Wo wäre ich gewesen?

Predigt zum Karfreitag von Prof. Nikolaus Wandinger, 3. April 2026

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Lesungen: Jes 52,13-53,12; (Hebr 4,14-16; 5,7-9); Joh 18,1-19,42

Liebe Gläubige, jedes Jahr an Karfreitag hören wir das Leiden Christi nach Johannes; jedes Jahr am Palmsonntag hören wir das Leiden Christi abwechselnd nach Matthäus, Markus oder Lukas, so dass die Unterschiede der Darstellung sich bei vielen schon verwischt haben. Jedes Jahr also mehr oder weniger die gleiche Geschichte, zweimal kurz hintereinander. Wozu soll das gut sein? Zeigt es nicht, dass das Christentum einfach eine morbide Angelegenheit ist. Sollten wir nicht eher das Leben feiern, das jetzt – Abschiedsgastspiel des Winters hin oder her – in der Natur aufblüht? Oder wenn es schon was Ernstes sein muss, warum beschäftigen wir uns mit einem Justizmord von vor 2.000 Jahren, wo es doch in unserer Welt heute so viel Mord und Totschlag, Krieg und Hunger gibt? Warum diese Flucht in die Vergangenheit? So könnte man fragen.

Doch im Geschehen der Hinrichtung Jesu verdichtet sich eine Menschheitserfahrung, die für alle Zeiten bedeutsam ist. Die Personen, die uns da begegnen, treten uns nicht bloß als Indi-viduen gegenüber: wir haben es nicht mit einem verschlagenen Verräter namens Judas, einem Feigling namens Petrus, einem gerissenen Taktierer namens Kaiaphas, einem überforderten Politiker namens Pilatus, einer bis zum letzten treuen, aber machtlosen Frau namens Maria von Magdala, und zwei heimlichen Wohltätern namens Josef und Nikodemus zu tun. Diese verkörpern menschliche Haltungen und Verhaltensweisen, die immer wieder in der Geschich-te vorkommen, und die auch zu tun haben mit der gesellschaftlichen Funktion, die die Personen hatten. Und wir haben es mit der Masse zu tun, dem Volk, das Jesus mit Hosannarufen umjubelt hat und dann seine Kreuzigung fordert.

Wenn wir mutig sind, könnten wir uns darauf einlassen, uns zu fragen, wem von diesen biblischen Charakteren ich am nächsten komme. Wo wäre ich dabei gewesen? Welche Rolle hätte ich wohl damals gespielt?

Für viele diese Charaktere gibt es ja Worte, die sie ganz zentral kennzeichnen: „Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt", oder: „Antwortest du so dem Hohenpriester?" Oder: „Ich bin es nicht, ich bin kein Jünger Jesu." „Was ist Wahrheit?" „Sei gegrüßt, König der Juden!" „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben"; „Hinweg! Hin-weg! Kreuzige ihn!"

Was davon könnten meine Worte gewesen sein? Oder denke ich als frommer Kirchgänger/als fromme Kirchgängerin, dass ich sicher bei den Treuen gewesen wäre, mit Johannes bei den Marias gestanden hätte? Zu sicher wäre ich mir da nicht. Gerade Petrus zeigt uns überdeutlich, wie man sich über sich selber täuschen kann. Bei ihm wurde ja aus „Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich werde niemals an dir Anstoß nehmen! [...] ich werde dich nie ver-leugnen." (Mt 26,33.35) ein „Ich kenne den Menschen nicht." (Mt 27,72 und 73) War dieser Petrus ein ganz riesengroßer Hasenfuß – oder müssen wir in diesem Petrus einfach nur uns selber erkennen, wie wir an unserer eigenen Selbstsicherheit scheitern. Das kann uns den Mut geben uns wahrhaftig zu fragen: Wo wäre ich gewesen, damals in Jerusalem? Wo wäre ich gewesen, damals im sogenannten Dritten Reich? Wo wäre ich gewesen, als sie Hexen ver-folgten und verbrannten, oder als sie Menschen schwarzer Hautfarbe am nächsten Baum aufknüpften? Wo wäre ich gewesen?

Die ehrliche Antwort auf diese Frage könnte uns nicht gefallen. Und doch ist es genau das, worum es heute auch geht. Die Passion Jesu zeigt uns mit größter Deutlichkeit, was wir gerne nicht sehen würden: dass wir Menschen immer wieder – natürlich jede und jeder in anderem Ausmaß und in anderen Situationen, aber doch – uns immer mal wieder verrennen und dabei an anderen schuldig werden. Wenn das Kirchenlied sagt „Was du, Herr, hast erduldet, ist al-les meine Last, ich, ich hab es verschuldet, was du getragen hast" (GL 289,4), dann bringt es dies zum Ausdruck. Das bedeutet nicht, dass etwas, was wir heute tun, rückwirkend durch die Zeit das Leiden Christi verursacht hat – wie sollte das gehen? Aber es sagt, dass Men-schen zu aller Zeit und immer wieder in ähnliche Mechanismen verstrickt sind, wie sie es bei der Passion Jesu waren. Nicht: „Die damals waren schuld", schon gar nicht „die Juden sind schuld", sondern: „ich bin mit-schuld".

Die Passion Jesu will uns dafür die Augen öffnen und uns ein ähnliches Bekehrungserlebnis ermöglichen wie den Menschen in der Lesung: Da gab es einen, den sie verachtet haben, des-sen Unglück sie als gottgegeben ansahen – und jetzt müssen sie feststellen: es waren ihre Sünden, die ihm so zugesetzt haben. Sie müssen nicht nur ihr Urteil über den verachteten Mann revidieren und erkennen, dass er ein Knecht Gottes war; sie müssen auch erkennen, wie verblendet und verstrickt sie waren. Es ist wie der Moment, in dem Petrus merkt, was er getan hat, weil der Hahn kräht. Was soll man tun in so einem Moment, in dem einem wie Schuppen von den Augen fällt, dass man total auf dem Holzweg war und andere darunter furchtbar leiden mussten. Eigentlich wäre das ja zum Verzweifeln, es scheint wie das Ende. Und es wäre auch das Ende, wenn Jesus anders reagieren würde als er es tat. Er hat dem Pet-rus im Vorhinein gesagt, was er tun würde, und ihm trotzdem die Füße gewaschen. Er hat ihm signalisiert: „Ich kenne dich besser als du dich selbst, und ich stehe dennoch zu dir. Was du auch tust, ich lasse dich nicht fallen." Jesus hat seine Passion in Feindesliebe durchlitten und dadurch den Hass, der ihn traf, verwandelt. Diese Spannung zwischen der Verblendung der Menschen und Jesu Haltung der Feindesliebe hat der Evangelist Lukas in die Worte „Va-ter, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34) gegossen. Das galt für die Peiniger Jesu, das galt für Petrus, das gilt auch für uns.

Das bedeutet keinen Freibrief für Missetaten aller Art. Dass Jesus niemanden fallen lässt, be-deutet nicht, dass man sich nicht endgültig von ihm abwenden könnte. Aber es bedeutet: Nie ist es Jesus, der sich endgültig abwendet, sondern immer der andere Mensch. Als Petrus er-kannt hatte, was er getan hatte, ging er hinaus und weinte. Er stellte sich seiner Schuld, ver-drängte sie nicht, vertuschte sie nicht, bagatellisierte sie nicht. Er stellte sich ihrer ganzen Härte und Schwere und weinte. Und doch war in ihm ein Stück Hoffnung, dass das nicht das Ende wäre. Es scheint, als kannte er Jesus doch so gut, dass er nicht in Verzweiflung verfiel, dass er noch auf Vergebung hoffte. Und diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht.

Wir stehen heute am Karfreitag fassungslos vor dem, was Menschen einander antun; aber wir feiern am Ostersonntag, dass Gott dies verwandelt: den Toten zum Leben erweckt und ihn zu Petrus und den anderen, die ihn im Stich ließen, schickt mit den Worten „Friede sei mit euch" (Joh 20,19).

Die Botschaft, die uns Karfreitag und Ostern zusammen vermitteln, ist: Wir müssen der Fra-ge „Wo wäre ich gewesen?" nicht ausweichen; im Gegenteil, wir sollen ihr ehrlich ins Auge sehen. Denn auch uns kennt Jesus besser als wir selbst es tun. Nicht die Erkenntnis eigener Schuld trennt uns von Gott, sondern das Verleugnen, Vertuschen und Bagatellisieren von Schuld. Und wenn das für den Rückblick gilt, gilt es auch für die Gegenwart: Ich kann mich fragen: Wo stehe ich heute in den Konflikten, die es gibt? Wie agiere ich da? Suche ich einen Schuldigen, um selber gut dazustehen? Bin ich bereit, mit Feindesliebe für meine Ideale zu kämpfen oder nur mit Ärger oder Verachtung? Wir selbst können uns das fragen, wir können aber auch unsere Kirche, unsere Regierungen und Parteien, unsere Medien und sozialen Me-dien kritisch unter die Lupe nehmen.

Welche Haltung ist vorherrschend: „Ich nicht" oder „Ich glaube; hilf meinem Unglauben" (Mk 9,24)?

 

Prof. Nikolaus Wandinger


Bild: Katarzyna Zygnerska via unsplash.com

 

 

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