Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Himmelfahrt, ein Ausblick. Doch über die letzten Dinge zu reden, ist das nicht müßig, weil es ja ohnehin niemand wissen kann? Zeiten vor uns hatten keine Scheu, sie nahmen Farbe und Pinsel in die Hand. Entstanden sind zartrosa, blassblaue Wolkenkaskaden mit Menschengruppen, die es geschafft haben, Heilige Männer und Frauen, Päpste, Engel, Maria, ... das himmlische Heer ...
Je nach Kunstgeschmack können Sie jetzt sagen: Schade oder Gott sei Dank, das haben wir hier nicht, denn wir sind Frühbarock! Wenig Farbe, viel weiße Projektionsfläche.
Die letzten Dinge, der Blick in den Himmel, habe ich ein Himmelsbild, eine Himmelsvorstellung oder sage ich: Unsinn, Phantastereien, Zeitverschwendung, in dieser Zeit lieber etwas für die Erde tun! Das Christentum konnte sich in der Antike behaupten, weil es glaubwürdig sozial-aktiv, caritativ war, tätige Nächstenliebe übte und weil es eine glaubwürdige Himmelsvision hatte, weil sein Himmel nicht exklusiv von elitären Götterdynastien bewohnt war, sondern Menschen rein durften. Die Schicksalserweiterung, dass am Ende nicht nur düstere Unterwelten, ob nun Hades oder Scheol genannt, auf einen warten, war attraktiv und überzeugte.
Das Engagement der Kirche in tätiger Nächstenliebe ist nach wie vor groß. Manchmal wird es nicht mehr mit der Kirche in Verbindung gebracht, was sie auf dem Sozialsektor leistet. Das drückt in Kurzfassung ein Witz aus, in dem sich zwei Bettler unterhalten und der eine zum anderen sagt: „Die Kirche?! Die wollte mir nichts gegeben, ... dann bin ich zur Caritas gegangen!" Einst im Himmel willkommen zu sein, das scheint mir für alle, die an ein Jenseits glauben, 'common sense' und keine hervorhebenswerte Besonderheit zu sein. Wir werden bei Gott sein, das scheint allgemeine Gewissheit zu sein. Aussagen, wie der Himmel sein wird, hierin übt sich unsere Zeit in vornehmer Zurückhaltung. Doch bei der Frage nach der Himmelsgestaltung nur festzustellen, es für den eigenen Glauben nicht zu brauchen, es ganz Gott zu überlassen, scheint mir manchmal weniger Bescheidenheit sein, sondern mehr der Vergewisserung der eigenen Seelengröße zu dienen.
Interessant finde ich, dass alle, die an ein Jenseits glauben, an das Eingehen in einen göttlichen Bereich, eine Läuterung für notwendig, für selbstverständlich halten. Bei Gott sein, dem geht ein Veränderungsprozess, eine seelische Entschlackung voraus, damit wir unbeschwert und ungetrübt rein bei Gott sein können. Geläutertes Menschsein, die bessere, die beste Version meiner selbst sein dürfen, ist ein Himmelsbild für mich, das ist meine Himmelshoffnung. Menschsein, ohne Verfremdung, die Essenz, das Wesentliche leben, es gelingt auch auf Erden, aber es ist kein Dauerzustand, es sind Glücksmomente.
Liebe ist das Wesentliche, Liebesfähigkeit zeichnet unsere Spezies aus. Sie ist das Edelste, das Wünschenswerteste, das meist Ersehnte ... und wir leiden darunter, wenn wir Liebe vermissen, sie uns vorenthalten wird oder wir nicht zu ihr fähig sind. Gott ist die Liebe. Der Himmel, er wird folglich Liebe sein, ohne Mangel, ohne Verfälschung. Liebe, umfänglich, umfassend, Caritas, Liebe, die nicht um sich kreist, die über Selbstliebe hinauskommt, ist das Wesen unseres Gottes. Liebe trägt Göttliches in die Welt, sie holt den Himmel auf die Erde.
Das Paradies, so war es gedacht, als liebevolles Miteinander in einer Zu- und Unterordnung von Gott und Mensch, ohne Wettstreit und Rivalität. Kein Sein-Wollen-Wie, kein Neid, einfach ein erfülltes, liebevolles Miteinander. Eine langweilige Paradiesesvorstellung? Für manche ja, weil zu wenig Abenteuer. Fakt ist, Liebende auf Erden sehnen sich bis zum heutigen Tag nach diesem Zustand ... und wollen Zeit und Raum vergessen, wenn er sich beglückend einstellt.
Himmelfahrt, Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, einer, der sich in der Liebe zu Gott und den Nächsten bewährt hat, ganz in ihr aufging, trägt das wahre Menschsein wieder in den Himmel, das Paradies zurück. Es hat dort wieder seinen festen Platz! Himmelfahrt oder Heimkehr, die Vertreibung aus dem Paradies ist über einen Menschen beendet, aufgehoben, ... Gott und Mensch sind wieder in Harmonie.
Ich darf im Gabengebet für uns alle beten:
„Allmächtiger Gott, gib uns durch diese heilige Feier die Gnade, dass wir uns über das Irdische erheben und suchen, was droben ist."
Und im Schlussgebet:
„Lenke unser Sinnen und Verlangen zum Himmel, wo Christus als erster der Menschen bei dir ist."
Ich würde fast korrigieren wollen: ... wieder bei dir ist. Gott und Mensch wieder vereint, wie ursprünglich im Paradies.
Ist es müssig über die Letzten Dinge nachzudenken? Die Dichterin Nelly Sachs sagt: „Der Tod aber ist offen / Erst dahinter leben die Geheimnisse".
Es bleibt ein Geheimnis: Wie werden wir sein, wenn wir nur Liebe sind und nichts anderes uns erfüllt, wenn wir ganz in der Liebe leben, uns bewegen und sind.
Ein schönes Geheimnis, ... nach dessen Offenbarung ich mich sehne. Ich möchte nicht ohne Himmelshoffnung, ohne Ausblick in den Himmel leben. - Amen.
Bild: Bernhard Heindl SJ