Mt 21,28-32 (Phil 2,1-11)
30. Sept./1. Oktober 2023
Jesuitenkirche Innsbruck
In guter jüdischer Tradition erzählt Jesus eine Geschichte:
„Ein Mann hatte zwei Söhne ...". Und dann hören wir
vom ersten Sohn, der nicht im Weinberg arbeiten will,
der das bereut und dann doch geht.
Und wir hören über den zweiten Sohn, der gleich Ja sagt –
und dann doch nicht zur Arbeit geht.
Das ist der perfekte Ausgangspunkt für eine Moralpredigt.
Wir sollen so sein wie der erste Sohn – und nicht wie der zweite. Vermutlich sind wir aber immer beide, und auch das kann man moralisch bewerten und dazu predigen.
Wenn wir dieses Gleichnis Jesu auf Moral reduzieren,
dann übersehen wir das Wesentliche. Es geht um unsere innere Haltung, um unser religiöses Leben und um unsere Bereitschaft, im Weinberg Gottes mitzuarbeiten.
Das ist mehr als die Frage nach dem, was im Einzelfall
gut und richtig ist. Religion ist mehr als Moral und Ethik.
Dieses Gleichnis Jesu ist ein Frontalangriff auf die Weltsicht
der Hohenpriester und der Ältesten des Volkes.
Jesus wirft ihnen vor, dass sie Johannes den Täufer gesehen haben – und nicht bereut und ihm nicht geglaubt haben. Anders die Zöllner und die Prostituierten:
sie haben Johannes geglaubt,
und sie kommen eher ins Reich Gottes als die Führungskräfte,
die sich ihrer Sache sicher sind und nichts zu bereuen haben.
Johannes der Täufer hat herb gepredigt –
und das wollten nicht alle hören. Wir hatten hier in Innsbruck
auch schon einmal eine ähnliche Situation.
Auf der Hungerburg gibt es seit 1932 die Theresienkirche.
Ab 1945 hat Max Weiler die Kirche mit Fresken gestaltet.
Und das führte ab 1948 zu einem richtigen Skandal.
Max Weiler hat nämlich auch die Kreuzigung Christi dargestellt – und alle Beteiligten waren in Tiroler Tracht!
Das war für viele Tiroler zu viel.
So mussten auf Weisung aus Rom
die Fresken verhüllt werden, von 1950 – 1958.
Max Weiler hat nur gemalt, was Realität war und ist:
Wir sind alle in Schuld verstrickt.
Gottes Sohn wird auch heute noch ans Kreuz genagelt. Und keiner kann sagen: Ich habe damit nichts zu tun.
Das war die Botschaft von Weiler unmittelbar
nach dem II. Weltkrieg – und das ist heute noch so.
Darum brauchen wir als Christinnen und Christen ein sehr gutes „Radarsystem", damit wir merken, was rund um uns herum passiert – und wie wir da mitverwickelt sind.
Dass wir mitverwickelt sind, das ist unvermeidlich –
aber wir sollten es merken.
Wenn wir diese Stelle aus dem Evangelium für uns ins Leben übersetzen, dann könnte das so aussehen,
in den drei Punkten einer Jesuitenpredigt:
1. Der erste Sohn im Evangelium sagt: „Ich will nicht." –
Ich habe keine Lust – später reut ihn das und er geht doch in den Weinberg. Es ist gut, wenn wir unsere innere Gestimmtheit kennen und wahrnehmen.
Wie bin ich drauf? Innerlich aufgeräumt, heiter, mit einer gewissen Leichtigkeit im Leben? Oder bin ich grantig mit mir und der Welt, sehe ich alles negativ, bin ich ein „Grantler"?
Wir müssen als Christinnen und Christen aufpassen, dass wir uns nicht in das allgemeine Gejammere hineinziehen lassen.
Die negativen Dinge werden uns täglich präsentiert,
als ob das die ganze Wirklichkeit wäre.
So entsteht Unzufriedenheit, Groll, Ressentiment.
Das tut uns als einzelne nicht gut –
und politisch führt das zu sehr problematischen Entwicklungen.
Der christliche Zugang ist: Zuerst das Gute sehen und dafür dankbar sein. Die mühsamen Dinge blenden wir nicht aus, aber sie bestimmen nicht unsere innere Haltung.
2. Die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes haben Johannes den Täufer übersehen. Sie waren ganz mit dem Aufrechterhalten des täglichen Betriebs beschäftigt.
Nur ein paar Leute am gesellschaftlichen Rand
haben die prophetische Gestalt des Johannes erkannt.
Wer sind die Propheten heute? Wer sagt uns heute Dinge,
die wir lieber nicht hören möchten? Die Klima-Aktivisten nerven, aber es könnte sein, dass sie eine wichtige Nachricht haben.
Und mit dem explizit religiösen Leben ist es ähnlich.
Wir müssen Acht geben, dass wir die wesentlichen Elemente des christlichen Glaubens gut pflegen
und an die nächste Generation weitergeben.
Die gleiche Würde aller Menschen hat damit zu tun,
dass wir alle von Gott geschaffen sind.
Das ist das Fundament unseres Zusammenlebens,
der demokratischen Struktur von Mitbestimmung im Land und auch von Recht und Gerechtigkeit.
Wenn dieses Bewusstsein verloren geht,
dann werden nur noch die Starken den Ton angeben –
so wie es im großen Stil Russland macht, indem es Tag und Nacht Orte in der Ukraine mit Raketen beschießt.
3. Und schließlich: Auch heute gibt es die Aufforderung Gottes: „Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!" –
Manchmal sehen wir die Arbeit ja selbst –
und manchmal bittet uns jemand anderer, mitzuarbeiten.
Unsere Aufgabe ist es, JA zu sagen und in den Weinberg zu gehen. Dort können wir mit unseren Möglichkeiten arbeiten,
mit unseren Spielräumen zum Guten hin.
Natürlich gibt es auch hier „Straßengräben".
Die einen überfordern sich und finden keine Balance zwischen Arbeit und Ruhe. Die anderen fühlen sich der kleinsten Anstrengung nicht gewachsen und ziehen sich auf die Beobachter-Position zurück,
mit gscheiten Zurufen von der Seitenlinie.
Freude entsteht, wenn wir merken:
Wir werden gebraucht, wir können es –
und wir tun es auch gerne.
Also – ein wichtiges Gleichnis Jesu.
Er erzählt es den Hohenpriestern, den Ältesten des Volkes – und heute uns.
Es geht um unsere innere Haltung,
um unser religiöses Leben
und um unsere Bereitschaft, im Weinberg Gottes mitzuarbeiten.
Amen.
P. Christian Marte SJ
Foto: Aziz Acharki via unsplash.com