Lebe Deine Gaben, die Dir gegeben sind, mit ganzer Hingabe

Predigt zum Nachlesen von Roman Siebenrock, 33. Sonntag im Jahreskreis

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Predigt auf den 33. Sonntag im Jahreskreis (19.11.2023)
Univ.-Prof. i.R. Dr. Roman A. Siebenrock

 

Die Lesungen und das Evangelium ermutigen uns, unser Leben mit allen Talenten, d.h. Gaben und Situationen zu leben, und angstfrei uns einzusetzen; auch wenn das, was uns gegeben ist, uns als (zu) wenig erscheint und die Zeit drängt. Unser Leben ist immer ein Ernstfall, uns allen aber ist auch etwas mitgegeben worden. Wir selbst sind uns unser erstes und wichtigstes Talent. Im Gleichnis kritisiert der Herr nun jenen Verwalter, der aus Angst vor dem Herrn das Anvertraute vergräbt. Wenigstens auf die Bank hätte es gebracht werden können. So hätte es wenigstens Zinsen eingebracht. Was soll das bedeuten „vergraben" oder „Zinsen bringen lassen"?

An diesem Sonntag, dem Gedenktag der bis heute über alle Grenzen hinweg viele Menschen berührenden Heiligen, Elisabeth von Thüringen, möchte ich mit ihrem Leben das Gleichnis von den Talenten auslegen. Denn es gibt eine wissenschaftliche Auslegung des Evangeliums nach den Kriterien der wechselnden Standards. Aber es gibt zuerst auch eine Auslegung des Evangeliums durch das Leben, deren Standards zu allen Zeiten gleich geblieben sind und gleich bleiben werden: es ist das Wachsen in der Liebe als Dienst und im Einsatz für die Armen, oder in der Sprache des Evangeliums: es ist der Einsatz für das Reich Gottes, ohne Vorbehalt und ängstlicher Sorge.

Elisabeth war eine ungarische Prinzessin, die bereits im Alter von vier Jahren (1211) mit dem Erbprinzen von Thüringen, Hermann, verlobt wurde. Deshalb musste sie in diesem Jahr ihre Heimat verlassen und wurde in Thüringen erzogen. Welche Talente hatte dieses Kind von Geburt an mitbekommen? Gewiss sie war adelig, aber auch, zumal als Mädchen und Frau, ein Objekt der Heiratspolitik. Damals völlig üblich.
Drei Jahre nach dem Umzug stirbt Hermann. Von Elisabeth wird erzählt, dass sie lebhaft, auch eigenständig und fromm gewesen sei. Der Bruder ihres ersten Verlobten trat nach dem Tod des Vaters 1217 das Erbe an; und heiratete 1221 die 14jährige Elisabeth. Es soll eine glückliche Ehe gewesen sein. Ludwig tolerierte nicht nur die Frömmigkeit seiner jungen Frau, er unterstützte sie darin. Das berühmte „Rosenwunder" ist deshalb wohl allegorisch auszulegen. Es wird erzählt, dass ihr Ehemann Ludwig sie einmal beim Gang zu den Armen ertappt hätte. Auf die Frage, was sie, seine Ehefrau, da im Korb hätte, öffnete sie die Decke, und es erschienen an der Stelle von Brot Rosen. Die Gaben für die Armen duften immer und blühen fort. Dass Elisabeth sich den damals üblichen strengen Bußübungen unterwarf, so wird wieder erzählt, hat jedoch nicht in allem die Zustimmung von Ludwig gefunden. Sie soll alle ihre kostbaren Kleider verschenkt haben, so dass sie nicht mehr in der Lage gewesen wäre, standesgemäß eine Delegation zu empfangen. Doch wie ein Wunder hüllte sie dennoch ein entsprechendes Gewand ein. Elisabeth war, wie nicht wenige in dieser Zeit, von der Armutsbewegung tief geprägt. Sie half wo sie konnte, und errichtete am Fuß der Wartburg ein Hospital. Ihr Ehmann hatte dagegen nichts einzuwenden; andere am Hof aber waren kritischer, ja lehnten solches Tun radikal ab. Was waren ihre Talente nun als Landesfürstin? Es waren nicht nur die Möglichkeiten ihrer Stellung als Landesfürstin, sondern ihr Charakter und ihr Herz. Ihr Leitspruch war: „Ich habe immer gesagt, wir müssen die Menschen froh machen!"

1226 trat ihr Mann Ludwig in den Deutschen Orden ein und nahm am fünften Kreuzzug teil. Er erkrankte schwer und starb noch in Italien. Jetzt änderte sich das Leben von Elisabeth radikal. Von ihrem Schwager, der nun die Herrschaft antrat, wurde sie vertrieben, weil sie öffentliche Gelder verschwendet haben sollte; nicht für sich, für die Armen. In Eisenach, der Stadt am Fuß der Wartburg, fand sie keine Bleibe. Ein Onkel, der damalige Bischof von Bamberg, nahm sie und ihre drei Kinder auf. Eine neue Ehe, selbst die Werbung von Kaiser Friedrich II., lehnte sie ab. Erst auf Drängen von Papst Gregor IX. wurde ihr Witwengut ihr gegeben. Welche Talente hatte Elisabeth in dieser Phase ihres Lebens? Keine äußeren Güter mehr, aber eine tiefe Überzeugung und die Hilfe von ihrem Onkel, der sie schützte. Natürlich auch das Recht, so dass sie nicht völlig mittellos geblieben ist. Vorbehaltlos war aber ihr Dienst. Denn sie hatte sich für die Armut entschieden, dem Schlüssel für das Reich Gottes.
1229 zog sie zu Konrad von Marburg, einem überstrengen Asketen, der sie zu bisweilen absurden Bußübungen anhielt. Elisabeth wollte arm leben und bettelte. Doch Konrad von Marburg verhinderte, dass sie auf ihre Witwenvermögen verzichtete. Nun stiftete Elisabeth das Vermögen und gründete 1229 in Marburg ein Spital, das sie nach Franziskus (1181-1226) benannte. Dies war das erste Patrozinium des Heiligen nördlich der Alpen. Sie ließ nun auch ihre Kinder zurück, wurde Mitglied des Dritten Ordens des Heiligen Franziskus und trat ihren Dienst als Pflegerin in diesem Spital an. Im November 1231 wurde sie schwer krank und verstarb, nicht ohne auch ihre letzte Habe verschenkt zu haben. Kurz vor ihrem Tod soll sie von einer Vision ergriffen worden sein. Ein Vogel, der zwischen ihr und der Wand flog, soll sie ermuntert haben, froh in sein Lied einzustimmen; - und sie habe mitgesungen. Welche Talente waren ihr in ihrer letzten Phase gegeben? Der unermüdliche Einsatz für die Armen, Kranken und Ausgestoßenen ist ihr geblieben. Ihr war auch eine Radikalität eigen, die ich nicht immer nachvollziehen kann. Ihre Kinder hatte sie ja bei Verwandten zurückgelassen. Ihre jüngste Tochter Gertrud, wird später Äbtissin des Prämonstratenserinnenklosters Altenberg bei Wetzlar; - und selbst 1348 selig gesprochen. Doch der Dienst an den Armen und die eigene Armut, so verstehe ich die Vision von singenden Vogel, hat sie selber frei werden lassen. Ganz frei. Deshalb ging sie jedes Risiko in der Pflege von Leprakranken an; und starb mit 24 Jahren.

Sie, die Patronin der Caritas, ist bis heute eine der populärsten Heiligen der Christenheit geblieben. Kaum jemand kann sich ihrer Persönlichkeit entziehen. Johannes XXIII. schrieb einmal: Wir sollen nicht die Heiligen imitieren. Wir sollen vielmehr ihren „succo vitale", ihren lebendigen Saft uns aneignen. Mir scheint, dass Elisabeth uns das Evangelium von den Talenten in folgender Weise heute auszulegen vermag:

          - Niemand hat sich seine Herkunft ausgesucht; aber uns allen ist ein Talent, etwas Gutes mitgegeben worden.
          - Niemand kann als Kind über sein Leben einfach bestimmen. Uns ist auch ein Schicksal auferlegt; aber wir sind diesem nicht einfach ausgeliefert. Das mitgegebene Gute wird sich in uns bewahren und wirken. Wir müssen uns nicht in das Schicksal begraben, wir können unerwartete andere Wege gehen. Das Reich Gottes ist da, eine Alternative also möglich.
          - Uns allen ist das Gefühl der Barmherzigkeit als eine zutiefst menschliche Anlage mitgegeben. Wir können diese entwickeln und so immer mehr über uns selbst hinausschauen und  helfen. 

Auch wenn es manche Widerstände gibt, wir können an dieser Möglichkeit, zu dienen und zu helfen selber wachsen und gedeihen. Dabei müssen wir nicht die Welt durchschauen, die große Politik ändern oder gar das Heil der Welt wirken wollen. Ein Brotkorb, der immer wie Rosen blüht, genügt. Denn das Einzige, was zählt und von bleibendem Wert ist und nach dem Evangelium auch bleibt, ist die Liebe. Wir können jeden Tag damit neu beginnen und so unseren Mitmenschen eine Freude bereiten.

So wuchern wir mit unserem Talenten, ganz egal welche und wie viele uns mitgegeben worden sind. In dieser Eucharistiefeier will der Herr uns selbst in seine Gestalt hinein verwandeln. Dann erfahren wir von innen das Geheimnis des Reiches Gottes, das er selbst ist: wir vermehren unsere Talente, wenn wir teilen, wenn wir ohne Hintersinn dienen und schenken.


Foto: Rendy Novantino via unsplash.com

 

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