Ein wenig Barmherzigkeit.

Predigt zum Nachlesen von P. Bernhard Heindl SJ, Christkönigssonntag

Symbol

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Ausgerechnet der Satz eines Atheisten, ein Satz von Albert Camus, bringt das lange Gleichnis vom Weltgericht trefflich auf den Punkt! Camus sagt: „Seine Grundsätze mag man für die wenigen Augenblicke im Leben aufsparen, in denen es auf Grundsätze ankommt, für das Meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit." Ein wenig Barmherzigkeit. Im Gleichnis fällt das Wort Barmherzigkeit nicht, aber das ist die Gesinnung, die Haltung, auf die die Beispiele des Weltenrichters hinauslaufen und es kommt nicht von ungefähr, das die sogenannten „Werke der Barmherzigkeit" aus diesem Gleichnis abgeleitet werden: 1. Hungrige speisen, 2. Durstige tränken, 3. Nackte bekleiden, 4. Fremde aufnehmen, 5. Kranke besuchen, 6. Gefangene befreien, 7. Tote bestatten. Tote bestatten ist im Gleichnis nicht erwähnt, es ist aus dem Buch Tobit entlehnt, wohl um auf die heilige Zahl Sieben zu kommen. Tobit, wie viele Israeliten ins assyrische Exil verschleppt, begräbt aus Barmherzigkeit seine Volksgenossen, die in der Fremde keine Verwandten haben, die ihnen diesen letzten Dienst erweisen könnten.

Ein wenig Barmherzigkeit ... und weniger unumstößliche Prinzipientreue. Jesus rennt in seiner Lebzeit immer wieder gegen unumstößliche Prinzipientreue an. Denken Sie an die vielen Auseinandersetzung, die er zur Sabbatheiligung mit den Schriftgelehrten führt. Zum Beispiel in Mt 12, wo die Schriftgelehrten sich über die Jünger Jesu empören, weil sie Ähren raufen, um ihren Hunger zu stillen. Hier fällt der Spitzensatz Jesu: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer." (12,7, vgl. Hosea 6,6) Jesus hatte Prinzipien, aber er gab, wann immer möglich, der Barmherzigkeit den Vorrang. Barmherzigkeit, er behält sie im Blick, auch als auferstandener Sohn Gottes, als wiederkommender Weltenrichter.

Ein wenig Barmherzigkeit. Nun haben wir das Privileg in einer Staatsform zu leben, die versucht auf Notlagen, in die Menschen geraten können, zu reagieren. Denn so würde ich kurz unseren Sozialstaat definieren: Er möchte Menschen in Notlagen helfen und hat sich zudem zum Ziel gesetzt, diesen Notlagen aktiv vorzubeugen! Wir wissen alle, dass bei allem staatlichen Bemühen, noch genug Handlungsbedarf für ... gegenseitig geübte Barmherzigkeit besteht. Und der Weltenrichter wird uns auch nicht nur nach Österreich fragen.

Mit dem Hinweis auf unseren Sozialstaat will ich hervorheben, was im Sinne des Weltenrichters schon geleistet wird, vielleicht mit der selben Unauffälligkeit wie im biblischen Text, wo die Gerechten ihren Einsatz herabspielen, zumindest kein großes Aufsehen darum machen, ... ihr Tun aber von Gott gesehen wird und zählt. Ich will hervorheben, dass die Gesinnung des Weltenrichters uns mit allen Menschen vereint, die tatkräftig menschlich handeln. Denn das bleibt für mich verblüffend im heute gehörten Gleichnis: Unsere Religion lässt tatkräftige Menschlichkeit zum Gottesbekenntnis werden. Verblüffend, aber ein Bekenntnis, über tatkräftige Menschlichkeit in Notlagen zu helfen hinaus, muss ich meinem Gegenüber als Begegnungs- und Kooperationsvoraussetzung nicht abnötigen. Das Bekenntnis der tatkräftigen Menschlichkeit ist die große Schnittmenge, die mich als religiösen Menschen mit allen Menschen guten Willens vereint!

So schön und wünschenswert, so erfüllend und hilfreich z.B. das gemeinsame sprechen eines Credo-Textes ist, weil es hoffentlich innere Heimat vergewissert und religiöse Zusammenhänge benennt, die wichtig sind und bewahrt sein wollen ...
- so schön und wünschenswert, so erfüllend und hilfreich das Tragen von Bekenntnissymbolen, ob Kreuz, Rosenkranz oder Heiligenmedaille, ist, weil es einen aufrichtigen Verbundenheitswunsch mit dem Himmel zeigt, sich zeigen traut, ...
- und so wertvoll Gottesdienste und Gebete in jeder Form sind, weil etwas Größeres über sich anerkennen eine heilsame Selbstrelativierung ist und Halt verleiht, der tiefer gründet als das eigene Ego, ...
- so wertvoll all das beispielhaft Aufgezählte ist, so wenig fordert es der heutige Evangelientext für die Letztbeurteilung ein, ... sondern beschränkt sich auf das Wichtigste: tatkräftige Menschlichkeit!

Ein wenig Barmherzigkeit, es bleibt auch in einem Sozialstaat noch Handlungsbedarf und wie erwähnt, die Welt und unser Glaube enden nicht in Österreich, katholisch meint universell.
Aber unser Glaube öffnet uns für, ja schließt uns zusammen mit allen Menschen guten Willens, die es auch so sehen: Es tut immer wieder ein wenig Barmherzigkeit not, damit Zusammenleben gelingt. Prinzipientreue, unumstößliche Grundsätze, es braucht sie, aber zu viele sollten es nicht sein! Als Prinzip fällt mir die sogenannte Goldene Regel ein, die auch im Matthäusevangelium steht: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!" (7,12) Und dann Camus nicht vergessen, weil er die Sinnspitze des Gleichnisses vom Weltgericht nicht verfehlt, sondern hebt: Prinzipien, Grundsätze im Leben, ja, aber „für das Meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit." - Amen.


Bild: unsplash, Priscilla du Preez

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