
Wenn/Dann: „Wenn du dich anstrengst, dann kannst du Karriere machen." „Wenn du dich vernünftiger ernährst, dann kannst du gesund bleiben." „Wenn du tust, was ich will, dann bin ich nett zu dir." Solche Konditionalsätze sind uns geläufig. Sie zeigen uns, dass unser Leben unter vielfältigen Bedingungen steht. Sie zeigen uns, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, natürliche und soziale Gesetzmäßigkeiten, die wir beachten müssen, wenn wir unsere Ziele erreichen und unsere Bedürfnisse befriedigen wollen.
Auch bei Gott scheint es solche Gesetzmäßigkeiten und Bedingungen zu geben. Auch bei Gott scheint das „Wenn/Dann" zu gelten. Wir haben es ja gehört: „Wenn du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, indem du auf alle seine Gesetze und Gebote, auf die ich dich verpflichte, dein ganzes Leben lang achtest, du, dein Sohn und dein Enkel, dann wirst du lange leben." Mit anderen Worten: Wenn du erfüllst, was Gott von dir fordert, dann wird es dir gut gehen. Sonst nicht. Wenn du Gott liebst, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft, dann wirst du das Heil finden. Sonst nicht. Das ist das Gesetz. Der eine und einzige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, er hat es als Bundeszeichen gegeben und durch Mose verlautbaren lassen. Es ist ein heiliges Gesetz. Und im Laufe der Zeit hat es bis zu 600 Vorschriften enthalten, die man einhalten musste, um Gott zu gefallen. Es wurde immer komplizierter.
Was sagt Jesus zum Gesetz? Jesus ist auch ein Gesetzeslehrer. Er vereinfacht das Gesetz und führt es auf das Wesentliche zurück, auf die Gottes- und Nächstenliebe. Jesus schafft Klarheit, er interpretiert das Gesetz wieder in seinem ursprünglichen Sinn. Der Sabbath ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbath. Aber zugleich radikalisiert Jesus das Gesetz, weil es ihm viel mehr um die inneren Absichten im Herzen des Menschen als um das äußere Verhalten geht. In der Bergpredigt wird das deutlich. Hier haben wir das Gesetz in Reinform vor uns. Es geht darum, ein liebevoller Mensch zu sein, mit allem, was das mit sich bringt.
„Wenn du das Gesetz erfüllst, wenn du Gott und den Nächsten wirklich liebst, dann bist du gerecht vor Gott, dann kommst du zum Heil." Das Problem ist nur, dass das niemand von sich aus kann. Niemand kann aus eigenen Kräften Gott und den Nächsten lieben, niemand kann das Gesetz erfüllen, immer wieder scheitern wir daran, immer wieder werden wir unmenschlich, im Großen wie im Kleinen. Das Gesetz ist wie ein Spiegel, der uns zeigt, wer wir wirklich sind. Da ist wenig Liebe zu Gott und zum Nächsten, aber viel Selbstgerechtigkeit. Da ist die Furcht vor ganz vielen Dingen, aber wenig Gottesfurcht. Wir hängen unser Herz an alles Mögliche, aber wo bleibt das Gottvertrauen? Im Alltag scheint man sich hochanständig zu verhalten. In Wirklichkeit gilt bereits die Hackordnung. Und die Angst bricht überall da aus, wo man sich in irgendeiner Weise als bedroht erfährt. Dann geht man notfalls auch über Leichen. Eigentlich sind wir alle erlösungsbedürftig, gefangen in der Angst um uns selbst. Das zeigt uns das Gesetz. Und so bereitet es uns auch auf das Evangelium vor. Wie ist das gemeint?
Jesus ist ein Gesetzeslehrer. Aber Jesus lehrt nicht nur das Gesetz, er verkündet vor allem das Evangelium, die gute und befreiende Botschaft von der Erlösung. Dazu ist der Sohn ja Mensch geworden, um das Evangelium zu verkünden, den Armen, den Gefangenen, den Kranken, den Sündern, den Verzweifelten, uns allen. Es ist wie ein Licht in finsterer Nacht: Das Wort Gottes, durch das Gott seine Gnade und Liebe zu uns offenbar macht. Gott liebt uns nicht, weil wir das irgendwie verdient hätten, sondern weil er unendlich gut ist. Der Vater liebt uns so wie seinen eigenen Sohn, mit derselben Liebe. Diese Liebe ist der Heilige Geist. Es ist eine Liebe, die nicht von Bedingungen abhängt, sondern unveränderlich ist, eine Liebe, die ich auch nicht an den Zuständen der Welt ablesen kann, an meinem irdischen Erfolg und Wohlbefinden. Ich kann sie nicht kontrollieren, nicht in den Griff bekommen, nicht mit ihr rechnen. Ich muss mir das Evangelium gesagt sein lassen, immer wieder neu, ich muss immer wieder zu Jesus kommen, auf ihn hören, damit ich glauben kann, damit ich aus einem Vertrauen leben kann, das stärker ist als die Angst um mich selbst. Das Evangelium ermöglicht uns den Glauben an ein Geborgensein, das im Leben und im Sterben gilt.
Jesus wurde wegen seiner Botschaft abgelehnt und am Kreuz umgebracht. Denn das Evangelium ist etwas ganz Neues, etwas Unerhörtes, etwas Schockierendes. Es ist eigentlich das Ende aller Religion. Es zerstört die Logik des „Wenn/Dann", weil es eine völlig bedingungslose Zusage und Verheißung ist: „Hier hast du, du musst nichts tun, um meine Liebe und Barmherzigkeit zu verdienen, ich schenke sie dir in Jesus Christus, du muss nicht einmal dankbar sein, du bist frei." So spricht Gott zu uns im Evangelium. Gott lieben heißt dann, ganz auf seine Liebe zu uns vertrauen, und keinen falschen Göttern mehr nachlaufen. Gottesliebe ist identisch mit dem Glauben.
Und aus dieser Gottesliebe kommt dann auch die Liebe zum Nächsten, sie ist deren natürliche Frucht und Folge. Wer sich von Gott geliebt weiß, kann selber liebevoll sein. Den Nächsten wie sich selber lieben heißt, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen, und ihm dann das zu tun, was für ihn wirklich hilfreich ist. Nächstenliebe im Sinne Jesu ist kein Gefühl, sondern eher eine Entscheidung, die konkret werden muss. Wer seinen oder seine Nächste wie sich selbst liebt, der kreist nicht mehr ständig um das eigene Ego, der hält sich nicht mehr für den Mittelpunkt der Welt, der schwingt nicht nur große Reden von der Veränderung der Gesellschaft und der Kirche, sondern der ist bereit, sich einzusetzen, auch wenn ihn das etwas kostet.
Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. Bitten wir Gott, dass wir immer wieder neu auf seine Liebe zu uns vertrauen können und so selber zu liebevollen Menschen werden. Amen.