Joh 10, 1–10
Schafe. – Ich muss sagen, mir sind Schafe sympathisch, besonders wenn in der Heiligen Schrift von ihnen die Rede ist. Biblisch gesehen haben Schafe nämlich wunderbare, man könnte sagen geradezu christliche Eigenschaften.
Zum einen: Schafe können unterscheiden. Sie haben einen Riecher dafür, wer der gute Hirt ist und wer ein schlechter Hirt oder gar ein Wolf ist. Anders gesagt, sie spüren, was dem Leben dient und was das Leben gefährdet oder es gar zu zerreißen droht. Schafe sind Meister dieser Unterscheidung. – Wir dürfen ebenso Meister der Unterscheidung sein. Was behütet und weckt das Leben, im persönlichen Bereich und bei uns als Gemeinschaft der Glaubenden? Was nimmt Leben und Sinn hinweg oder gefährdet uns? Was führt uns persönlich und was führt uns als Gemeinschaft der Kirche weiter oder was schadet eher? – Es gab auch schon den einen oder anderen Wolf im Schafspelz in unserer Herde, in der Gemeinschaft der Kirche, der Worte, Macht, Menschen missbraucht hat. Wenn wo etwas seltsam ist bei uns, wenn irgendwo irgendwas bei uns komisch riecht, dann ist es gut, wenn wir das merken, klar benennen, kritisieren. Mit Recht. Was fördert mein Leben und das Leben von uns als Gemeinschaft der Kirche? Ganz so leicht ist das nicht immer zu sagen. Es braucht immer neu unser gemeinsames, konstruktives Unterscheiden.
Ein zweites: Schafe lieben die Gemeinschaft. Es wäre richtig gemein, ein einzelnes Schaf zu halten. Das würde sehr leiden. Schafe fühlen sich so richtig wohl, wenn sie mit anderen zusammen sind. Sie spüren, dass es ihnen in der Gemeinschaft besser geht. – Jesus hat nicht nur einen Apostel gesucht oder ist nur einer einzigen Auferstehungszeugin begegnet. Er hat eine Gemeinschaft gerufen und geformt. – Seiner Gemeinschaft, unserer Gemeinschaft der Kirche geht es gerade nicht so gut, hat man den Eindruck. Sie scheint vielen nicht mehr so attraktiv, nicht mehr so vertrauenswürdig, nicht mehr so sinnstiftend. Viele steigen aus. Die Verbundenheit ist erloschen und insofern erscheint das Hinausgehen konsequent. – Ich würde sagen: Wenn es meiner Gemeinschaft gerade nicht gut geht, dann ist das nicht der Moment, um auszusteigen. Ich verlasse Menschen, die mir vertraut sind, ja auch nicht in dem Moment, wo es ihnen schlecht geht. Irgendwie müssen wir uns alle füreinander einsetzen, dass es wieder besser wird mit der Gemeinschaft derer, die den Tod und die Auferstehung Jesu Christi bekennt und verkündet, in der Gemeinschaft derer, die im Glauben Sinn finden.
Ein letztes: Das besondere Vertrauensverhältnis zwischen dem Hirten und der Herde. – Eine Ordensschwester, mit der ich im letzten Jahr Exerzitien begleiten durfte, hat mir eine Geschichte aus ihrer Jugend erzählt. Sie wurde einmal gebeten, sich für ein paar Stunden um eine Schafherde zu kümmern, weil der Schäfer was erledigen musste. Diese Aufgabe hat sie gerne übernommen. Der Schäfer hat ihr alles gezeigt. Es klang nach einer einfachen, romantischen Aufgabe.
Der Schäfer steigt auf ein Fahrrad und fährt weg. Sie hütet die Schafe. In der ersten Minute ist alles wunderbar. In der zweiten Minute ist alles ruhig in der Herde. In der dritten Minute entsteht etwas Unruhe. In der vierten Minute setzten sich die Schafe in Bewegung. Nach fünf Minuten waren sie alle weg. Die junge Frau hatte keine Chance. Die Schafe sind einfach ihrem Hirten hinterher.
Es besteht ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen den Schafen und ihrem Hirten. Sie wissen, wer der gute Hirt ist, der sich Tag für Tag um sie kümmert. Dem sind sie treu.
Wir können ja viel diskutieren, verschiedener Meinung sein, auch in kirchlichen Fragen, kirchlichen Strukturen, pastoralen Ansätzen. Im Haus Gottes haben ganz unterschiedliche Typen Platz. Die Frommen und die nicht ganz so Frommen. Die eher Konsequenten und die eher Lockeren. Die Jungen und die Älteren. Aber es wäre schon toll, wenn man es uns immer wieder anmerkt, dass wir alle in einer gemeinsamen Bewegung mit Vertrauen hinter Jesus Christus her gehen. Das hätte schon eine Ausstrahlung.
Wir alle sind Schafe – im biblischen Sinn. Wir alle sind auf dieser Ebene, ob Papst oder Bischöfe, Frauen und Männer, sie und ich. Es gibt nur einen Hirten, Jesus Christus, der heute aus dem Johannesevangelium zu uns spricht: „Ich bin die Tür zu den Schafen. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; ... ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben."
Vielleicht haben wir gelegentlich den Eindruck, dass Jesus Christus „mit dem Fahrrad" schon ein Stück weggefahren ist, dass da und dort etwas Abstand ist. Und doch: Da müssen wir immer wieder miteinander hinterher. Durch diese Tür, die Jesus Christus für uns öffnet und für uns ist, müssen wir alle immer wieder einsteigen – mit guter, echter Unterscheidung, auf seine Stimme hörend (was sagt er mir, was sagt er uns?), mit Liebe zur Gemeinschaft, in allem letztlich von ihm behütet und beschützt und geleitet auf sicheren Pfaden zum Leben.
P. Thomas Hollweck SJ
Bild: Mitchell Orr via unsplash.com