Schwestern und Brüder,
hinter dem Fest Allerheiligen steht die Erfahrung grausamer Gewalt. Denn die Heiligen der ersten Jahrhunderte waren – beginnend mit Stephanus – vor allem Märtyrer. Und bald wurden es zu viele, um jeder Einzelnen, jedes Einzelnen an einem eigenen Tag zu gedenken, sodass seit dem dritten Jahrhundert ein Fest aller Heiligen gefeiert wird. Ausgehend von Irland wird das Fest in der Westkirche seit dem 8. Jahrhundert am 1. November gefeiert. Die Kirche hat seit der Antike besonders all jener Christen gedacht, die – wie Jesus – eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Ihr Leben, das in grausamster Weise beendet wurde, um vergessen zu werden, sollte nie aus dem Gedächtnis der Gemeinschaft schwinden. Jene, die zur letzten Demütigung den Tieren vorgeworfen wurden, den Todeskampf zur Unterhaltung der gaffenden Menge kämpfen mussten, sollten ewig in Ehren gehalten werden.
Die Liturgie dieses Festes antwortet auf die Erfahrung der Gewalt mit Texten des Trostes. Die Seligpreisungen beginnen mit Armut und Trauer und gipfeln in der Verfolgung um Jesu willen. Doch geht Jesus nicht so weit, jemanden glücklich zu nennen, der seinetwegen sterben muss. Die tödlichen Christenverfolgungen stehen aber sehr deutlich hinter der Offenbarung des Johannes, aus dem der Lesungstext gewählt ist. Dieses schwer zugängliche Buch antwortet auf traumatisierende Gewalt mit teils seltsamen, teils verstörenden Bildern von Bestien und Blut, doch auch dieses Buch eröffnet Hoffnungsvisionen. Zwei von ihnen haben wir in der Lesung gehört, und ich denke es lohnt sich, diese Visionen in diesen Tagen ein wenig näher zu betrachten. Zuerst sieht Johannes 144.000 mit dem Zeichen Gottes Besiegelte, 12.000 aus jedem der zwölf Stämme Israels. Dann hat er eine zweite Vision einer „großen Schar, aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen, niemand konnte sie zählen." Das sind also nicht die genau abgezählten 144.000 aus den Stämmen Israels, sondern eine unüberschaubare Menge aus allen Völkern, die Gott als Retter loben. Dann kommt die ominöse Frage, wer diese denn seien, und die Antwort: „Dies sind jene, die aus der großen Bedrängnis kommen." Die „große Bedrängnis" bezieht sich auf die tödlichen Christenverfolgungen. Aber es wird gar nicht ausdrücklich von Christen gesprochen, es heißt nur, „sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht." Paradox, geheimnisvoll formuliert: es scheint, als könne ihr eigenes Blut, die Flecken ihres eigenen gewaltsamen Todes, durch das Blut des gewaltlosen Lammes aufgehoben werden, sodass sie in integren, würdevollen, strahlenden Gewändern vor Gott treten können.
Die Geschichte grausamer Gewalt liegt nicht nur weit in der Antike zurück, sie liegt sehr nahe bei uns. Am Montag Nachmittag hatte ich die Gelegenheit, in den Keller der Bundespolizeizentrale um die Ecke in der Kaiserjägerstraße zu gehen. Dort liegen in vielen Regalmetern Tausende Strafverfolgungsakte aus der Nachkriegszeit, die grausame Verbrechen der Nazizeit dokumentieren, die hier auf den Straßen von Innsbruck geschehen sind. Wie jüdische Tirolerinnen und Tiroler ermordet wurden, wie Jugendliche und Kinder aus nichtigen Gründen dem Tod in Vernichtungslagern ausgeliefert wurden, wie Tiroler an Massenerschießungen in der Ukraine beteiligt waren und so weiter und so weiter. Über Jahrzehnte haben wir als Gesellschaft in Tirol und Österreich dazu tendiert, diese Geschichte der Grausamkeiten zu verdrängen und systematisch zu vergessen, sie ist im Keller der Kaiserjägerstraße versteckt geblieben. Erst jetzt kommen diese Dokumente ans Licht, weil Peter Hellensteiner und Toni Walder, zwei pensionierte Polizeibeamte, ihre Freizeit dazu verwenden, diese Geschichte der Gewalt in unserem Land Historikern zugänglich zu machen. Stellen Sie sich vor: Der Vater meines Vaters, mein Großvater, war während der Nazi-Zeit an Gewaltverbrechen gegen die Zivilbevölkerung im heutigen Slowenien beteiligt, und ich wusste bis zu meinem 30. Lebensjahr nichts davon. Ich musste in Archiven in Berlin, Ljubljana, Belgrad und Sremska Mitrovica forschen, um seine Geschichte einigermaßen zu rekonstruieren.
Grausame Gewalt in der Ukraine und im Nahen Osten kommt uns furchtbar nahe in den Social Media, die Mainstream-Medien verschleiern die Gewalt ein wenig aus ethischen Erwägungen. Ich persönlich frage mich: Ist das Leben irgendeines jugendlichen Mädchens, das in Innsbruck dem Tod ausgeliefert wurde, das von der Hamas ermordet wurde, oder im Gazastreifen durch Bomben getötet wird – völlig egal welcher Religion –, in den Augen Gottes weniger wert als das Leben des Heiligen Stefanus oder all der anderen Heiligen? Um ganz ehrlich zu sein, ich kann es nicht glauben. Ich glaube, die unzählbare Menge derer, die aus allen Nationen und Sprachen kommen, die in weißen Gewändern bei Gott stehen, sind nicht nur jene, die heroisch den christlichen Glauben bekannt haben, sondern es sind alle, für die es keine Rettung aus grausamer menschlicher Gewalt gegeben hat, deren Leben aber in Gottes Augen heilig ist. Das Fest Allerheiligen drückt für mich die christliche Hoffnung aus, dass es für alle Opfer der langen Geschichte menschlicher Grausamkeiten einen göttlichen Lebensraum gibt, in dem ihre Würde wieder hergestellt ist, weil ihr Leben für Gott heilig ist.
Um wie viel mehr werden wir, die wir leben dürfen, und die wir den Glauben in Freiheit leben dürfen, in der Gemeinschaft aller Heiligen Gott loben, schon in diesem Leben.
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