Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Mit dem Ende der Geschichte vom ungläubigen Thomas: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben", sind wir gemeint! Wir sind Christus nicht leibhaftig begegnet, kennen ihn vom Hören, vom Zeugnis anderer. Mit diesem Satz: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben", schaut uns Johannes gleichsam direkt an und sagt frei wiedergegeben: „Glaubt nicht, dass ihr schlechter dran seid als die, die alles gesehen haben. Glauben erschöpft sich nicht im Augenschein. Hört, was ich von Christus zu berichten weiß ... und wo ihr innerlich angerührt seid, da schaut genauer hin, da bleibt. Ihr werdet sehen, so „funktioniert" oder besser so ereignet sich Glaube!"
Auf die Schrift hören und wo man innerlich angerührt ist, genauer hinschauen, verweilen wo man im Innersten angesprochen ist. Nicht weglaufen, sondern das Gehörte an sich heranlassen, es wirken lassen. Kurz: Sich vom Wort Christi existentiell berühren lassen, ... das ist Glaube! Wir können mit Thomas lernen: Glauben, heißt nicht: ... Bedingungen erfüllt sehen, ... alle Zweifel zerstreut bekommen, ... handfeste Beweise sammeln, ... gänzlich begreifen, verstehen. (Ein Philosophieprofessor sagte einprägsam: „Alles, was Sie 'er-denken' können, können Sie auch 'zer-denken'. Ein gänzlich verstandener, begriffener Gott ist erdacht und hat keinen Bestand!") Glauben, heißt: der existentiellen Berührung nicht ausweichen, ... sich berühren lassen!
Christus zeigt es Thomas, demonstriert es ihm leibhaftig, am eigenen Leib: Er lässt sich von Thomas berühren. Seine Botschaft an Thomas: „Such weniger nach augenfälligen Beweisen, lass du dich vielmehr von mir anrühren, nicht umgekehrt!" Christus wünscht uns zu berühren. Er will uns existentiell anrühren, sich darauf einzulassen ist Glaube! Und Christus demonstriert Thomas weiter am eigenen Leib: Es gibt nichts zu verstecken, zu beschönigen, was vor der Berührung geschützt werden muss! Der Auferstandene lässt sich am wundesten Punkt, an seinen Wundmalen, an Stellen berühren, wo Heilung noch Not tut, ... noch nötig ist. Der Lerneffekt: Thomas, wir alle, können Christus alles, alle geschlagenen Wunden zeigen, körperliche und seelische, fremd verursachte wie selbst zugefügte. Und beide Verletzungsarten können schmerzen, die eigen wie die fremd zugefügten! Der Auferstandene, ein Vorbild, denn kein Stolz, keine Scham, hindern ihn daran, seine Wunden berühren zu lassen, der heilsamen Berührung auszusetzen.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." Wir können Christus nicht leibhaftig sehen und doch können wir glaube, denn: Glaube sitzt tiefer als Augenschein, rührt tiefer, berührt existentieller, geht unter die Haut. Wir können den Auferstandenen nicht sehen, aber ihn spüren. Anders gesagt: Er gibt sich uns zu erkennen, zu spüren, wenn wir seinem Wort Gehör schenken, unser Innerstes, unser Herz dafür öffnen. Dieses innere Erspüren nennt Ignatius in seinem Exerzitienbuch eine Trosterfahrung. Alle Zunahme an Glaube, Hoffnung und Liebe, alles was die drei sog. Göttlichen Tugenden in uns fördert, nennt er Trost. (EB 316)
Ja, wir spüren das, wenn Gott unsere Seele besucht, unser Herz anrührt. Es kehrt Frieden in uns ein, der Wunsch des Auferstandenen an die Seinen, den wir heute dreimal im Evangelium gehört haben, ist zugleich sein Erkennungszeichen: Christus begegnen, Gott begegnen, das ist das Ende allen inneren Widerstreits, plagender Zweifel, das ist Frieden, Ruhe, Harmonie, mit Gott und der Welt in mir. Glaube „funktioniert", ereignet sich auch heute noch, er kommt zu uns über das Hören. Er geschieht, wenn wir ... in uns hören, ... wenn wir schauen, wo das Wort Gottes uns anrührt und uns darauf einlassen. In der Thomas-Geschichte steht der Auferstandene als Lehrmeister vor uns und sagt: „Wo mein Wort euch anrührt, da schaut genauer hin, da bleibt, ... ihr werdet sehen, so funktioniert's auch heute noch! Lasst euch darauf ein. Ihr werdet die Wirkung spüren!"
Haben Sie eine Bibelstelle, vielleicht sogar zwei, drei Bibelstellen, die Sie anrühren, die Ihnen Frieden ins Herz schenken? Ich wünsche Ihnen solche Bibelstellen, die Glaube, Hoffnung und Liebe in Ihnen wachrufen und Ihnen Frieden schenken, Sie Glauben spüren lassen. Falls nicht, dann sollten Sie wieder einmal in der Bibel lesen und nach solchen Stellen Ausschau halten. – Amen.
Bild: Äyptisches Museum Berlin