Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dem Wort Mitleid geht. Mitunter stößt es auf Ablehnung: Ich brauche kein Mitleid! Mitleid, ein Wort, das man nicht gern mit sich in Verbindung bringt. Vielleicht der Versuch, die Selbstachtung zu wahren, wenn ich mich herablassend behandelt fühle oder es zumindest fürchte. Über das Fremdwort kommt das Wort Mitleid annehmbar in unseren Wortschatz zurück: Sympathie. Wer hat schon was gegen Sympathie, wer will nicht sympathisch sein?
Sympathie: Die sich spontan ergebende gefühlsmäßige Zuneigung zu jemanden, zueinander. Als eine weitere Definition von Sympathie habe ich auch gefunden: Die Verbundenheit aller Teile des Ganzen, sodass, wenn ein Teil betroffen ist, auch alle anderen Teile betroffen sind. Mitleid, Sympathie, Ausdruck eines Verbundenheits-, eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Diese Form von Mitleid fände ich eine Auszeichnung für jede Gemeinschaft!
Fastenzeit 2024: Unser Verbundenheits-, unser Zusammengehörigkeitsgefühls stärken, niemanden ausschließen. Einander im Blick behalten. 8 Kreuzestafeln, gestaltet vom Tiroler Künstler Hans Seifert, haben wir für Sie aufgestellt. Es gibt in unserer Kirche keinen festinstallierten Kreuzweg, nun aber einen „vorübergehenden Kreuzweg". Vorübergehend: Bis Sonntag, 17. März, können sie Ihn mit einer kurzen Anleitung, kurzen Impulsgedanken des Künstler abschreiten. Schreiten Sie ihn mit etwas Zeit ab, nehmen Sie die Tafeln im langsamen Vorübergehen wahr und schauen Sie, welches Bild, welche Bilder Ihnen insbesondere zu Herzen gehen, Ihr Herz ansprechen, berühren.
In der Lesung aus dem Buch Joel hörten wir: Zerreisst eure Herzen, nicht eure Kleider ... (und kehrt um, zum Herrn!). Bilder bewegen, bewegen unser Herz. Ein Kreuzweg, das sind herzzerreißende Bilder und der erste Impuls ist vielleicht lieber weg-, als hinsehen! Hans Seifert lädt zum Hinsehen ein, er sagt: Wegschauen, damit ich nicht traurig werde? - Nicht der richtige Weg! - Ein Kreuz geht vielleicht nicht weg, wenn es gesehen wird, aber es wird kleiner, erträglicher.
Fastenzeit 2024, Sympathie empfinden, nicht wegsehen, aufeinander schauen. Zerreisst eure Herzen ... Ich erinnere mich an ein herzzerreißendes Bild, das um die Welt ging, das in meinem visuellen Gedächtnis fest verankert ist und immer wieder in mir aufscheint, wenn es um Flüchtlinge geht ... und ich wegschauen will. 2015 war das Bild in den Nachrichten. Ein kleiner syrischer Junge liegt ertrunken am Strand, am Strand des Mittelmeeres. Mir war, als hätte damals nicht nur ich, sondern ... die Welt, kurz den Atem angehalten!
Alan Kurdi, der Name des kleinen Jungen, den ich nicht vergessen will. Ein Bild, das keine Ausflucht zuließ: Das kann, das darf nicht sein! Irgendjemand muss dich aufheben und in den Armen wiegen. Warum, Alan, bist Du nicht auf dem Spielplatz? Dort gehörst Du hin und nicht hierher! Das Kreuz der Geflüchteten, auch für sie ist eine Tafel, eine Kreuzestafel aufgestellt.
Fastenzeit 2024, sich die Kreuze dieser Welt zu Herzen gehen lassen, nicht wegsehen. Im Namen Gottes, mit der Hilfe Gottes unseren Herzenskompass neu justieren, damit er uns in die ... richtige Richtung weist, in Richtung Mitleid, das nicht wegsieht, sondern seine Stimme erhebt und nach Kräften hilft! Sympathie: Die Verbundenheit aller Teile des Ganzen, sodass, wenn ein Teil betroffen ist, auch alle anderen Teile betroffen sind. - Amen.
Bild: Reinhold Sigl, Kreuztafel von Hans Seifert