Wie kommt jemand zum Glauben an Jesus Christus? Wie wird man zum Jünger, zur Jüngerin Jesu? Was muss geschehen, damit man Jesus nachfolgt? Die heutigen Bibeltexte sind Berufungsgeschichten. Sie erzählen davon, wie Berufung geschieht, wie Menschen zum Glauben kommen. Sie erzählen davon, wie Gott ins Leben einbricht.
Johannes der Täufer schaut Jesus an, er richtet seinen Blick auf ihn, nimmt ihn aufmerksam wahr, nicht nur beiläufig, sondern mit ganzer Kraft. Und er bekennt: „Seht, das Lamm Gottes!" Johannes ist bereits zum Glauben gekommen, denn nur mit den Augen des Glaubens kann man Jesus so erkennen: Jesus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. In Jesus kommt Gott selbst auf uns zu, in Jesus schenkt Gott uns seine rettende Gegenwart. Durch Jesus werden wir erlöst von der Gottesferne und hineingenommen in die Barmherzigkeit und Gnade Gottes. Jesus ist unser Heil, er versöhnt uns mit Gott, schenkt uns Anteil an seiner Gerechtigkeit, Anteil an seiner Sohnschaft. Das glaubt Johannes. Und diesen Glauben bekennt er, gibt ihn weiter, bezeugt ihn anderen, damit auch sie das Heil für ihr Leben erkennen.
Auf das Wort des Johannes hin werden die Jünger neugierig; sie folgen Jesus. Und dann beginnt ein Gespräch, ein gegenseitiges Vertrautwerden, ein gemeinsamer Weg: „Was sucht ihr? Was wollt ihr von mir?" – „Wir möchten dich kennen lernen, wir möchten wissen, wer du bist, wo du wohnst, wo deine Bleibe ist, woraus du lebst. Wir möchten dein Geheimnis entdecken. Wir möchten wissen, ob Johannes Recht hat."
Jesus lädt die Jünger ein zu sich, in sein Eigenes, er will alles mit ihnen teilen. Und die Jünger kommen der Einladung nach, sie bleiben bei Jesus, verbringen Zeit mit ihm, sprechen mit ihm, stellen Fragen, lassen sich die Antworten gesagt sein. Es geschieht wirkliche Begegnung. So ist es auch heute, wenn jemand berufen wird, wenn jemand zum Glauben kommt. Es geht darum, mit Jesus vertraut zu werden, sich wirklich seiner Botschaft zu öffnen, aufmerksam Fragen zu stellen, sich ansprechen zu lassen, mit ganzem Herzen hinzuhören. Es geht um eine Bewegung weg von der Oberfläche, hinab in die Tiefe, wo wirkliche Begegnung stattfinden kann.
Wenn ich heute die christliche Botschaft höre, dann höre ich das Wort Gottes, das Jesus zu mir spricht. Und wenn ich dieses Wort aufgrund seines Inhaltes verstehend annehme, wenn ich es mir gesagt sein lasse als die tiefste Wahrheit über mein Leben, dann komme ich zum Glauben, dann wird Gottes Liebe für mich Wirklichkeit. Und das ändert dann alles, auch wenn der Glaube ein Weg ist, der durch dunkle Täler führt und manchmal in Sackgassen zu enden scheint. Dann geht es darum, wieder neu zu beginnen mit dem Hören.
Am Anfang steht das Wort, und das aufmerksame Hören auf dieses Wort, Offenheit für das Wort, Wertschätzung des Wortes. Das durfte auch Samuel lernen, der große Prophet des alten Bundes.
So wie die Jünger, die zum Glauben an Jesus Christus kommen. Das Wunder geschieht. Denn es ist ein Wunder im strengen Sinn, wenn jemand zum Glauben kommt. Diesen Glauben bezeugen sie sofort, teilen ihn anderen mit. „Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus – der Gesalbte." Jesus ist mit dem Heiligen Geist gesalbt, er ist der Geistträger, der vom Geist Gottes erfüllte, der auch andere Menschen mit diesem Geist erfüllt. In Jesus schenkt uns Gott Gemeinschaft mit sich in einer Weise, gegen die keine Macht der Welt ankommen kann. Wem das aufgeht, der muss das weitersagen, der kann das unmöglich für sich behalten. Und so ist es auch heute. Wer zum Glauben kommt und erfasst, worum es geht, will diesen Glauben mit anderen teilen, will das Wort weitersagen. Christen bilden Gemeinschaft um Jesu willen, sie bestärken einander im Glauben, sagen sich das Wort Gottes zu, immer wieder neu. Sonst sind sie keine Christen.
Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts, hat einmal gesagt: „Der Christ lebt ganz von der Wahrheit des Wortes Gottes in Jesus Christus. Gott hat es gewollt, dass wir sein lebendiges Wort suchen und finden sollen im Zeugnis des Bruders, in Menschenmund. Darum braucht der Christ den Christen, der ihm Gottes Wort sagt, er braucht ihn immer wieder, wenn er ungewiss und verzagt wird; denn aus sich selbst kann er sich nicht helfen, ohne sich um die Wahrheit zu betrügen. Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders, jener ist ungewiss, dieser ist gewiss. Damit ist zugleich das Ziel aller Gemeinschaft der Christen deutlich; sie begegnen einander als Bringer der Heilsbotschaft. Als solche lässt Gott sie zusammenkommen und schenkt ihnen Gemeinschaft."
Die Geschichte der christlichen Berufungen beginnt mit Jesus und seinen Jüngern, und sie geht weiter: Einer bezeugt es dem anderen, einer wird für den anderen zum Christus. So geschieht Berufung auch heute. Und jeder von uns hat seine eigene, ganz persönliche Berufungsgeschichte.
Wenn wir jetzt Eucharistie feiern, dann lädt uns Jesus zu sich ein, in sein Eigenes. Er will alles mit uns teilen, sein göttliches Leben, seine Gemeinschaft mit dem Vater. In der Eucharistie werden wir eins mit Jesus Christus. Für die Augen des Glaubens ist Jesus gegenwärtig in den gewandelten Gestalten von Brot und Wein: „Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt."
Gebe Gott, dass wir Jesus so anschauen können und auf sein Wort vertrauen! Amen.
Foto: Heindl SJ