Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Ungefähr 20.000 Mal pro Tag tun wir es, meist unbemerkt: Atmen, 20.000 Atemzüge täglich, die 10.000 Liter Luft unserem Körper zuführen, damit wir, versorgt mit frischer Luft, leben können.
Zu unserem ersten Atemzug, sagt die Bibel, hat Gott uns verholfen: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde ... und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen." (Gen 2,7) Wann haben Sie zuletzt einen Luftballon aufgeblasen? Erinnern Sie sich, welche Anstrengung es sein kann, wie man aus der Puste kommt und es einem leicht schwindlig wird, bis der Luftballon endlich groß genug und man mit seinem Werk zufrieden ist!
Vielleicht male ich den Text der Genesis zu phantasiereich aus, aber war es mühsam, uns den Lebensatem einzublasen? Ist es mühsam für Gott, alles am Leben zu erhalten, gleichsam immer und für alle ... für den nötigen Lebensatmen zu sorgen? Nach christlicher Vorstellung ist Schöpfung ein work in progress, nicht abgeschlossen und vollendet, sondern ongoing, ein anhaltender Prozess. Das Universum z.B. expandiert, es war gestern kleiner als es heute ist, seine Objekte entfernen sich voneinander, das heißt, das Universum breitet sich aus, es wächst Tag für Tag und war am Anfang vielleicht nur ein Atom.
Nach christlicher Vorstellung hat uns Gott damals nicht nur Luft für die Grundfunktionen von Leben in die Nase geblasen, sondern uns mit seinem Atem beseelt. Die Genesis sagt uns im Bild, dass Gott uns eine Seele geschenkt hat, dass wir fortan - wie es in der Apostelgeschichte (17,29) heißt - „von seiner Art" sind. Was wir an Pfingsten bekennen ist, die Fortführung der menschlichen Schöpfungsgeschichte, eine Art neue göttliche Beamtung: Der Auferstandene haucht die Seinen an ... und wer immer es kapiert, wird einatmen, wird seine Lungen füllen mit ... Seelenluft für wahres, wahrhaftiges Menschsein nach dem Schöpfungsplan, der Vorstellung, der Sehnsucht, die Gott von Menschsein hat. Heiliger Geist, er belebt mehr als die basalen Funktionen von Leben in uns, er ist ... Seelenluft. Heiliger Geist, das heißt, Gott, Gottes Gesinnung einatmen. Heiliger Geist, Luft die ein Potential in uns zum Leben erweckt, das uns näher zu Gott bringt, uns inniger mit ihm verbindet. Pfingsten füllt unsere Lungen mit einer Luft, die unserer Seele gut tut! Gottes Geist einatmen und mehr und mehr zu wahrhaftigen Menschen werden, ... Pfingsten ist die göttliche Zusage, dass das geht!
Vielleicht ist die Hauptanstrengung unseres Schöpfers in der fortlaufenden Schöpfungsgeschichte, dass er der Welt ein Luftreservoir zur Verfügung stellt, das sie zu wenig nutzt, unbeachtet lässt, in Autonomiebestrebungen je neu ausschlägt. Heiliger Geist, ein Luftreservoir, das Gott allen zur Verfügung stellt, die ihn darum bitten. Die Gaben des Heiligen Geistes einatmen, mit dem Schöpfer kooperieren, damit Schöpfung ein fortlaufender Prozess zum Besseren hin ist. Die Gaben des Geistes einatmen, Gott einatmen. Die einfachste und doch sehr hilfreiche Weise, dies zu tun, ist für mich zugleich die naheliegendste: einfach in Ruhe, meinem Atem nachzuspüren. Das Atemgebet hilft mir, mit Gott in einer lebendigen Beziehung zu bleiben, meine Beziehung zu ihm zu intensivieren.
Schon 10 Minuten genügen, um mich innerlich neu auszurichten und mir Ruhe und Zuversicht zu schenken: Ich bin nicht allein, es gibt eine Verbindung, die mich übersteigt und in der ich geborgen bin. 10 Minuten, um z.B. die Gabe der Frömmigkeit neu einzuatmen. Das „Lexikon für Theologie und Kirche" definiert etwas formal, aber doch hilfreich: Frömmigkeit, die Gabe, „die uns in wahrem Kindesgeist Gott als Vater verehren lässt, frei von sklavischer Gesinnung und Ängstlichkeit". 10 Minuten, meinem Atem nachspüren, wie er kommt und geht, um angstfreier zu leben und sich von falschen Bindungen, Vorstellungen, gefühlten Notwendigkeiten lösen zu können.
Heiliger Geist, Seelenluft für Seelenweite. Auch der Vorschlag, den ich im Internet bei der GCL, der Gemeinschaft Christlichen Lebens gefunden habe, die aus der ignatianischen Spiritualität lebt, gefällt mir: Meinem Atem nachspüren, zur Ruhe kommen lassen und in mein Ausatmen ein „Ich" und in mein Einatmen ein „Du" legen. Der Vorschlag hat für mich eine vertikale und horizontale Dimension: Vertikal, Du, Gott, und ich, ... neu in Verbindung über den Atem ... und horizontal, hier steht Du für meine Mitmenschen, die Nächsten, und Ich, für mein Ego, das mit dem Ausatmen ruhig kleiner werden darf, weil es sich ohnehin leicht ... aufbläst:) Pfingsten oder Schöpfung, work in progress, 20.000 Mal pro Tag, die Möglichkeit für Neuschöpfung. Ich will mit einem Gebet des Hl. Augustinus schließen, das Sie kennen, das aber auch im Gotteslob (7,2) nachlesbar ist, wenn Sie es meditieren wollen:
Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere. - Amen.
Bild: Bernhard Heindl SJ