Das Brunnengespräch

Predigt zum Nachlesen von P. Bruno Niederbacher SJ, 12. März 2023

Symbol

Wenn wir unsere Lebensgeschichte aufschreiben würden und die Geschichte, wie wir zum Glauben kamen: Was wäre das für eine Geschichte? Ich bin sicher, jede und jeder von uns würde eine einzigartige Geschichte erzählen. Und doch könnten sich Muster finden, die immer wieder vorkommen. Beim Nachdenken über das heutige Evangelium sind mir einige solcher Muster aufgefallen.

Ich beginne mit dem Ende. Wie kommen die Leute des samaritanischen Dorfes zum Glauben? Sie sagen zur Frau: „Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt." Zuerst glauben sie der Samariterin. Dann begegnen sie Jesus selbst. Dieses Muster wird in vielen unserer Glaubensgeschichten vorkommen. Am Anfang war es das Zeugnis anderer Menschen, das uns zum Glauben brachte: Eltern, Religionslehrer:innen, Priester, Vorbilder. Sie sind wie Sprossen einer Leiter. Da die Geschichte von einem Brunnen handelt, könnte man sagen: Auf dieser Leiter steigen wir hinab zu dem Ort, wo die Quelle sprudelt, wo Jesus Christus wartet, und wir ihm persönlich begegnen.

Nun, wie geht diese Begegnung vor sich? Wieder zeigt uns das Evangelium ein Muster. Die Samariterin lässt sich auf ein Gespräch mit Jesus ein. Das Gespräch beginnt mit scheinbar banalen, alltäglichen Dingen: „Gib mir Wasser!"; „Du hast kein Schöpfgefäß." Aber es geht zusehends in die Tiefe. Schließlich gelangt das Gespräch an einen wunden Punkt: „Ich habe keinen Mann." Es ist die Geschichte ihrer Beziehungen; Beziehungen, die nicht und nicht funktionieren wollen. Diese schmerzhafte Wahrheit ihres Lebens kommt ans Licht. Wir hätten nun vielleicht einen Tadel erwartet: dass Jesus eine Moralpredigt hält, Bedingungen fordert: „Geh heim, bring dein Leben in Ordnung; dann können wir vielleicht weiterreden!" Aber nein, so ist es nicht. Kein Tadel, keine Aufforderung, keine Ratschläge. Jesus sagt nur: „Du hast die Wahrheit gesagt." Die Frau merkt, dass sie vor Jesus sein darf wie sie ist. Sie merkt: „Da ist jemand, der mich durch und durch kennt und trotzdem auf meiner Seite steht." So findet sie den Messias. Ihre Wunde wird zur Tür, die ins göttliche Geheimnis führt.

Die Geschichte eines Mitbruders berührt mich schon seit langem, die Geschichte von Lucien (Aimé) Duval. Er war in den 60er Jahren ein bekannter Liedermacher und Sänger. Er hatte viele Fans, seine Platten verkauften sich millionenfach, er machte große Konzerttourneen, gab 3000 Konzerte in 45 Ländern. Sein Konzert in West-Berlin hatte 30.000 Besucher. Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer schenkte ihm eine Gitarre als Dank für die Freude, die er jungen Menschen gebracht habe (S. 22). Er selber aber geriet in die Alkoholkrankheit, die schnell eskalierte. In seinem Buch mit dem deutschen Titel „Warum war die Nacht so lang" erzählt er schonungslos, wie er in die Hölle des Trinkens hineinschlitterte; wie er nicht merkte, dass er krank war und wie krank er war; wie er heimlich nachts die Treppen hinabschlich zum Weinschrank neben der Küche, die Weinflasche öffnete und trank; und wie zwei Stunden später sich alles wiederholte. So ging es bis an den Rand seines Todes. Warum war die Nacht so lang? Und wie kam er heraus? Er beschreibt den Moment, wo es Licht wird so:

Wichtig ist [...] für mich [...], dass ich sage: „Ich heiße Lucien und ich bin Alkoholiker." Und ich träume von einer Zeit, wo der Diktator sagt: „Ich heiße Soundso und ich bin ein Folterknecht, Kriegstreiber und Lügner." Eine Zeit, in der der Menschenverächter sagt: „Ich heiße Soundso, ich bin ein Angeber, hochmütig und geldgierig." (Aimé Duval 1984: Warum war die Nacht so lang. Freiburg, S. 154)

Der erste Schritt aus der Krise war: In der Freundschaft der Anonymen Alkoholiker diese Wahrheit zulassen und aussprechen zu können. In der Macht dieser Freundschaft erkannte er für sich Christus, der sagte: „Die Wahrheit wird euch frei machen." (Joh 8,32) In einem seiner Lieder heißt es:

Ich gehe oft und gern, allein mit meinem Herrn
Und wandre durch die Nacht, wenn niemand wacht. (S. 21)

Auch das ist ein Muster, das sich vielleicht in vielen unserer Glaubensgeschichten findet: die Erfahrung, dass wir mit der ganzen Wahrheit unseres Lebens vor dem Herrn sein dürfen und nicht abgewiesen werden. Im Geist und in der Wahrheit will gebetet sein, sodass ich sage:

„Ich möchte vor dir sein, Herr, mit der ganzen Wahrheit meines Lebens, mit meinen Wunden, mit meinen Brüchen, mit meiner Nacht. Wie sonst könnte ich dich als den finden, der du am liebsten bist: als den, der frei macht, der erlöst. Oder, um es auf Hebräisch und mit der Samariterin zu sagen: als den Messias."

P. Bruno Niederbacher SJ


Bild: Casey Horner via unsplash.com

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