Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Eine kleine orange Latzhose, wie sie kleine Kind mit eineinhalb Jahren anhaben, war das Einzige, was ihn an seinen Ursprung erinnerte. Eine orange Latzhose hatte er an, als er bei seinen Adoptiveltern in Deutschland ankam. Er war als Baby auf die Treppe eines Waisenhauses gelegt worden, bis er mit eineinhalb Jahren eine lange Reise um die halbe Welt antrat, um eine Familie zu finden. Ich war bewegt, als mir mein Freund seine Geschichte erzählte, und ich verstand emotional: Es ist schmerzlich, es ist verunsichernd und quälend, wenn man den eigenen Ursprung nicht kennt, wenn er völlig im Dunkeln liegt!
Weihnachten, wir hören im Gottesdienst Ursprungsgeschichten. Weihnachten, eine Zeit, in der wir uns nach unserem Ursprung sehnen! Das säkularisierte Weihnachten ist das Fest der Familie. Wir gehen an unseren Ursprung und sehnen uns nach Zugehörigkeit.
Ursprungsgeschichten, sie helfen uns, uns besser zu verstehen, wer, wie wir sind und was hilfreich ist zu erinnern, wenn wir uns weiter entwickeln wollen.
Ursprungsgeschichten, sie erzählen keine Nebensächlichkeiten. Wie alles begann, ist nicht unwichtig, es ist wesentlich. Es ist wohltuend und erleichternd, wenn sich einem mit Blick auf den Anfang Manches an einem erklärt. Was sich einem erklärt, kann man leichter annehmen und gestalten.
Wir wünschen uns alle kraftvolle und liebevolle Ursprungsgeschichten! Sicherlich: Die Auseinandersetzung mit unserem Ursprung kann auch schmerzlich sein. Manches tut weh, hätten wir uns, von Anfang an, anders gewünscht ... Dennoch: um weiterzukommen, ist Wissen um den Ursprung besser als Ungewissheit! Weihnachten, wir hören Ursprungsgeschichten in der Kirche. Auch hier: Kraftvoll und liebevoll wünschen wir sie uns. Kraftvoll, was gibt mir aus den Ursprungsgeschichten, die mir die Bibel erzählt, Kraft? Gott, was ist für mich wesentlich an ihm, wo ich hoffe, mir wünsche, dass es auch in mir ist, mich prägt? Kraftvoll, meint es auch, ein bisschen stolz sein dürfen, auf das, wo man herkommt?
Es würde mich glücklich machen, wenn Gott seine Gabe der Friedfertigkeit in mich, auch in mich gelegt hätte! Friedfertigkeit, der Wille, das Vermögen, Frieden zu schließen und zu bewahren.
Friedfertigkeit, in der Heiligen Nacht hieß es im Evangelium: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens" (Lk 2,14) und heute: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf" ... und doch bleibt Gott friedfertig und wendet sich denen zu, die von seiner Art sein wollen: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben". (Joh 1,11f) Die an seinen Namen glauben, an seinen Namen, der für Friedfertigkeit steht, der über die Krippe hinaus für gekreuzigte und nicht für kreuzigende Liebe steht!
Es bleibt für mich unerträglich, wenn der Name Gottes, in welcher Sprache auch immer, vor Schand- und Gräueltaten, vor Mord- und Kriegszügen ... angerufen wird oder wenn in Teheran und in Moskau „Heilige Kriege" ausrufen werden! Welch schreckliche Wesensverfremdung Gottes, und welch peinliches Eingeständnis, nichts in religiöser Herkunftsforschung dazugelernt zu haben! Ja, es macht mich stolz, dass ich nicht von einem Haudrauf abstamme, sondern von einem allmächtigen und doch friedfertigen Wesen! Ich hoffe, dass es mir Kraft zum Frieden gibt, wenn ich die Möglichkeit hätte, in Tat oder Wort zu- oder zurückschlagen, dass sein friedfertiges Wesen mich dann prägt.
„Vielfältig und auf vielerlei Weise", hörten wir Hebräerbrief, „hat Gott ... gesprochen ..., am Ende ... hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens". (Heb 1,1ff) Göttlicher, liebevoller Friedfertigkeit gleichen, Abbild sein dürfen. Warum findet Menschheit so schwer zum Menschsein, zum Wesentlichen? Welcher Schmerz muss das im übrigen im Himmel sein, bei dem Einsatz, den der Himmel erbracht hat, diese je neuen Wesensentfremdungen, Entmenschlichungen auf Erden mit ansehen zu müssen?
Es gibt ein Gebet im Messbuch, das nicht im Weihnachtsfestkreis steht, das für mich aber den Wunsch nach kraftvollen, liebevollen Ursprungsgeschichten auf den Punkt bringt. Es bewegt mich jedesmal, wenn ich es als stärkende Erinnerung für alle - es ist ein Schlussgebet - am Ende der Messe beten darf:
Gott, unser Vater,
dein Sohn hat uns von dir Kunde gebracht.
Er hat uns erkennen lassen, wie du bist:
groß in deiner Huld für deine Geschöpfe,
gewaltig in deiner Hoheit,
wehrlos in deiner Liebe.
Vater, wir sagen Dank durch deinen Sohn ...
Ja, auf unseren Ursprung können wir stolz sein! Und er liegt nicht im Dunkeln, wir können an ihm wachsen, reifen, zu Menschen werden, die menschlich sind. - Amen.
Bild: Heindl SJ