnisses von Pharisäer und Zöllner zu begreifen. Wie meine ich das?

Es war eine schwierige Zeit in der er zum Regens des Canisanums ernannt wurde. Der Aufbruch der 68-er rüttelte gewaltig an den Grundfesten der traditionellen Ausbildung von Priesteramtskandidaten. Die 100%-igen standen da den Umstürzlern gegenüber. Im Grunde wusste niemand, was wirklich von Nöten ist, welche Regeln und Gebote noch richtig, welche reformbedürftig sind. Über Nacht bist du, lieber Robert, Regens geworden (zusammen mit dem heute hier anwesenden P. Otto Muck, der die Rolle des Rektors – des Oberen der Jesuitenkommunität - übernehmen musste). Mit der Übernahme des Amtes hast du die Fronten gewechselt: von einem Konviktor im Haus bist du zu dessen Chef geworden, demjenigen, der auf Disziplin und Ordnung zu achten hatte. Hinzu kam die große Krise an der Fakultät, die mit dem Entzug der Lehrerlaubnis für einen der Professoren (P. Franz Schupp) zusammenhing. Wochenlange Vorlesungsstreiks seitens der Studenten begleiteten den Beginn des Studienjahres 1974/1975. Die Konviktoren waren an der Spitze der gewählten Studentenvertreter engagiert und das Haus mutierte zum Hort des Widerstandes (dies auch deswegen, weil der betroffene Pater im Haus wohnte). Wie oft warst du überfordert? Das weiß nur der liebe Herrgott und du allein. Eines stand für dich in diesem Fluss der Ereignisse allerdings fest: dein Verhältnis zu den dir anvertrauten Konviktoren. Ein Ereignis hat sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt. Nachdem ein Bischof von dir verlangte, du sollst seinen Seminaristen, der sichtbar von dem vorgezeichneten Weg abgewichen ist, auf die Straße setzen – und es handelte sich um einen letztlich mittellosen Ausländer –, da antwortete der Regens: „Nein! Ich bin zuerst für den Menschen verantwortlich und erst dann für einen Priesteramtskandidaten". Die tiefe Sensibilität für das ganz konkret Menschliche: mit all dessen Schattierungen zeichnete und zeichnet dich aus und macht dich so zum Inbegriff des Antipharisäers. Diese Sensibilität stand und steht als Garant dafür, dass du den „guten Kampf" gekämpft hast und auch weiterhin kämpfst. Die Eigenschaften, die du im Canisianum gezeigt hast, prägten auch deinen Einsatz als Missionsprokurator in China. Wie viele Herzen schlugen dort für dich? Das weiß der liebe Herrgott allein.

Für mich, dem du der wichtigste Regens meines Lebens warst, wie für zahlreiche Canisianer bist du als Regens der Inbegriff des Menschlichen gewesen, ein Mensch, der selber sein Ziel immer vor Augen hatte, deswegen flexibel sein konnte, aber auch wusste, dass es sich lohnt zu leben: als Jesuit zu leben ad maiorem Dei gloriam. Möge der Himmel Dich weiterhin reichlich mit Segen beschenken: (alle zusammen) „Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen...."

 

Prof. Józef Niewiadomski

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