Tirol hat einen Ruf als „heiliges Land". Ein Grund dafür liegt darin, dass hier früher viel gebetet wurde: bei jedem Essen, mittags den „Engel des Herrn", am Freitag um 3 zur Sterbestunde Jesu, oft abends den Rosenkranz. So war der ganze Tag geprägt von der Verbindung mit Gott. Immer wieder und regelmäßig haben viele Menschen hier sie gesucht. Es hat ihnen Kraft gegeben, auch in oft schweren Zeiten.
Im Islam gehört zu den Pflichten der Gläubigen, fünfmal am Tag zu beten. Auch daraus resultiert die Stärke dieses Bekenntnisses, und es stellt uns vor die Frage, wie es diesbezüglich mit uns steht. In gleicher Weise befragen uns die eigenen, jahrhundertealten Traditionen unserer Vorfahren: Welchen Platz hat Beten in unserem Leben? Dazu möchte ich einen Vergleich wählen, der Manchen vielleicht als gewagt erscheint, nämlich Tanzen, mit dem Beten in der Tat Vieles gemeinsam hat. Mit der Hilfe dieser zwei Tanzpaare, Diana mit Martin und Alexandra mit Gabriel, will ich fünf parallele Momente vorstellen.
1) Wer beginnt?
Die Aufforderung zum Tanz geht in unserer Kultur in der Regel vom Mann aus: „Darf ich bitten?" lautet die Einladung an die Partnerin.
Unser Erleben beim Beten ist auch, dass wir damit beginnen und hoffen, dass Gott hört und mit uns mitgeht. Wir meinen, die Initiative liege bei uns.
In Wahrheit aber ist es umgekehrt, wie bei „Damenwahl".
Längst bevor wir uns an Gott wenden, hat er uns dazu eingeladen durch seinen Geist, der in uns ruft: „Abba! Vater!" (Galater 4,6). Dass wir ihn ansprechen dürfen und können, ist zuerst sein Geschenk, für das wir nur dankbar sein sollen.
2) Worauf kommt es an?
Tanzen setzt ein achtsames, feinfühliges Miteinander voraus, ebenso wie eine wohlwollende Einstellung zu Partnerin oder Partner. So kann die körperliche Nähe verbindend wirken, Freude schenken. Das Eingehen in den Bewegungen aufeinander vermittelt Gefühle, die über die eigene Person hinausheben und Einheit erfahren lassen.
Dies gilt auch fürs Beten: Es ist ein Zeichen, dass wir Gott mögen und auf ihn hören wollen. Es verlangt zu spüren, was er von uns möchte und wohin er uns führen will. Wie beim Tanzen ist auch beim Beten unser Körper beteiligt, in der Haltung wachen Stehens, aufnehmenden Sitzens oder anbetenden Knieens. Wenn Gott uns dabei seine Nähe spüren lässt, ist es ähnlich beglückend wie bei einem beschwingten Walzer.
3) Lebendigkeit des Tanzens
Tanzen ist nie gleich oder eintönig. Es kennt verschiedene Rhythmen, 3/4 und 4/4 Takt, viele Melodien in der begleitenden Musik, unterschiedliche Haltungen, Schrittfolgen, Drehungen usw. Eine schmeichelnde Rumba lässt anderes empfinden als ein zackiger Paso Doble, eine Polka wird verschieden erlebt als ein Foxtrott, und ebenso löst ein Tango anderes aus als ein langsamer English-Waltz.
So ist es auch mit dem Beten: Es soll lebendig sein und dem entsprechen, was uns bewegt und wir Gott schenken möchten. In Not dürfen wir klagen und ihm unser Herz ausschütten. Beim Erleben schöner Augenblicke sollen wir danken. Die herrliche Schöpfung in unserer Heimat ist Einladung zum Staunen und Loben. Psalmen zu beten lässt uns einstimmen in die Jahrtausende alte Tradition gläubiger Vorfahren. Auch ruhiges Verweilen in Stille hat vor Gott seinen Platz, geduldig lauschend, was von ihm her auf uns zukommt. Es gibt noch viele andere Formen: eucharistische Anbetung, singen, das meditative Jesus-Gebet, bitten um Vergebung, wie in der Lesung aus Hosea 14,2–6. – Es kommt immer nur darauf an, unser vielfältiges Leben mit Allem vor ihn zu tragen.
4) „Herr, lehre uns tanzen!"
Bei der Show „Dancing Stars" hat jedes Paar jeweils eine(n) Profi-Partner(in) gehabt. Sie haben mit ihren weniger erfahrenen Partnern geübt, ihnen wichtige Hinweise gegeben und vorgezeigt, wie es leichter, schöner, freudiger geht. Das Training hat sich über Wochen und Monate hingezogen. Gleiches gilt für alle, die Tanzen lernen wollen. Andere müssen es zeigen und mit ihnen üben.
Die Bitte der Jünger Jesu aus dem Evangelium, „Herr, lehre uns beten!" (Lukas 11,1), entspricht im geistlichen Leben dieser Erfahrung. Von unserer Seite bedarf es der Sehnsucht und des Wunsches, dabei angeleitet zu werden, uns führen zu lassen von Gottes Geist, der in uns lebendig ist, auch bereit zu sein, mutig neue Formen zu suchen.
Wo wir Gott Zeit dafür geben – die er uns freilich voraus überreich geschenkt hat – wird er dabei unser Profi-Tanz- und Gebetspartner und -Trainer. Es ist mit ihm aber nicht nur ein „üben", sondern gleichzeitig bereits echter Vollzug.
Es lohnt sich! Betende haben eine Ausstrahlung, sie erfahren ihr Leben von Gott her in einer Freude und Tiefe, die über die Oberfläche unserer Welt sich ab- und erhebt, erfüllend ist sowie Frieden und Zufriedenheit schenkt.
„Wer zu Gott spricht, betet. Wer ihm singt, betet doppelt" (Augustinus). Wer für und mit Gott tanzt, betet dreifach (indisches Sprichwort).
5) Wie Tanzen beenden?
Höfliche Partner bedanken sich am Schluss.
Gleiches gilt für das Beten. Vor allem, wenn wir am Ende eines Tages vor Gott darauf zurückblicken, wie er uns geführt und mit uns getanzt hat, ist jedes Mal Danken angebracht. Keine Sekunde unseres Lebens ist selbstverständlich, alles ist sein Geschenk, und dafür gebührt ihm Lob.
So bitten wir ihn am Ende dieser Betrachtung zu Tanzen und Beten: Herr, begleite Du uns auf unserem Tanz mit Dir durch unsere Welt! Lass uns im Beten immer wieder Deine Nähe erfahren! Und ziehe Du uns oft in dieses vertraute Sprechen mit Dir, dass wir darin treu und beständig sind!
P. Georg Fischer SJ
Bild: Andrea Painer