1. Am Ende der Leidensgeschichte des Johannes ist von einem Garten die Rede. Dieser Garten ist zunächst ein Ort des Grabes. Maria von Magdala hat sich nicht gescheut, diesen Ort aufzusuchen. Sie stand beim Kreuz, sie hat das Begräbnis beobachtet, und nun begibt sie sich am frühen Morgen in diesen Garten. Die christliche Mystik spricht vom Garten der Seele. Man kann in der Stille diesen Garten aufsuchen. Ich gehe nicht immer gern in den Garten meiner Seele. Denn er ist durchwachsen. Ich finde in diesem Garten nicht nur grünende Bäume und allerlei Blumen, sondern auch die Dornen und Disteln einer gefallenen Welt, Erinnerungen an böse Tage. Dort sind Trauer, Tränen, Enttäuschungen und Ängste. Wie Maria spüre ich den Schmerz, dass mir Menschen weggenommen wurden. Wer kennt sie nicht, die Leere, die Menschen hinterlassen, die wir geliebt haben und die gestorben sind, die Ohnmacht, Verzagtheit und all die Fragen, auf die man keine Antwort weiß?
2. Dieser Garten ist aber auch der Ort der Sehnsucht. Maria von Magdala wird gefragt: „Wen suchst du?" Sie weiß es genau. Sie sucht ihren Herrn. Als ich mir überlegte, Jesuit und Priester zu werden, hatte ich oft Zweifel. Muss ich da nicht einen felsenfesten Glauben haben und noch mehr? In einem seiner Krimis mit dem Detektiv Simon Brenner schreibt Wolf Haas: Jesuiten: „Weißt du was das heißt?" Sagt der eine: „Ja sicher. Kirche." Sagt der andere: „Mehr als Kirche! Das sind die Zweihundertprozentigen. Das ist die Kirche und der KGB in einem." Für mich war es eine innere Befreiung, als ich zur Einsicht kam: Ich muss kein Zweihundertprozentiger sein. Ich möchte mich vielmehr als Gottsucher verstehen. Wenn ich mich in den Garten meiner Seele begebe, und dort verweile, dann spüre ich diese Sehnsucht und der Psalm 63 steigt wie von selbst auf: „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib, wie dürres ausgetrocknetes Land ohne Wasser. Darum halte ich Ausschau nach dir." Und so lade ich den Herrn ein und sage: „Komm in den Garten meiner Seele!"
3. Dieser Garten ist auch der Ort der Begegnung. Maria von Magdala wendet sich um. Eine Konversion findet statt. Sie hört, wie sie bei ihrem Namen gerufen wird: „Maria". Jesus kennt sie, er hat sie von sieben Dämonen befreit. Er kennt sie ganz, besser als sie sich selbst kennt. Sie muss nichts verbergen, nichts verdrängen, nichts verstecken. Das ist der göttliche Akzent, an dem sie ihn erkennt. Und daran erkenne auch ich ihn. Wenn ich ganz dasein darf, ich, mit Haut und Haar, mit Hirn und Herz, mit den Talenten, Ecken und Kanten, mit meinen Wunden und Schwächen, mit meiner ganzen Geschichte, wenn ich nichts verbergen, nichts verdrängen, nichts verstecken muss, dann ahne ich, dass ich bei meinem Namen gerufen werde. Dieser Garten ist der Ort des Suchens und des Findens, oder sagen wir besser: des sich Finden-Lassens. Er ist wie der Schöpfungsgarten, in dem der Herr wandelt (Gen 3,8) und sich finden lässt. Da braucht es nicht viele Worte. „Rabbuni", „mein Meister." Es ist seliges Beisammensein. Aber dieses Finden ist kein Besitzen. „Halte mich nicht fest!" Immer geschieht es im Vorübergang (Ex 12, 11). Im Finden verliere ich ihn, und „als Gefundener bleibt er immer der Gesuchte" (Piet van Bremen, Was zählt ist Liebe. Freiburg i. Br. 2005, 151). Wie Rainer Maria Rilke im Stundenbuch treffend schreibt: „Und wenn dich einer in der Nacht erfasst, so dass du kommen musst in sein Gebet: Du bist der Gast, der wieder weiter geht. Wer kann dich halten, Gott?"
4. Und schließlich ist dieser Garten auch der Ort der Sendung. „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott." Jesus geht ein in die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Paulus bringt es auf den Punkt: „Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt. Der Tod hat keine Macht mehr über ihn." (Röm 6, 9) Das ist Auferstehung: Eingehen in göttliches Leben, über das der Tod keine Macht mehr hat. Und Maria von Magdala geht zu den Jüngern und verkündet ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen." So wird sie zur Apostelin der Apostel. Auch Paulus begründet sein Apostelamt durch seine Begegnung mit dem Auferstandenen: „[...] es gefiel [... Gott], seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Nationen verkündigte..." (Gal 1, 15-16) Dieser Garten des Suchens und Findens ist also immer auch ein Ort der Sendung. Ich möchte erzählen von dem, was ich gehört habe durch Maria von Magdala, die Jünger und Jüngerinnen der ersten Stunde und Paulus. Ich möchte aber auch erzählen von dem, wie Christus mir erscheint, wie ich ihn verstehe, erzählen von meinen Erfahrungen und ich möchte mein Gebet mit euch teilen: „Herr Jesus Christus, komm in den Garten meiner Seele! Sei du mein Gärtner, der den harten Boden auflockert und Samen des Glaubens, der Hoffnung und Liebe sät. Mögen meine Tränen sie gießen. Mögen sie aufgehen und Frucht bringen. Lass mich dich suchen und lass mich dich finden, und lass mich durch das, was ich geworden bin, die frohe Botschaft von Ostern zu den Menschen tragen. Amen."
P. Bruno Niederbacher SJ
Bild: Christus als Gärtner (1507) Jacob Cornelisz. van Oostsanen