Das Erntedankfest ist ein christliches Fest, das auf Vorläufer im Römischen Reich, im antiken Griechenland oder auch in Israel zurück geht. Wie der Name schon sagt, feiern wir es aus Dankbarkeit für die Gaben der Natur zur Zeit der Ernte, also immer im Herbst. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass wir eine gute Ernte haben, es ist nicht selbstverständlich, dass wir all das bekommen, was wir zum Leben brauchen. Deshalb dürfen und sollen wir dafür dankbar sein. Das Fest hat eine besondere Bedeutung in landwirtschaftlich geprägten Kulturen, wo man sich der Abhängigkeit gegenüber der Natur noch deutlicher bewusst ist. Erntedank ist aber auch eine gute Gelegenheit, ganz allgemein über die Dankbarkeit und ihre Rolle im christlichen Leben nachzudenken.
Dankbarkeit ist etwas, das uns menschlich macht, so wie wir sein sollen. Ein Mensch, der nicht „danke!" sagen kann, ein Mensch, der keine Dankbarkeit empfinden kann, dem würde etwas ganz Wichtiges fehlen. Die Haltung der Dankbarkeit ist der Schlüssel zu einem gelungenen Leben: Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.
Das wusste man schon immer. Der römische Philosoph Cicero meint: „Dankbarkeit ist nicht nur die größte aller Tugenden, sondern auch die Mutter aller anderen." Und Ignatius von Loyola hat einmal geschrieben: „In seiner göttlichen Güte erwäge ich, vorbehaltlich eines besseren Urteils, dass unter allen vorstellbaren Übeln und Sünden die Undankbarkeit eines der von unserem Schöpfer und Herrn und vor den Geschöpfen, die seiner göttlichen und ewigen Ehre fähig sind, am meisten zu verabscheuenden Dingen ist, weil sie Nichtanerkennung der empfangenen Güter, Gnaden und Gaben ist, Ursache, Ursprung und Beginn aller Sünden und aller Übel; und umgekehrt, wie sehr die Anerkennung und Dankbarkeit für die empfangenen Güter, Gnaden und Gaben sowohl im Himmel wie auf der Erde geliebt und geschätzt wird." Ignatianische Spiritualität ist eine Spiritualität der Dankbarkeit.
Auch die moderne Psychologie hat gezeigt, dass dankbare Menschen glücklicher und weniger depressiv sind. Sie leiden weniger unter Stress und sind zufriedener mit ihrem Leben und ihren sozialen Beziehungen. Sie gehen leichter mit schwierigen Situationen um. Dankbare Menschen schlafen besser, vermutlich weil sie weniger negative Gedanken vor dem Einschlafen haben. Dankbarkeit schützt laut einer Studie der University of California sogar das Herz.
Wir sollten also dankbar sein, uns immer wieder neu in der Dankbarkeit üben. Aber das ist manchmal gar nicht so leicht. Denn neben all den guten Erfahrungen, die wir machen, gibt es auch ganz viel Negatives in unserem Leben und in der Welt. Leiderfahrungen, Widrigkeiten und Belastungen gehören zwangsläufig zum menschlichen Leben. Das Leben kann sehr hart sein. Jeder steht in der einen oder anderen Weise in einem Lebenskampf, da wird einem nichts geschenkt, die Welt ist unbarmherzig. Und am Ende wartet unausweichlich der Tod. Keine noch so großes Glück in dieser Welt kommt dagegen an, dass Vergänglichkeit und Tod immer das letzte Wort haben. Einmal wird uns alles genommen. Wird dadurch nicht alles sinnlos? Ist unser Leben nicht eine Tragikomödie? Wie soll man da dankbar sein? Was kann man dazu aus der Sicht des christlichen Glaubens sagen?
Glaube bedeutet, sich auf Jesu Wort hin von Gott geliebt zu wissen. Wir vertrauen dem Wort Gottes, das uns von anderen Menschen zugesagt wird und in Jesus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, seinen Ursprung hat. In diesem Wort schenkt Gott Gemeinschaft mit sich selbst, schon hier und jetzt, und auch in alle Ewigkeit, nicht weil wir es irgendwie verdient hätten, sondern weil er unendlich gut ist. Nicht einmal der Tod kann dagegen ankommen, dass wir in der Liebe des Vaters zum Sohn geborgen sind. Glaube bedeutet, sich auf Jesu Wort hin von Gott geliebt zu wissen. Und wer so glaubt, der wird auch fähig zur Dankbarkeit, weil sich seine ganze Welterfahrung verändert. Die Welt wird für den Glaubenden zu einem Gleichnis seiner Gemeinschaft mit Gott. Das geschieht in positiver und in negativer Weise.
Zum einen gilt positiv: Jede gute Erfahrung, so gering und vergänglich sie auch sein mag, wird für den Glaubenden zum Bild der Liebe Gottes. Das bedeutet, dass man sich über jede gute Erfahrung von Herzen freuen kann, ohne sie jedoch zu vergöttern und sich um jeden Preis an sie zu klammern. Und man kann sich auch mit jeder guten Erfahrung anderer mitfreuen. Alles Gute in der Welt bekommt im Glauben Geschenkcharakter und weist uns auf Gott hin, ohne den nichts sein kann.
Zum anderen gilt negativ: Leid und Tod haben für den Glaubenden nicht mehr die Macht, ihn von der Gemeinschaft mit Gott zu trennen. Sie haben aufgehört, Gleichnisse seiner wahren Situation zu sein. Sie hindern allerdings zu Recht daran, die gute Erfahrung in dieser Welt, die ja nur Gleichnis ist, absolut zu setzen und so mit Gott zu verwechseln. Sie verweisen in einem negativen Sinn auf die Gemeinschaft mit Gott als das, wodurch die überwunden sind. So kann man dann auch mit dem Leid anders als in Verdrängung oder Verzweiflung umgehen, und vor allem auch anderen im Leid beistehen.
Man soll sich zwar in der Dankbarkeit üben, zum Beispiel indem man am Abend den vergangenen Tag Revue passieren lässt und bewusst für alles Gute danksagt. Oder indem man die Eucharistie wirklich als eine Feier der Dankbarkeit begeht. Aber letztlich ist Dankbarkeit selbst ein Geschenk, so wie der Glaube. Jesus sagt: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." Kinder haben nichts vorzuweisen, sie können sich nicht auf ihre eigene Leistung berufen, sondern nehmen ganz selbstverständlich in Anspruch, was ihre Eltern ihnen geben. Und so ähnlich stehen Glaubende mit leeren Händen vor Gott, in einer Haltung des Vertrauens und im Bewusstsein, dass sie ganz angewiesen sind auf ihren Vater im Himmel, dass sie dankbar sein dürfen, weil Gott es unendlich gut mit ihnen meint.
Beten wir also darum, dass wir dankbar sein können, nicht nur heute am Erntedankfest, sondern an allen Tagen unseres Lebens.
P. Robert Deinhammer SJ
Bild: Hamza Lahlimi via unsplash.com