„Jetzt ist es Zeit, reinen Tisch zu machen"
Wenn ein Gespräch so eröffnet wird, zucke ich vielleicht ein bisschen zusammen – aber wahrscheinlich denke ich auch: „Ja, okay, das hat seinen Sinn, seine Berechtigung, es gibt einiges zu klären, auszusprechen.
„Reinen Tisch machen", so sagt man, wenn etwas ausgesprochen wird, was schwerfällt, aber notwendig ist – wenn man Ordnung schaffen will, für klare Verhältnisse sorgen.
Zwischen Jesus und seinen Jüngern ist so viel geschehen zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag. Missverständnisse, Verleugnung, davon rennen, verstecken, ... Wenn Jesus jetzt wiederkommt, wäre es doch hoch an der Zeit, reinen Tisch zu machen. Klar zu stellen, dass sie ihn nicht verstanden haben, dass er von ihnen verlassen wurde, sogar verleugnet haben sie ihn. – Innerhalb von drei Tagen alles vergessen, was vorher wichtig war....
Aber Jesus macht nicht „reinen Tisch". Er sagt „Friede sei mit euch". Zwei mal. Diesen Frieden spricht er allen zu – auch dem Thomas.
Das Wiederkommen Jesu hat wohl unterschiedlichste Gefühle ausgelöst bei seinen Jüngerinnen und Jüngern: Freude, Staunen, Verwirrung, und auch Erschrecken und Schuldgefühle: was haben sie nicht alles falsch gemacht in diesen Tagen und vor allem: sie haben den Glauben an ihn aufgegeben, verloren. Jede anders, jeder auf seine Weise.
Petrus hat seine Trauer in Zorn, Wut und Aggression umgewandelt.
Maria Magdalena, verzweifelt und endlos traurig, weint und klammert sich fest.
Die beiden, die nach Emmaus gehen: sie suchen die vertraute Zweierbeziehung und den Abstand.
Ihnen allen sind wir schon begegnet in diesen Tagen. Und heute kommt noch Thomas dazu. Thomas geht auf Distanz – auf Distanz zu seinen Freunden und auf Distanz zu seinen Gefühlen. Er schaltet den Kopf ein.
Sie alle sind ganz verschiedene Typen. Sie trauern anders, sie denken anders, sie zweifeln und glauben anders.
Aber vermutlich hat jeder von ihnen das Gefühl: Wenn das stimmt, dass Jesus wirklich lebt, dann wird er zurecht reinen Tisch machen. Jesus lebt, er kommt zu ihnen und er sagt einfach: „Friede sei mit euch".
Kein Aufrechnen aller Fehler, der kleinen und großen Fehltritte. Aber er sagt auch nicht einfach „Schwamm drüber".
Behutsam und klar – und ganz individuell – geht er auf sie ein:
Den Petrus fragt er dreimal nach seiner Liebe – er hat ihn dreimal verleugnet.
Maria Magdalena schenkt er Nähe, besondere, exklusive Nähe, aber er verweigert das Festhalten, das Klammern.
Die beiden, die nach Emmaus geflüchtet sind, die die traute Zweisamkeit und den Abstand gesucht haben, schickt er zurück nach Jerusalem zu den anderen.
Thomas, der nüchtern und distanziert analysiert, - auf seine Zweifel geht er ein, aber er sagt schlussendlich: „sei nicht ungläubig, sondern gläubig".
Mit liebevollem, klarem Blick schaut Jesus auf die einzelnen, was sie brauchen, was ihre Schwächen / Stärken sind. Er stellt sie nicht bloß, aber er sagt auch nicht einfach: „Schwamm drüber". Er gibt allen die Gelegenheit, mit ihren ganz eigenen, individuellen Prägungen den Weg nach Ostern weiter zu gehen. – Kein „Reinen Tisch machen", Aufrechnen aller Verfehlungen, aber auch kein „Schwamm drüber": alle haben ihre je besonderen Herausforderungen. Das Entscheidende ist der Friede. In Frieden kommen mit den eigenen Unzulänglichkeiten, Frieden innerhalb der Gruppe finden und erhalten, Frieden mit den vielen anderen Menschen.
Dieser Friede wird auch uns zugesprochen: einzeln mit liebevollem Blick auf meine Besonderheiten, wie Maria Magdalena, den zwei Emmaus-Jüngern, Petrus und Thomas. – Und dieser Friede wird uns allen miteinander zugesprochen.
Dieser Friede ist nicht das Ende. Er ist die Basis. Der Boden, auf dem alles weitere geschieht, das Basislager, zu dem wir immer wieder zurück kommen: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. – Empfangt den Heiligen Geist!"
Amen
Prof. Anna Findl-Ludescher