Von der Sehnsucht

Predigt zum Nachlesen von Prof. Nikolaus Wandinger, 3. Adventsonntag

Symbol

Gedanken zu Gaudete 2023 (LJ B)

Lesungen: Jes 61,1-2a.10-11; (1 Thess 5,16-24); Joh 1,6-8.19-28

Liebe Gläubige,

haben Sie eigentlich Sehnsucht nach etwas oder nach jemandem? Und wenn ja, glauben Sie, dass das etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist? Und wie kann man zwischen beidem unterscheiden?
Ich denke, es gibt Verlangen oder Begehren, die durchaus problematisch sind: Wenn ich nur für mich etwas will und mir andere dabei egal sind; wenn das, was ich will, etwas ist, was schon jemand anderem gehört; oder, wenn ich etwas genau deshalb will, weil ich damit eine andere Person ausstechen oder übertrumpfen kann; wenn ich etwas auf Teufel komm raus will und dabei bereit bin, über Leichen zu gehen. In diesen Fällen ist Begehren etwas sehr Problematisches. Und weil diese Fälle ja gar nicht so selten vorkommen, hat sich in vielen Religionen und Morallehren – auch bei uns im Christentum – die Überzeugung gebildet, dass das Begehren an sich schon problematisch sei. Man solle eher genügsam und bescheiden sein. Und – ich sage das mal so – das ist nicht falsch. Und doch, denke ich, gibt es ein Begehren, das ganz anders geartet ist. Und weil es so anders ist, nenne ich es lieber nicht „Begehren", sondern „Sehnsucht". Das andere Wort allein macht es sicher noch nicht unproblematisch, nicht jede Sehnsucht ist schon gut. Aber ich möchte behaupten, unsere tiefste Sehnsucht, die Sehnsucht, die tief und eigentlich unausrottbar in uns eingeschrieben ist, ist ein Geschenk Gottes. Ich denke da an die Sehnsucht nach Frieden, nach Liebe, nach Angenommensein, die Sehnsucht nach Ganzheit und Heil.

Vielleicht werden sich jetzt manche von Ihnen fragen: Wie kann eine Sehnsucht ein Geschenk Gottes sein? Müsste nicht die Erfüllung dieser Sehnsucht ein Geschenk Gottes sein, die unerfüllte Sehnsucht ist doch aber eine Zumutung, ja oft sogar wie eine Folter. Wir sehnen uns so sehr nach diesen Dingen – und vermissen sie doch so oft!
Liebe, Friede, Geborgenheit, Angenommensein, Heil sind allerdings nur sehr unzureichend benannt, wann man sie „Dinge" nennt. Es handelt sich um Beziehungen zwischen Personen. Deshalb sind alle Versuche vergeblich, die Sehnsucht danach durch eigenes Machen und eigene Leistung zu stillen. Liebe kann man nicht kaufen. Der Ersatz für Liebe, den man mit Geld kaufen kann, ist eine Verhöhnung der Liebe. Und so auch für all die anderen Beziehungsqualitäten, die ich genannt habe. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht um sie bemühen könnte, dass man nicht Haltungen einnehmen und ein Verhalten an den Tag legen könnte, die es anderen leichter machen, uns zu lieben, mit uns Frieden zu halten oder zu schließen, uns anzunehmen. Und doch: Selbst dann, wenn wir uns bemühen, kann es misslingen. Und manchmal kann die Erfüllung geschenkt werden ohne dass wir uns bemühen. Ich bin schlecht drauf, eher niedergeschlagen und mürrisch und laufe missmutig durch die Stadt – da lächelt mich ein völlig fremdes Kind aus einem Kinderwagen an. Ja, nur, eine Winzigkeit, ein kleiner, unbedeutender Zufall – aber er hellt meine Stimmung auf.

Letztlich wollen wir mehr. Letztlich haben wir Sehnsucht danach geliebt und angenommen zu werden, so wie wir sind – ohne Bedingungen. Wir sehnen uns nach geglückter Beziehung, die uns frei geschenkt und bedingungslos gegeben wird. Zwischen Menschen ist das schwierig, am ehesten geht es noch mit kleinen Kindern. Aber da wir Menschen alle bedürftig sind, können wir nur sehr schwer bedingungslos lieben.

Anders ist das bei Gott. Er ist nicht bedürftig, darum kann nur er diese Sehnsucht erfüllen. Der große Theologe Augustinus hat dies in einem Gebet an Gott so ausgedrückt: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir." Es ist schon richtig, die Unruhe, die uns beherrscht, solange wir nicht in Gott ruhen, die kann unangenehm sein und wir wären sie gerne los. Doch diese Unruhe ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach Gott und die Sehnsucht nach Gott ist selbst schon Gottes Geschenk an uns, das uns erst befähigt, uns von ihm annehmen zu lassen.
Davon sprechen auch die sieben besonderen Antiphonen, die an den letzten sieben Tagen vor Heiligabend von der Kirche gebetet werden. Heute ist der erste dieser sieben Tage. Zur Kommunion wird das Collegium Vocale diese Antiphon in der Vertonung von Arvö Pärt vortragen:

„O Weisheit,
hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten –
die Welt umspannst du von einem Ende zum andern,
in Kraft und Milde ordnest du alles:
o komm und offenbare uns
den Weg der Weisheit und Einsicht."

Alle diese Antiphonen greifen Erscheinungsweisen Gottes aus dem Alten Testament auf, verbinden Sie mit Christus, den wir erwarten, und enden mit der Bitte „o komm" und einer Konkretisierung, was wir uns davon erhoffen.
„O komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht." „O komm und befreie uns mit deinem starken Arm!" „O komm und errette uns"; „O komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!" „O komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes!" „O komm und errette den Menschen"; und schließlich: „O komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und unser Gott!"

Aus diesen Texten spricht eine tiefe Sehnsucht, ein tiefes Verlangen nach der Nähe Christi; und eine große Hoffnung, dass dieser Christus wirklich Erlösung bringt. Für uns heute stellt sich die Frage: Empfinden wir auch die Sehnsucht, die aus diesen Texten spricht? Oder haben wir schon aufgegeben, weil die Welt 2.000 Jahre nach Christus immer noch im Argen liegt? Verdrängen wir vielleicht unsere tiefste Sehnsucht, weil wir die Hoffnung verloren haben, dass Gott sie erfüllen könnte?

Ich möchte uns heute Mut machen, zu dieser Sehnsucht zu stehen und die Hoffnung auf ihre göttliche Erfüllung wach zu halten. In der Lesung wurde uns zugesagt, dass der Gesandte Gottes kommt. Auch Johannes im Evangelium verkündet uns das. Aber er gibt uns auch zu bedenken: „Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt." Das gilt wohl auch für uns. Die Erfüllung unserer Sehnsucht ist oft vielleicht näher als wir wahrnehmen und wir erkennen sie doch nicht. Darum bittet die Antiphon heute um die Weisheit, sie zu erkennen.
In einer Woche schon feiern wir die Geburt des Kinds in der Krippe, durch die Gott sich bedingungslos und unwiderruflich mit der ganzen Menschheit verbindet. Unser Glaube sagt: Dieses Kind ist die Zusage Gottes, dass unsere tiefste Sehnsucht nicht ins Leere geht, nicht unerfüllt bleibt, sondern er uns angenommen hat als Brüder und Schwestern seines Sohnes.
Das Kind im Kinderwagen, das mich angelächelt hat, – ist dieser kleine Zufall wirklich so unbedeutend? Kann nicht auch in ihm eine tiefere Dimension verborgen sein? Ist nicht in jeder geglückten menschlichen Begegnung, auch in den flüchtigen und zufälligen, ein Abglanz jener Beziehung verborgen, die Gott uns schenken will?
Gott sagt uns in seinem Sohn zu, dass er sich uns letztlich ganz und in Ewigkeit schenkt. Er nimmt uns in seinem Sohn an als seine Söhne und Töchter und führt uns in eine endgültige, absolute Geborgenheit. Geben wir die Sehnsucht und Hoffnung danach nicht auf, denn bereits sie sind Gottes Geschenk.

 

Prof. Nikolaus Wandinger
Jesuitenkirche, 17.12.2023, 18:00 Uhr Abendmesse


Foto: Paul Hanaoka via unsplash.com

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