8./9. Juni 2024
Jesuitenkirche Innsbruck
Mk 3,20-35 (Gen 3,9-15)
Zwei wichtige Lesungen aus der Heiligen Schrift –
die Begegnung von Adam und Eva mit Gott im Paradiesgarten.
Und die Begegnung Jesu mit seiner Familie.
Im Evangelium ist Jesus mit seinen Jüngern unterwegs.
Seine Verwandten hören davon und wollen ihn mit Gewalt zurückholen. Sie sagen: Er ist von Sinnen.
Wir würden sagen: Er spinnt!
Jesus diskutiert mit den Schriftgelehrten in einem Haus. Plötzlich stehen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und lassen ihn herausrufen.
Und er sagt dann: Wer sind meine Mutter und wer sind meine Brüder? Was für eine starke Frage!
Und Jesus gibt folgende Antwort: Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.
Jesus hat also ein Familienverständnis, das über die Blutsverwandtschaft hinausgeht. Er denkt Familie größer.
Sein Kriterium ist: Wer den Willen Gottes tut,
der gehört zu meiner Familie.
Vor einer Woche habe wir Pater Otto Muck hier in der Krypta bestattet. Er war 95 Jahre alt, Jesuit und Philosoph.
Von seiner engeren Familie leben noch eine Großnichte und ein Großneffe. Beide waren da –
und dazu noch mehr als 200 weitere Menschen,
die auf verschiedene Weise zu ihm gehören,
gleichsam eine Familie – aber eben viel größer gedacht.
Dieses „Größer denken" merken wir heute auch in der Herz-Jesu-Präfation, im Hochgebet. Dort beten wir:
„Das Herz des Erlösers ist offen für alle,
damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heils."
Da sieht man die Weite Jesu: alle sind eingeladen,
nicht nur die Christ/innen.
Eingeladen sind alle, aber uns als Christ/innen ist aufgegeben, den Willen Gottes zu tun.
Darum beten wir auch im Vaterunser:
„Dein Wille geschehe".
Im Jesuitenorden gab es einen Bruder aus Südtirol, Frater Profanter, kurz: Profi genannt. Wenn wir bei größeren Treffen miteinander Messe gefeiert haben, dann hat er immer die gleiche Fürbitte formuliert, mit seiner tiefen Stimme:
„Dass in allem der Wille Gottes geschehe."
Das habe ich mir als junger Jesuit gemerkt.
Für mich selbst habe ich mich dann immer gefragt:
Was ist der Wille Gottes eigentlich?
Vermutlich ist es so, dass es die Frage selbst ist,
die uns die richtige Spur halten lässt.
Also: Familie größer denken. Und die die Frage nach dem Willen Gottes stellen. Das möchte ich mir heute aus dem Evangelium mitnehmen.
Die Lesung aus dem Buch Genesis,
aus dem ersten Buch der Bibel, ist besonders spannend!
Adam und Eva sind im Paradiesgarten.
Sie haben beide von der Frucht des Baumes gegessen,
von dem sie nicht hätten essen sollen.
Und da kommt dann die erste Frage Gottes
in der Heiligen Schrift: „Wo bist du, Adam?".
Das ist doch spannend. Gott weiß nicht, wo Adam ist?
Wie kann das sein? Das gibt es doch nicht!
Als man einen erfahrenen Rabbi fragte,
ob das möglich ist, da antwortet der:
Gott hat schon gewusst, wo Adam ist.
Aber Adam wusste es nicht!
Adam und Eva waren im Paradies.
Dort haben sie den Willen Gottes eben nicht getan,
und so beginnt eine große Schuld-Verschiebungs-Geschichte.
Adam sagt: Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir zu essen gegeben. Eigentlich bist du schuld, und sonst die Frau.
Und als Gott Eva fragt, sagt die:
Die Schlange hat mich verführt, ich war es nicht.
Diesen Mechanismus kennen wir bei uns selbst.
Wenn etwas schief läuft, dann haben wir die Neigung,
die Schuld bei anderen zu suchen.
Gott fragt nicht nur Adam im Paradies, er fragt uns:
Mensch, wo bist du? Wo stehst du?
Das ist zuerst einmal sehr tröstlich.
Gott sorgt sich um uns.
Es gibt jemanden, der sich für mich interessiert,
der sich um mich kümmert.
Gott macht das meist durch andere Menschen,
das ist seine Methode.
Anfang Mai war ich fünf Tage in Lemberg und Kyiv.
In Lemberg habe ich eine Schule besucht.
Die Direktorin hat uns den Keller gezeigt, in den die Kinder beim Luftalarm gehen müssen. Oft täglich, manchmal jeden zweiten oder dritten Tag. 400 Kinder!
Im Gang ist uns dann ein Bub, etwa 12 Jahre, entgegengekommen, mit Down-Syndrom.
Die Direktorin kümmert sich besonders um die Kinder mit Handicap. Der Bub kommt auf mich zu und begrüßt mich,
indem er seinen Kopf auf mein Herz legt.
So stelle ich mir Gott vor: Er legt seinen Kopf auf mein Herz.
Maximale Empathie. Mehr geht nicht.
Gott kümmert sich um uns, durch andere Menschen.
Die Schuldirektorin in Lemberg nimmt ihre Verantwortung wahr,
für ihre Kinder, für ihre große Familie.
So können wir uns durch die biblischen Texte heute stärken lassen:
Familie groß denken.
Die Frage nach dem Willen Gottes wachhalten.
Wissen, wo wir stehen, wenn wir gefragt werden.
Spüren, wenn Gott sich um uns kümmert,
durch andere Menschen.
Und selbst mit unseren Möglichkeiten helfen,
mit Empathie, maximal.
Amen.
Foto: Tim Marshall via unsplash.com