Maria - Möglichkeitsraum Zukunft

Predigt zum Nachlesen von P. Bernhard Heindl SJ, Hochfest der Gottesmutter Maria

Symbol

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Ein Marienfest eröffnet das neue Jahr. Liturgisch macht das Sinn, es ist der achte Tag nach Weihnachten, der Oktavtag von Weihnachten und keine Menschwerdung Gottes ohne Maria. Mir ist der heutige Marienfesttag auch deshalb sympathisch, weil ich zu Beginn des neuen Jahres alle positiven Kräfte in mir aktivieren will! Maria, sie wird Muttergottes, Miterlöserin und Himmelskönig genannt, aber mir ist an Maria wichtig, dass sie ... ein Ja gesprochen und damit einer nicht leicht vorstellbaren, einer visionären Zukunft einen Möglichkeitsraum eröffnet hat.

Keinen der Titel möchte ich Maria absprechen, das kommt mir gar nicht zu. Aber für meine Alltagspiritualität brauche ich sie einfach als einen gläubigen Menschen, der positiv, kreativ und mutig in die Zukunft blickte. Historisch wissen wir wenig von Maria. Der Schmuck, mit dem theologisches Denken sie beschenkt, ist beachtlich und prächtig. Aber am Kostbarsten bleibt für mich ihr gesprochenes Ja, an dem auch ich mich festhalten kann. Ich rufe Maria an, ich spreche zu ihr, damit auch ich fähig bleibe, Gott ein Ja zu geben. Ich bitte sie, mir zu helfen, dass meine Jas Jas bleiben und nicht schleichend zu Neins werden. - Das ist meine Marienfrömmigkeit.

Für meine Alltagsbewältigung, für meine Alltagsspiritualität brauche ich positive Inspiration und Bestärkung. Ein Nein bekomme ich selber hin. Neulich habe ich einen Satz gelesen, der mich innehalten ließ, da stand: „Viele von uns [sind] im Allgemeinen chronisch pessimistisch, und zwar ständig, in Bezug auf so ziemlich alles, fast so, als wäre Pessimismus eine intellektuelle Leistung." (S. 25)

Er ist aus dem Bestseller „Zukunft - Eine Bedinungsanleitung", geschrieben von der deutsch-französischen Politikwissenschaftlerin, Florence Gaub. Ihr Buch wollte ich lesen, weil mir Frau Gaub, derzeit als gefragter Gast in gesellschaftspolitischen Talkshows im Fernseher, aufgefallen ist. Ihr klarer, positiver Grundton, auch in lebhaften Debatten, hat mich angesprochen. Frau Gaub attestiert uns als Gesellschaft nach jahrzehntelanger Planungssicherheit und über Anspruchsdenken eine Zukunftsfaulheit. Es gäbe ein Gefühl der Ohnmacht, dass die Zukunft nicht zu gestalten ist. Wir wagten keine echten positiven Zukunftsprognosen mehr, sondern würden uns darauf beschränken, eine negative Zukunft zu vermeiden.
Sie ist alles andere als eine Verschwörungstheoretikerin, leugnet Klimawandel und andere mögliche Katastrophen nicht, bringt aber aus der Gehirnforschung ein, dass zu viel Katastrophenangst das Gehirn lähmt. Frau Gaub will unser Zukunftsdenken aus der Untergangssackgasse herausholen und unseren „Zukünften" als Menschheit, denn nicht nur ein positiver Verlauf ist denkbar, einen Möglichkeitsraum eröffnen oder wiedereröffnen. Sie möchte den Möglichkeitsraum Zukunft mit Ideen befüllen, denn je mehr Ideen wir entwickeln, um so größer ist die Chance, dass eine gute dabei ist.

Positiv und zukunftsorientiert denken, sind wir als religiöse Gemeinschaft dazu fähig oder gleichen wir einer permanenten Rückrufaktion: Alle umkehren, zurück ins verlorengegangene Paradies! Aber vielleicht können wir als religiöse Gemeinschaft der Zukunft oder unseren möglichen Zukünften als Menschheit einen Dienst über unsere Erinnerungskultur leisten. Im heutigen Evangelium hieß es: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen." Nach der Gehirnforschung wird Zukunftsbewusstsein über Vergangenheitserinnern entwickelt. Manchmal beneiden wir kleine Kinder, dass sie so hingebungsvoll im Hier und Jetzt leben, doch die Wahrheit ist, um sich Zukunft vorstellen zu können, brauchen wir Erinnerungen, eine Erinnerungsdatenbank, mit der wir den Möglichkeitsraum Zukunft befüllen können. Kleine Kinder sind in der Gegenwart, weil ihnen für mögliche Zukünfte, die Datenbank fehlt.

Vergangenes im Herzen bewahren, nicht um es festzuschreiben und es als unabänderbar zu deklarieren, sondern um es in Zukünftiges, es für zukünftig Denkbares zur Verfügung zu haben, um die Zukunft anzureichern, zu gestalten. Maria bewahrte und erwog. Sie bewahrte sicherlich ihr Ja und erwog, welche Zukunft daraus erwachsen könnte? Eine spektakuläre, denn die Menschen zu ihrer Zeit waren befangen mit Katastrophendenken, Apokalyptik lag allerorts in der Luft ... und dann wendet ein Ja die für alle befürchtete Katastrophe zum Guten.

Ein Ja ermöglicht es, Gott innovativ zu sein, ohne den sicher geglaubten Untergang aller herbeizuführen. Ein Ja füllt den Möglichkeitsraum Zukunft der Menschheit neu auf, gibt allen das Potential zu neuen Menschen zu werden. Wir zählen das Jahr 2024, wir erinnern zum 2024. Mal den Neuanfang in Jesus Christus. Sich an persönliche Christuserfahrungen, an Menschsein nach dem Vorbild Jesu erinnern, das ist für mich keine Rückrufaktion, sondern ein positives Potential, das wir noch nicht ausgeschöpft haben.

Oder mit Hilfe Marias ein positives Zukunftsbewusstsein entwickeln. Maria ist nicht wie ihr Umfeld in Katastrophenangst erlahmt. Sie hat Gott das Ja gegeben, dass er für Innovation brauchte. Ein Marienfest, für mich eine gute Tür, um auch 2024 in den offen Möglichkeitsraum Zukunft einzutreten. - Amen.


Bild: Matisse, Vatikanische Museen

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