Zwei Anekdoten zur Einstimmung: Kennen Sie Juri Gagarin? Im April 1961 umkreiste Juri Gagarin die Erde, als erster Mensch im All. Der sowjetische Kosmonaut flog fast zwei Stunden lang durch den Weltraum. Auf die Frage, ob ihm denn im Weltall Gott begegnet sei, antwortete Gagarin, er habe gesucht und gesucht, aber Gott habe er nicht gefunden. Auf seiner „Himmelfahrt" konnte Gagarin keinen Gott entdecken. Gibt es im „Himmel" also gar keinen Gott? Die atheistische Sowjetpropaganda war zufrieden.
Zweite Anekdote: Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb ein angesehener katholischer Bibeltheologe: Bei der Wolke, die Jesus vom Ölberg her aufnahm, müsse es sich um eine besonders niedrig hängende Regenwolke gehandelt haben, die vom Mittelmeer aufgezogen sei.
Liebe Schwestern und Brüder, sollen wir uns die Himmelfahrt in dieser Weise vorstellen? Wie kann man solche Missverständnisse vermeiden? Worum geht es wirklich beim Hochfest „Christi Himmelfahrt"?
In der Sprache der Bibel kann das Wort „Himmel" einmal den ganz normalen physischen Himmel meinen. Wenn wir im Glaubensbekenntnis Gott als den Schöpfer des „Himmels und der Erde" bekennen, dann ist dieser Himmel gemeint. Nichts kann ohne Gott existieren, weder Himmel noch Erde. Das ganze Universum ist von Gott geschaffen, nicht nur am Anfang, sondern zu jeder Zeit und in allen Einzelheiten. Nichts kann ohne Gott sein. Aber das Wort „Himmel" hat für die Bibel auch noch eine andere Bedeutung. Der sichtbare Himmel wird dann zum Bild für eine unsichtbare Wirklichkeit. An jedem Ort der Erde kann man, wenn die Sonne scheint, den leuchtenden Himmel über sich sehen. Er umfasst alles und ist ohne Grenze. Dadurch wird er zu einem Symbol für Gottes Herrlichkeit und allumfassende Gegenwart. In diesem Sinne meint „Himmel" nicht den geschaffenen Sternenhimmel, sondern die Wirklichkeit Gottes selbst.
Wir Menschen sind für diesen Himmel gemacht. Nichts in der Welt kann die Sehnsucht des Menschen endgültig befriedigen. Nur in Gott findet unser Herz die letzte Erfüllung. Wir brauchen den Himmel wie die Luft zum Atmen und wie das Licht in der Dunkelheit. Wir brauchen den offenen Himmel über uns, wir brauchen Gottes Liebe, sonst ersticken wir im Gefängnis unserer Endlichkeit. Das Problem ist nur, dass wir aus uns selbst nicht in den Himmel kommen können. Wir können uns den Himmel nicht verdienen, keine noch so große menschliche Leistung reicht dazu aus. Der Himmel ist für uns verschlossen. Aus eigener Kraft können wir in Ewigkeit keinen Ausgang aus unserem Gefängnis finden. Alle Illusionen sind nutzlos: Die Tür ist zu. Nur Gott kann diese Tür aufschließen. Aber wie?
Wenn wir von der „Himmelfahrt Jesu" sprechen, dann meinen wir, dass Jesus endgültig als der Sohn Gottes offenbar wird: Jesus ist nicht nur ein vergänglicher Mensch, er ist zugleich der ewige Sohn des Vaters, der uns völlig unverdient hineinnimmt in seine Gemeinschaft mit Gott. Jesus hat für immer Anteil an der Macht und Herrlichkeit des Vaters; und wir mit ihm. Alle Glaubensaussagen wollen im Grunde nur diese eine und einzige Wirklichkeit erläutern. Das Ostergeschehen beschreibt eine Bewegung von ganz unten nach ganz oben. Jesus geht durch Leiden und Tod hindurch in die Herrlichkeit des göttlichen Lebens. Mit seiner Himmelfahrt ist diese Bewegung vollendet. Aber damit ist eine Wirklichkeit gemeint, die nur im Glauben erkannt werden kann. Man kann nur durch das Wort Gottes, durch die christliche Botschaft, durch das Evangelium wissen, dass Jesus der Sohn ist, die Zweite göttliche Person, und dass wir an seiner Gemeinschaft mit dem Vater Anteil haben.
Im Markusevangelium sagt Jesus zu den Jüngern: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" Dieser sogenannte Missionsbefehl dient der Ausbreitung der Gottesherrschaft: Immer mehr Menschen sollen zum Glauben und damit zur Freiheit der Kinder Gottes kommen, immer mehr Menschen sollen aus einem letzten Vertrauen leben können. Leider wurde dieser Missionsbefehl in der Kirchengeschichte oft missverstanden. Deshalb hat das Wort „Mission" heute einen so schlechten Klang. Man soll ja nicht missionieren, jeder soll glauben, was er will. Und es ist ja auch ganz richtig: Wenn man den Glauben weitergeben will, muss jeder Zwang ausgeschlossen sein; man kann das Evangelium, die frohe Botschaft, nur in voller Freiheit annehmen. Aber das Evangelium muss allen Menschen angeboten werden, weil es die tiefste Wirklichkeit jedes Menschen zur Sprache bringt. Die tiefste Wirklichkeit jedes Menschen besteht nämlich darin, dass er von Anfang an im Himmel ist, nämlich hineingeschaffen in die Liebe des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist. Durch die Botschaft Jesu wird genau das offenbar. Und deshalb werden wir auch auf den dreifaltigen Gott getauft: Wir werden „hineingetauft" in das Leben der Dreifaltigkeit.
Man kann das Evangelium natürlich auch ablehnen. Dann muss man sich den Himmel selber machen. Und alle solche Versuche, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produzieren immer nur die Hölle. So hat es einmal der große österreichische Philosoph Karl Popper ausgedrückt. Weltvergötterung führt immer zu Unmenschlichkeit und Verzweiflung.
Wenn man sich gegenüber sachgemäßer Glaubensverkündigung verschließt, dann weiß man dabei im Grunde gar nicht wirklich, was man tut, und verfällt in Willkür, weil man keine stichhaltigen Gründe für seinen Unglauben angeben kann. Das Wort Gottes wird nur im Glauben als Wort Gottes erkannt. Aber dann hat man es auch schon angenommen. Man darf es sich gesagt sein lassen, immer wieder neu.
Christi Himmelfahrt: Der Himmel ist da, wo Gott ist. Und Jesus nimmt auch uns mit in den Himmel. Wie in einer Prozession führt Christus die Himmelfahrt der ganzen Schöpfung an. Die Himmelfahrt Christi hat erst angefangen und geschieht noch immer, auch hier und jetzt: Durch Jesus haben wir Zugang zu Gott; durch Jesus steht uns der Himmel offen, ja durch Jesus kommt der Himmel zu uns. Das Gefängnis unserer Endlichkeit, das Gefängnis des Todes und der Sünde, hat eine sperrangelweit offene Tür, die nichts und niemand mehr verschließen kann. Das ist die frohe Botschaft. Das ist auch die Botschaft von Christi Himmelfahrt.
P. Robert Deinhammer SJ
Christi Himmelfahrt, Lesejahr B
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