Zwei gute Freundinnen und ihre kritischen Worte

Predigt zum Nachlesen von P. Thomas Hollweck SJ, 27. Sonntag im Jahreskreis

Symbol

Jesaja 5, 1–7 und Matthäus 21, 33–42.44.43

Zwei gute Freundinnen und ihre kritischen Worte

Wenn mich jemand kritisiert, der mich gar nicht mag, dann fällt es mir tendenziell schwer, seine Kritik gut anzunehmen. Anders ist es, wenn gute Freunde zu mir kommen und mich spüren lassen, du Thomas, wir mögen dich, aber da gibt es einen kritischen Punkt, über den wir mal mit dir reden möchten. Dann bin ich durchaus leichter aufgeschlossen hinzuhören.

Ich möchte die beiden Bibelstellen, die wir gerade gehört haben, wie zwei gute Freundinnen betrachten, die mir etwas sagen möchten, durchaus kritisch, sehr kritisch, aber letztlich, weil sie es gut mit mir meinen.

Freilich müssten wir die Texte erst historisch und bibel-theologisch, exegetisch einordnen. Wir müssten über das alte Bild vom Weinberg sprechen, das in den biblischen Texten für das Volk Israel steht – gepflegt und behütet vom Weingärtner Gott, aber im Laufe der Geschichte auch immer wieder „zertrampelt" (Jes 5,5). Wir müssten schauen, wie Jesus dieses alte Bild in seiner Rede aufgreift, zunächst identisch, dann aber auf der Gleichnisebene verändert. Wir müssten zugleich interpretieren, wie der Evangelist Matthäus diese Rede Jesu in sein Evangeliumskonzept einfügt und an dieser Stelle von der Ermordung des Sohnes des Weinbergbesitzers spricht, um damit langsam schon auf die Passionserzählung mit der brutalen Ermordung Jesu hinzuleiten.

Aber wie gesagt. Heute möchte ich einfach auf zwei Freundinnen hören, was sie mir sagen möchten. Vielleicht mögen Sie einfach mithören und es ähnlich machen.

Aus der Lesung höre ich (für mich heute) heraus, dass der Weinbergbesitzer, dass Gott sich müht und Leben ermöglicht: für mich, für uns, sein Volk, für die Gemeinschaft der Kirche. Und ich höre: Thomas, sieh das doch! Sei keine faule, sei keine saure Beere, die nur das Negative sieht, die sich beklagt, weil die Dinge nicht so sind wie du sie gerne hättest.

Es geht darum, eine „süße Beere" zu werden, das heißt: weiter zu reifen. Mein Glauben darf noch weiter reifen. Mein Lieben darf noch weiter reifen. Mein Hoffen darf noch weiter reifen. Um solche Früchte scheint es mir zu gehen. Ich als Mensch, der Freudiges und Schmerzliches zu integrieren versteht, der immer neu in Kontakte gehen kann, ich darf weiterwachsen.

Wichtig dabei: Es geht um Früchte, die wachsen dürfen, nicht um Leistung, die erbracht werden muss. Die Heilige Schrift spricht nicht von Leistung. Leistung ist das, was ich mache, was ich machen muss, was ich machen kann. Mein Ding. Mein Werk. Mein Produkt. Bei Fruchtbarkeit ist etwas anderes. Früchte, Trauben reifen nur, solange sie am Weinstock hängen, das heißt im Kontakt mit ihrem Ursprung, mit dem Stamm und der Wurzel sind. – „Bleibt in mir." (Joh 15,4) – Ja, bleib im Kontakt mit deinem Ursprung, mit dem, der dich geschaffen hat und im Leben erhält.

Im Evangelium höre ich, dass der Sohn des Weinbergbesitzers ermordet wird. Ein Hinweis auf den Tod Jesu.

Jesus töten? Am Sterben Jesu mit schuld sein? – Das ist der kritischste Punkt, den mir meine beiden Freundinnen vor Augen führen.

Ich fürchte, sie haben etwas Recht. Ich fürchte, dass es verschiedene Weisen gibt, dass Jesus zu Tode kommt.
• Dort, wo ich einfach nur meine Arbeit, mein Ding mache – gottvergessen und jesusfern.
• Dort, wo ich lange kein Gespräch, kein Gebet, keinen Kontakt mit ihm suche.
• Dort, wo ich auf die Welt schaue, als würde es keinen Gott, keinen Glauben an Gott, keinen tieferen Sinn, kein übernatürliches Ziel für uns Menschen geben.
• Dort, wo ich vergesse, dass Gott das Leben und das Heil aller Menschen möchte und mich als seien Verbündeten dabei.

Es gibt die Momente und Zeiten und Facetten in meinem Leben, wo Gott wenig Chance hat, wo Jesus nicht in mir so lebendig ist, eher verloren geht, im Schweigen versinkt und – in diesem Sinn – etwas in mir stirbt.

Solche Hinweise höre ich von meinen beiden Freundinnen. Diese Hinweise dürfen mich nachdenklich stimmen und etwas bewirken in mir, etwas mehr Aufmerksamkeit für die Sorge und das Angebot des Weinbergbesitzers.

Wenn Computer hängen bleiben und es geht nichts mehr, dann hilft es manchmal abzuschalten und neu zu starten. Es kann sein, dass es dann wieder weiter geht, besser weitergeht. – Ich schalte neu ein und gehe zurück an den Anfang der Gleichnisse, an den Anfang des Liedes. Meine beiden Freundinnen möchten mir ja etwas sagen, mich animieren, dass die Geschichte anders weitergeht.

„Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten."

Wenn ich den Schöpfungsgesang Gottes, wenn ich das Weinberglied des Höchsten immer wieder vernehme und mit meinem Lebensgesang darin einstimme, dann kann ich bisweilen „saures Früchtchen" auch weiterwachsen und weiterreifen in fruchtbarer Gottverbundenheit und eine unerwartete Süße entwickeln, die auch meine Mitmenschen noch mehr erfreuen dürfte.

Der Weinbergbesitzer, Gott, sendet seinen Sohn. Wo ich Zeit und Raum schenke, wo ich meine Offenheit für ihn nicht absterben lasse, wo ich mich dankbar und vertrauensvoll aufmache, wird er bei mir immer wieder hereinkommen. Eine süße Frucht.

„Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ..." und von meinen beiden Freundinnen und ihrem kritischen Wort an mich heute. In Dankbarkeit.

P. Thomas Hollweck SJ


Foto: Jodie Morgan via unsplash.com

 

 

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