Wir alle kennen die Geschichte von der wundersamen Brotvermehrung. Sie wird im Neuen Testament in unterschiedlichen Versionen erzählt und hat eine lange Vorgeschichte im Alten Testament. Gott selbst nährt sein Volk in wunderbarer Weise, viele werden satt, die sonst hungern müssten, Gott ist ein Gott des Überflusses. Die Geschichte hat unterschiedliche Aspekte. Sehen wir uns einige dieser Aspekte in vier Punkten ein wenig genauer an!
1) Mangelerfahrung und Gottes Großzügigkeit. Ohne Brot, ohne Essen und Trinken, können wir Menschen nicht überleben. Wir sind existentiell angewiesen auf Nahrungsmittel, die deshalb auch Lebensmittel heißen. In Zeiten der Überversorgung ist das oft nicht so deutlich spürbar. Wie viele Menschen kämpfen heute mit Übergewicht! Wie viel Nahrungsmittel landen bei uns auf dem Müll! Aber in der Geschichte der Menschheit hat die Erfahrung des Mangels, die Erfahrung der Knappheit, die Erfahrung des Hungers dominiert. In der Geschichte von der wundersamen Brotvermehrung wird auch diese Erfahrung thematisiert: Die Menschen brauchen Essen. Jesus geht auf diese Erfahrung ein und zeigt die Großzügigkeit und Freigiebigkeit Gottes. Gott schenkt im Überfluss, er hält nichts zurück, bei Gott gibt es keinen Mangel und keine Knappheit. Gott kennt unseren Hunger und er stillt ihn. Das Vertrauen auf Gott stillt unseren existentiellen Hunger, nur in der Gemeinschaft mit Gott wird unsere tiefste Sehnsucht nach unbedingter Geborgenheit gestillt. „Hungrig ist unser Herz, bis es Nahrung findet in Dir, mein Gott" könnte man in Abwandlung eines berühmten Augustinus-Wortes sagen.
2) Das Kleine ist wichtig. Oft haben kleine Dinge große Bedeutung. Jesus wird in einfachsten Verhältnissen geboren. Das Wort Gottes wird in einem schlichten menschlichen Wort weitergegeben. Ein kleiner Junge hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische, und letztlich werden 5000 Männer davon satt. Gott handelt anders, als wir das von ihm vielleicht erwarten würden. Gott bedient sich des Unscheinbaren, des Niedrigen, auch des Verachteten, um damit das Heil zu wirken. Wir Menschen wollen immer von unten nach oben schauen und bewundern das Große und Prächtige; Gott schaut auf das Kleine und Niedrige und macht es dadurch groß. Für unser Leben kann das bedeuten, dass wir dem Unscheinbaren vielleicht mehr Aufmerksamkeit widmen sollten. Und wir sollten nicht verzagen, wenn wir nur wenig zustande bringen oder leisten können. Aus unseren kleinen Versuchen kann Gott Großes und Wunderbares machen. Ein kleines Lächeln, ein gutes Wort, ein einfacher Dienst, ein kurzes Stoßgebet: als das kann wunderbar sein. Es geht nicht um den messbaren Erfolg, sondern mehr um eine innere Haltung, um eine Haltung des Vertrauens. Damit komme ich zum nächsten Punkt.
3) Gott wirkt in der menschlichen Selbstlosigkeit. Die Brotvermehrung wird traditionellerweise als ein göttliches Wunder verstanden. Ein Wunder im christlichen Sinn besteht aber nicht darin, dass Gott die Naturgesetze durchbricht. Das eigentliche Wunder ist, dass Gott in Jesus uns anspricht und Gemeinschaft mit sich schenkt: Wir Menschen sind geborgen in der Liebe Gottes. Unser Glaube bezieht sich auf dieses Wunder und ist darum selbst wunderbar, nicht durch die Vernunft einzuordnen, höher als alle Vernunft. Alle Hoffnung und alle Liebe, die aus diesem Glauben kommt, sind auch ein Wunder. Gott wirkt im Menschen durch Glaube, Hoffnung und Liebe. Durch den Glauben werden Menschen aus der Macht der Angst um sich selbst befreit, die andernfalls immer wieder zu Egoismus und Unmenschlichkeit führt. Wer in der Angst um sich gefangen ist, der muss alles krampfhaft festhalten. Wer sich aber im Letzten geborgen weiß, der kann selbstlos sein und auch mit anderen teilen. Und wo Menschen zu teilen bereit sind, da werden viele satt, die sonst hungern müssten. Wer in dieser von Gott gewirkten Bereitschaft zur Selbstlosigkeit nicht ein Wunder erkennt, der müsste sich seiner Blindheit schämen.
4) Das Wunder der Eucharistie. Die wundersame Brotvermehrung kann auch allegorisch auf die Eucharistie hin gedeutet werden. Gewöhnliches Brot und gewöhnlicher Wein werden in der Kraft des Heiligen Geistes gewandelt und zu Lebensmitteln des Glaubens, zu Jesu Fleisch und Blut. Der Sohn Gottes will unsere Nahrung sein, er gibt sich uns hin, wir nehmen ihn auf, er verbindet sich mit uns in einer Weise, gegen die keine Macht der Welt ankommt: Wir bekommen Anteil am Leben Gottes. Martin Luther hat einmal gesagt, „in der Eucharistie werden wir ein Kuchen mit Christus." Gott sieht in jedem von uns seinen eigenen geliebten Sohn, er erfüllt uns mit Gerechtigkeit und Heiligkeit Jesus Christi. Wir werden aufgenommen in die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn, die der Heilige Geist ist. In jeder Eucharistiefeier werden wir uns dessen dankbar bewusst, in jeder Eucharistiefeier wird das sakramental vergegenwärtigt. Es ist das Wunder über alle Wunder. Und dieses Wunder dürfen wir auch heute wieder feiern.
Vier Punkte zum heutigen Sonntagsevangelium über die Brotvermehrung: 1) Mangelerfahrung und Gottes Großzügigkeit, 2) Das Kleine ist wichtig, 3) Gott wirkt in der menschlichen Selbstlosigkeit, 4) Das Wunder der Eucharistie. Vielleicht helfen sie uns, um die Wunder Gottes in unserem Leben besser zu erkennen. Amen.
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