Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Unlängst, eine Schulklasse fragt eine Kirchenführung an und äußert den Wunsch am Schluss noch ein paar gemeinsam erarbeitete Fragen zu Glauben und Religion stellen zu dürfen. „Selbstverständlich, gern!", meine Antwort und so zog am Ende der Führung die Schülersprecherin ihren Notizblock heraus und fragte, während mich die Gruppe erwartungsvoll anschaute: „Was ist der wichtigste Satz ihrer Religion?" - „Äh ..." ich denk bei mir, ein Satz, eine Kurzformel, ich brauche eine Kurzformel und höre mich sagen: „Gott ist die Liebe." Ja, das wäre mir das Wichtigste und das habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern steht so wortwörtlich in der Bibel, im 1 Johannesbrief (4,8). Und dieser Satz erklärt mir viel Wichtiges mit Blick auf Gott:
Er macht mir Schöpfung plausibel. Denn warum schafft „der Schöpfer aller Ding" (GL 248,3), wie wir an Weihnachten singen, überhaupt etwas? Hätte er sich das nicht einfach ersparen können? Aber Liebe, die sich in Selbstgenügsamkeit erschöpft, gibt es nicht, ist keine Liebe! Liebe will sich schenken, will sich geben, will sich hingeben. Liebe, das ist Hingabe an etwas, an jemand.
Und weil Gott Liebe ist, leuchtet mir mich auch seine Menschwerdung, seine Inkarnation ein. Liebe hat immer ein Mitteilungsbedürfnis, will sich verständlich machen. Gott wählt die uns verständlichste Sprache aus, die wir können, die wir verstehen. Er buchstabiert sich uns auf „Menschlich" aus, indem er selbst Mensch wird, um uns noch besser sagen zu können, wer, wie er ist?
Ein Drittes: Liebe zwingt nicht, kennt keinen Zwang. Echte Liebe respektiert die Geliebten in ihrer Freiheit. Weil Gott Liebe ist, wünscht er ein freies Ja und zwingt niemanden, an ihn zu glauben. Weil Gott die Liebe ist, wird er mir als Garant unserer Freiheit plausibel, begreiflich, einsichtig, glaubhaft.
Wer geliebt werden will, der sollte lieben. Die Chance ist groß, dass Liebe Liebe hervorbringt. Es muss den frommen Israels etwas von der Liebe Gottes ins Herz gefallen sein, wenn sie einander erinnern: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben!" Das ist das Wichtigste, der wichtigste Satz der Religion Israels, sagt Jesus, der diese existentiell „ausbuchstabierte" Liebe Gottes ist. Wie liebt man einen Gott, der Mensch geworden ist? - Indem man Menschen liebt! Das ist für mich eine plausible Schlussfolgerung und weniger ein zweiter, zusätzlicher Punkt in einer Liste von Wichtigkeiten. Gott, ein Menschenfreund, der sich darüber freut, wenn wir einander lieben, weil wir so etwas von ihm zeigen, sein Wesen ansichtig machen.
Ich gestehe, dass ich als Prediger eine Zeit lang von einem Gedanken angefochten wurde: Lieber Gott, wir machen dich jeden Sonntag noch lieber, wen wundert es, dass du in die Belanglosigkeit geraten bist? „Das ist lieb von dir", sagen wir in einem gerührten Ton und drücken nicht selten damit aus, lieb, aber nicht wirklich nötig! Wer zu lieb ist, ist nicht wirklich ernst zu nehmen. Es war meine innere Frage: Welche Tonlagen braucht es in der Verkündigung, dass Gott, stets lieb und nett verkündet, doch noch ernsthaft für Lebensfragen in Betracht gezogen wird? Gott, haben wir, die Verkündigenden, dich lieb und nett ins „off" geredet? Es war ein alter Priester, der mir sagte, seine Generation habe Gott aus dem Eck des strengen und strafenden herausgeholt. Aber seiner Generation sei es nicht gelungen, Gott eine neue Relevanz zu geben. Gott, bist du irrelevant geworden über gebetsmühlenartige Wiederholungen des längst Eingeholten?
Es ist der Blick in die Welt von heute, es ist eine Nachrichtensendung, die mir vergewissert: Das ist nicht eingeholt, dass ist bei weitem noch nicht tief genug verstanden, dass Gott die Liebe ist!
Dafür geschieht zu viel Beschämendes, im Kleinen wie im Großen. Auf die große Weltbühne geschaut, da wird im Namen Gottes ein Angriffskrieg abgesegnet, da wird von religiösen Autoritäten, die Gott sagen und ihren brutalen Machterhalten meinen, öffentlich zu Gewalt und Mord aufgerufen!
Die Anfechtung ist überwunden. Für mich bleibt es wichtigstes und erstes Verkündigungsgebot: Gott ist die Liebe. Das ist die tiefste Begründung für die Schöpfung. Es ist der Grund, warum Gott Mensch wird und uns ohne jegliche Machtallüren sein Wesen „ausbuchstabiert". Und Liebe kennt weder Zwang noch Unterwerfung.
„Was ist der wichtigste Satz Ihrer Religion?"
Es ist ein schöner Satz! Ein Satz, der die Kraft hat, ...
uns zu wandeln,
uns wahrhaft zu Menschen werden zu lassen ...
und den man nicht müde werden darf zu wiederholen,
weil Verrohung und Entmenschlichung drohen, wenn er unbeachtet bleibt, wenn er vergessen wird. - Amen.
Bild: Heindl SJ