Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Es ist unser aller Berufung, bei Gott zuhause zu sein. - So verstehe ich Jesus im heutigen Evangelium, so deute ich sein Bild von den Wohnungen im Hause des Vaters.
Ein Zuhause haben, einen Ort, der mir Geborgenheit und Sicherheit schenkt.
Ein Zuhause haben, einen Ort des Wohlfühlens und des Durchatmens.
Ein Zuhause haben, eine Tür aufmachen und wissen, hier darf ich sein, wie ich bin.
Vielleicht sagen Sie, diese Beschreibungen überfrachten das Wort Zuhause und doch, ein Zuhause haben, ist tiefe Sehnsucht in uns, wir wollen wissen, wo wir hingehören und sein dürfen.
Es ist unser aller Berufung, bei Gott ein Zuhause, eine Wohnung, eine Bleibe zu haben. „Rabbi, wo wohnst du?", fragen im Johannesevangelium die ersten Jünger, die auf den Fingerzeig Johannes des Täufers: „Seht, das Lamm Gottes!", Jesus nachschleichen, ungefragt nachfolgen. War es eine Verlegenheitsfrage dieser Jünger? Ich könnte mir vorstellen, dass sie leicht überrumpelt waren, sich ertappt fühlten, als Jesus sich umdreht und sie fragt: „Was wollt ihr?" War ihre Antwort ein überraschtes Stammeln: „Äh, ... wo wohnst du eigentlich?" ... oder ehrlichster Ausdruck einer tiefen Sehnsucht: „Wir suchen eine Bleibe. Wo ist deine?"
Griechisch jedenfalls ist es der selbe Wortstamm: Wo wohnst du oder wörtlicher: wo bleibst du?, und: viele Wohnungen, viele Bleiben ... im Hause meines Vaters. Im heutigen Evangelium, das aus der sog. Abschiedsrede Jesu stammt, ... die Zeichen deuten auf Trennung und Abschiedsschmerz, das ermutigende Versprechen Jesu, frei wiedergegeben: „Wir werden wieder beisammen sein, ... glaubt mir, ich bereite eine Bleibe für euch vor, die Bestand hat!"
Alles wird vorbereitet sein, gleichsam schlüsselfertig! „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!" Welch schönes Bild für den Himmel: Auf einen vorbereiteten Platz bei Gott, ... mehr noch, auf einen von Gott für mich, genau für mich vorbereiteten Platz treffen! Eine schlüsselfertige Wohnung wartet dort auf mich. Die Tür aufmachen und ein Wiedererkennungseffekt stellt sich ein: „Ja, das passt, das ist meins, hier gehöre ich her!" Im Himmel mit dem in Tirol so beliebten Wort ankommen dürfen: „Passt!"
Es bleibt eine schöne Vorstellung, aber ich bin einer Freundin dankbar, die mich innerlich vom Friedhof weggeholt hat. Denn Sie können sich vorstellen, das heute gehörte Evangelium wird gerne auf Friedhöfen vorgelesen und so habe ich es lange ... eschatologisch verstanden. Am Ende der Zeit, am Ende meiner Zeit, wird eine schlüsselfertige Wohnung bei Gott auf mich warten. Und man kann dieses Bild liebevoll ausmahlen: Was werde ich alles vorfinden? Worin werde ich mich wiedererkennen, dass ich durch die Tür gehe und sage: „Passt!" - „Aber diese Bleibe", - so nun meine Freundin - „ ... diesen Raum bei Gott, aus dem mich niemand vertreiben kann, weil Gott selbst ihn mir ... einräumt, eröffnet, ... den verstehe ich ganz ... präsentisch! Das ist der Raum des Gebetes!", sagte sie. Passt auch! - „Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin." Jesus geht zum Vater und der gemeinsame Raum von Vater und Sohn ist der Heilige Geist. Jesus öffnet uns, teilt mit uns ... seinen Begegnungsraum mit dem Vater. Wenn wir beten, dann greift Heiliger Geist in uns Raum, dann sind wir bei Gott und somit mit Jesus zusammen.
Gebet, der Schlüssel auf Erden, um uns den göttlichen Raum zu eröffnen. Gebet, der Schlüssel für den versprochenen Treffpunkt mit Jesus. Es gibt viele Schlüssel in die göttliche Wohnung, vom Rosenkranz, über die Fürbitte bis zum kontemplativen Gebet. Es lohnt, nicht nur einen Schlüssel an seinem Schlüsselbund zu haben, denn wie gesagt, es sperrt nicht nur einer den versprochen Treffpunkt auf. Und es gilt ein Missverständnis aufzuheben, das uns Gebet immer wieder wie einen verschlossenen Raum empfinden lässt. Ja, beten, das ist der nachvollziehbare Wunsch nach innerer Ruhe, aber es ist nicht unser Gefühl, das über die Präsenz, die Gegenwart Gottes entscheidet.
In einer Gebetsanleitung habe ich ein paar hilfreiche Zeilen dazu gefunden, die ich Ihnen vorlesen möchte. Der Autor schreibt:
„[Beim Beten] geht nicht so sehr darum, ... innerlich leer zu werden ... Bei vielen Leuten trifft man auf den Irrtum, dass für sie Sich-in-die-Gegenwart-Gottes-Begeben ... darin besteht, ihre Seele von allen irdischen Sorgen leer zu fegen ... [M]an drängt jeden unpassenden Gedanken weg, ein bisschen wie ein Polizist einen Raum leer räumen lässt, in den kurz darauf eine große Persönlichkeit kommen wird, der er zuvorkommt und für die er dafür sorgt, dass ihr Achtung entgegengebracht wird; sobald dann Kopf und Herz leer sind (vorausgesetzt, es gelingt) erwartet man ein ‚Gefühl' der Gegenwart Gottes. Nichts dergleichen geschieht ..." (Caffarel, Präsent sein für Gott, 111)
Und ich möchte über meine eigene Gebetserfahrung und die Erfahrungen, die mir zum Thema Gebet anvertraut werden, anfügen:
Man klagt sich dann als Beter an, unkonzentriert gewesen zu sein, man wertet sein Gebet ab, weil man zerstreut blieb und nicht zur Ruhe, nicht zur gewünschten ruhigen Gefühlslage fand.
Das heutige Evangelium sagt, vergewissert mir: Immer wenn ich bete, mir dafür Zeit einräume, dann ist Gott da, ... unabhängig von meiner Gefühlslage!
Er ist am Treffpunkt, meine Gefühlslage ändert daran nichts, auch wenn ich nicht das fühle, was ich mir wünsche! Nochmals der zitierte Autor an seinen Leser:
„Seit dem Tag Ihrer Taufe ... ist das Gebet in Ihnen. Gewiss nicht auf der Ebene des Fühlbaren, der Empfindungen oder der Ideen, sondern viel tiefer in jener innersten Zone Ihres Seins, in jener inneren Krypta, in welcher der Heilige Geist wohnt." (140)
Auf die Macht des Gebetes vertrauen, heißt für mich: Gebet hat eine Wirkung, eine Auswirkung, auch wenn ich sie nicht unmittelbar spüre.
Unser aller Berufung ist, bei Gott zuhause zu sein. Ein Zuhause, ein Ort des Wohlfühlens und Durchatmens. Am Ende schlüsselfertig, so dass wir eintreten, uns umschauen und sagen: „Passt!" Und für das göttliche Zuhause auf Erden? Die Schlüssel liegen in unsere Hand, wir müssen nur den jeweils passenden wählen. Es gibt - Gott sei Dank! - viele Schlüssel, die uns das irdische Zuhause bei Gott aufsperren. - Amen.
Bild: Bernhard Heindl SJ